Wert der Philosophie „Partner für ganz praktische Debatten“

Welche Bedeutung hat die Philosophie heute in Deutschland?
Welche Bedeutung hat die Philosophie heute in Deutschland? | Foto (Ausschnitt): © David Herbertson/iStock

Philosophie leistet Beratung bei wichtigen gesellschaftlichen Fragen, sagt Dominik Perler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie. Auch deshalb sei das Interesse an philosophischen Themen in Deutschland gleichbleibend hoch.

Herr Perler, Sie haben unter anderem in der Schweiz studiert, an Hochschulen in England und den USA gearbeitet und sind jetzt Professor an der Humboldt-Universität in Berlin. Was reizt Sie daran, in Deutschland Philosophie zu lehren?

Verschiedene Gründe sprechen dafür, gerade in Deutschland Philosophie zu betreiben. Die deutsche Philosophie hat eine große Ausstrahlung und zieht viele Interessierte an, in Berlin und an anderen klassischen Studienorten. Man findet hier sehr gute Studierende, zahlreiche Gastwissenschaftler und ein inspirierendes kulturelles Umfeld. Ein weiterer Grund ist die anregende Mischung aus philosophischen Methoden und Ansätzen.

Gibt es denn überhaupt so etwas wie eine „deutsche Philosophie“?

Nein, zum Glück nicht. Es gibt keine homogene Schule oder Tradition, sondern es sind mehrere Traditionen gleichzeitig präsent, und der Austausch zwischen ihnen macht die Arbeit interessant. Wir versuchen, klassische Theorien aufzugreifen, sie in moderner Sprache zugänglich zu machen und mit gegenwärtigen Fragestellungen zu verbinden. Ich habe zum Beispiel gerade den Band The Faculties herausgegeben. Darin geht es um die Frage, was geistiges Vermögen oder geistige Fähigkeiten sind. Diese Frage hat schon Aristoteles und Immanuel Kant beschäftigt, sie spielt aber auch in der heutigen Kognitionspsychologie und -philosophie eine Rolle.

„Fester Platz in Feuilletons, Radio, Fernsehen“

Lange hatte man den Eindruck, die Natur- und Kognitionswissenschaften stellen die erkenntnistheoretischen Grundlagen der Philosophie infrage. Wie ist das Verhältnis heute?

Es gibt viel Austausch und Zusammenarbeit und kaum Anfeindungen. Ein gutes Beispiel ist die „Berlin School of Mind and Brain“, in der Philosophen eng mit Neurowissenschaftlern, Linguisten und Psychologen an Problemen rund um den Geist zusammenarbeiten. Ich selbst habe zum Thema „Geist der Tiere“ geforscht, was eine Auseinandersetzung mit der Biologie, aber auch mit Anthropologie und Psychologie bedeutete. Die klassische Aufgabe der Philosophie bei einem solchen Projekt besteht in der Begriffsklärung. Sie untersucht kritisch die Begriffe, die in anderen Disziplinen verwendet werden, freilich ohne dabei als eine Art Begriffspolizei aufzutreten.

Die Philosophie erlebt gerade einen Aufmerksamkeitsschub. Am Kiosk gibt es Philosophie-Zeitschriften, das Festival „Phil Cologne“ ist regelmäßig ausverkauft. Wie sehen Sie die öffentliche Wahrnehmung Ihres Fachs in Deutschland?

Philosophie wird geschätzt als Fach, das sich an ganz praktischen Debatten beteiligt. Wir werden bei medizin- oder bioethischen Problemen zurate gezogen, aber auch bei Grundfragen, die ein breites Publikum beschäftigen, wie etwa: „Was ist mein Geist?“ Mich begeistert bei Vorträgen immer wieder, wie stark die Öffentlichkeit an solchen Fragen interessiert ist. Es ist auch beachtenswert, dass die Medien der Philosophie nach wie vor einen wichtigen Platz einräumen. In deutschen Feuilletons, im Radio und selbst im Fernsehen spielt Philosophie eine Rolle.

„Von der Philosophie Kompetenz in Detailfragen verlangen“

Haben Sie den Eindruck, dass dabei die Philosophie im Vordergrund steht, oder eher der Philosoph als Figur des öffentlichen Lebens?

Es gibt beides. Sicher besteht auch das Bedürfnis nach einzelnen markanten Personen, manchmal artet das in einen Personenkult aus. Es gibt andererseits aber auch den Wunsch nach so etwas wie fachlicher Beratung. In medizinethischen Debatten zum Beispiel ist es wichtig, dass man mit Fachethikerinnen und -ethikern spricht und dass diese in politischen Gremien vertreten sind. Dieser Dialog ist sehr produktiv. Man sollte die Philosophen nicht einfach als Erklärer des großen Ganzen sehen, sondern von der Philosophie auch eine Fachkompetenz in Detailfragen verlangen.

In der Kunst- und Kulturtheorie ist die Philosophie ebenfalls präsent. Wie sehen Sie diesen Austausch?

Da gibt es enge Berührungen, bei uns an der Humboldt-Universität Berlin etwa zwischen dem Institut für Kulturwissenschaft und dem Institut für Philosophie. Es werden jeweils verschiedene Traditionen fortgeführt, aber man tauscht sich auch aus. So greift die Kulturwissenschaft teilweise auf französische Autoren zurück, aber auch auf Theodor W. Adorno und Max Horkheimer.

Warum würden Sie Schulabgängern raten, Philosophie zu studieren?

Zunächst einmal, weil man lernt, klar zu denken und Probleme zu analysieren. Zweitens: Weil man erfährt, wie man Theorien miteinander vergleicht und von verschiedenen Seiten an ein bestimmtes Problem herangeht. Schließlich, weil man auch allgemeine Fähigkeiten erwirbt: zu analysieren, klar zu formulieren, klar zu schreiben. Das alles lässt sich auch außerhalb der Philosophie einsetzen. Nur die kleinste Prozentzahl der Philosophiestudierenden bleibt an der Universität, andere sind im Auswärtigen Dienst tätig, im Journalismus, im Verlagswesen, aber auch bei Personalberatungsfirmen. Ein Philosophiestudium bietet eine Grundlage für vieles.