Kino und Bücher für Blinde Wie barrierefrei sind Medien in Deutschland?

Blinde Menschen lesen mit den Fingern;
Blinde Menschen lesen mit den Fingern; | Foto (Ausschnitt): © Fotolia

Blinde Menschen wünschen sich Kultur ohne Hindernisse. Doch das Angebot an Filmen und Büchern ist für sie überschaubar. Das ließe sich leicht ändern.

Auch blinde Menschen lesen gerne. Viele gehen sogar ins Kino. Sie wünschen sich Kultur ohne Barrieren. Doch Kino für Blinde findet in Deutschland kaum statt. Auch der Zugang zu blindengerechter Literatur hakt seit Jahren an der Frage, wer für die Umsetzung zuständig ist. Blinde und sehbehinderte Menschen werden in Deutschland nicht statistisch erfasst. Schätzungen, die auf Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2002 für andere Länder basieren, gehen von ca. 1,2 Millionen Betroffenen in Deutschland aus.

Wenn man einen Film nicht sieht, sondern nur hört, erschließt sich zumindest die grobe Handlung über den Ton. Durch Geräusche und die Dialoge der Darsteller entstehen Bilder im Kopf. Auch Musik kann wertvolle Hinweise liefern, welche Stimmung gerade herrscht. Die meisten Bilder bleiben für blinde Zuschauer jedoch unsichtbar. Die Lösung heißt Audiodeskription, akustische Bildbeschreibung. In den Momenten, in denen in einem Film nicht gesprochen wird, ist eine Stimme zu hören. Die Stimme beschreibt alles, was sich stumm abspielt: Das Äußere der Figuren, Gesten und Gesichtsausdrücke. Auch Untertitel werden vorgelesen.

Audiodeskription ist Pflicht, wird aber nicht ausgestrahlt

Die Beschreibungen sind knapp gehalten, denn sie müssen ja in die stummen Momente des Films passen. So geht nichts von der Filmhandlung verloren und blinde Menschen genießen ein umfassendes Kinoerlebnis. Im deutschen Fernsehen werden sogenannte Hörfilme vor allem von den öffentlich-rechtlichen Sendern ARD, ZDF und Arte ausgestrahlt. Das Bewusstsein für Barrierefreiheit im Kino will der jährlich verliehene Deutsche Hörfilmpreis fördern. 2016 wurden das britische Beziehungsdrama 45 Years mit Charlotte Rampling und Tom Courtenay sowie Borowski und der Himmel über Kiel, ein Krimi aus der Tatort-Reihe als beste Hörfilme ausgezeichnet.

Damit ein Film Gelder aus der Filmförderung erhält, muss eine Audiodeskription für Blinde hergestellt werden, das ist inzwischen in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben. Es gibt jedoch keine Verpflichtung, die Filme dann auch barrierefrei auszustrahlen. Eine absurde Situation: Viele Filme, zu denen eigentlich eine Fassung für Blinde vorliegt, werden nicht barrierefrei gezeigt. Gerade Blockbuster laufen nur sehr selten in der Version mit Audiodeskription.

Harry Potter in Blindenschrift füllt mehrere Regale

Ähnlich überschaubar ist die Auswahl auf dem Buchmarkt: Gerade einmal fünf Prozent der deutschsprachigen Literatur sind für blinde Leser zugänglich. In Deutschland lernen Blinde in der Regel Braille, eine Schrift aus Punkten, die mit den Fingern gelesen wird. Es gibt Druckereien, die Bücher in Braille umsetzen, beispielsweise die Punktschriftdruckerei in Paderborn. Braillebücher sind jedoch teuer und unhandlich – die gesamte Harry-Potter-Reihe zum Beispiel füllt in Blindenschrift mehrere Regale. Vor allem bei jüngeren Lesern geht das Interesse an Punktschriftbüchern zurück. Hier ist das Hörbuch auf dem Vormarsch.

Zu fast jedem aktuellen Bestseller erscheint zeitnah ein Hörbuch. Allerdings sind die Werke häufig gekürzt – und zudem teurer als ihre gedruckten Pendants. Hörbüchereien für Blinde könnten eine Alternative bieten: Dort werden ungekürzte Hörbücher produziert, die blinde Menschen kostenlos ausleihen können. Es handelt sich dabei nicht um kommerzielle Hörbücher, wie sie in Buchhandlungen verkauft werden, sondern die Lesungen sind an die Bedürfnisse blinder Hörer angepasst: Bilder werden erklärt, Tabellen aufgeschlüsselt und über ein spezielles Datenformat namens Daisy (Digital Accessible Information System) sind diese Hörbücher sogar zitierfähig. In Deutschland gibt es Blindenhörbüchereien in Berlin, Bonn, Hamburg, Leipzig, Marburg, München und Münster. Die 1894 gegründete Deutsche Zentralbücherei für Blinde (DZB) in Leipzig ist Deutschlands älteste öffentliche Blindenbücherei und eine der größten. 5.000 aktive Nutzer leihen hier regelmäßig Braille- und Hörbücher aus einem Bestand von 50.000 Medien aus. Ein vergleichbar großes Angebot bietet die Deutsche Blinden-Bibliothek in Marburg mit einem Bestand von 45.000 Daisy-Titeln. Mehrere Hundert Daisy-Bücher verschicken die beiden Hamburger Bibliotheken Norddeutsche Blindenhörbücherei e. V. und Stiftung Centralbibliothek für Blinde täglich – das ergibt eine jährliche Ausleihe von 165.000 Buchtiteln.

Gebremst durch einen Zuständigkeitsstreit

Eine große Hürde ist allerdings das deutsche Urheberrecht. Wer ein Buch barrierefrei produzieren will, muss die Genehmigung des Rechteinhabers einholen. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass die Verlage diese Zustimmung erteilen. Abhilfe könnte ein neues EU-Abkommen schaffen: Der sogenannte Marrakesch-Vertrag sieht vor, dass barrierefreie Literatur ohne Zustimmung der Rechteinhaber produziert werden kann. Das würde die Arbeit der Blindenbibliotheken ungemein erleichtern.

Doch obwohl der Marrakesch-Vertrag bereits 2013 von der EU ratifiziert wurde, setzt ihn die Bundesregierung noch nicht um. Grund dafür ist ein Streit zwischen der Europäischen Kommission und den EU-Mitgliedsländern um die rechtliche Zuständigkeit. Erst wenn dieser Streit beigelegt ist, haben blinde Menschen endlich Zugang zu einer breiteren Auswahl an Büchern.