Stadtentwicklung Wolfgang Maennig: „Keine olympische Disziplin“

Olympia 2016 in Rio de Janeiro
Olympia 2016 in Rio de Janeiro | Foto (Ausschnitt): © f11photo/Fotolia

Olympische Spiele haben in erster Linie einen positiven Effekt für den Sport, sagt Wirtschaftsprofessor und Ruder-Olympiasieger Wolfgang Maennig. Warum er sich gegen Olympia als Stadtentwicklungsinstrument ausspricht, erläutert er im Interview.

Wirtschaftsprofessor und Ruder-Olympiasieger Wolfgang Maennig Wirtschaftsprofessor und Ruder-Olympiasieger Wolfgang Maennig | © Universität Hamburg
Herr Maennig, fördern Megaevents wie die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro die Wirtschaft einer Stadt oder einer Region?


Statistische Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass Einkommen, Beschäftigung, Steuereinnahmen und Tourismuszahlen durch solch ein Mega-Event nicht steigen. Es gibt nur wenige Ausnahmen wie die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika 2010. Dort nahmen die Touristenzahlen zwischen 100.000 und 200.000 Menschen zu, wahrscheinlich weil die WM in der Nebensaison stattfand. Normalerweise finden solche Events aber in der Hauptsaison statt, wenn die Kapazitäten der Gastgeber sowieso ausgebucht sind.
 
Wie schätzen Sie die Touristenzahlen mit Blick auf Rio ein?

Auf dieser statistischen Basis ist davon auszugehen, dass es keine signifikanten Effekte geben wird. Touristisch ist in Brasilien zwar Nebensaison, aber die Olympischen Spiele werden von vielen Problemen überlagert sein wie der wirtschaftlichen Situation im Land und der weltweit angespannten Lage. Hinzu kommen Diskussionen um das Zika-Virus, Unruhen und Kriminalität in Rio – das schreckt tendenziell Touristen ab. Eines ist wichtig: Selbst wenn es einen Effekt wie in Südafrika geben sollte, wird er deutlich kleiner sein als die erwartete halbe Million oder Million zusätzliche Touristen.
 
Haben Mega-Events überhaupt positive Effekte? Zum Beispiel für Infrastruktur und Bevölkerung?

Natürlich gibt es positive Effekte. Beginnen wir beim Sport, um den es ja in erster Linie geht. Hier ist ein starker Heimvorteil empirisch nachgewiesen. Deshalb erwarten wir im Fall von Rio eine deutliche Zunahme der brasilianischen Medaillenzahlen. Das ist aus Sicht des brasilianischen Sports ein großer Wert an sich. Die Frage nach der Infrastruktur ist eigentlich fehlgeleitet. Es ist nicht die Aufgabe von Olympischen Spielen, die Stadtentwicklung zu fördern. Stadtentwicklung ist keine olympische Disziplin.
 
Was könnte dann ein positiver Effekt sein?

Der positive Wert von Olympischen Spielen sind die Spiele an sich. Sie auszurichten ist der Lohn, den eine Stadt bekommt. Sie steigt auf in eine ausgesuchte Liga von olympischen Städten in der Welt. Sie erfährt dieses wunderbare Erlebnis, den besten Sport in der Stadt zu haben – das ist der Lohn. Die Frage „Was haben wir davon?“ im Sinne von „Bekommen wir dafür Geld, wenn wir uns und unseren Gästen ein großes Fest bereiten?“ ist von vornherein falsch gestellt.
 
Warum steht die Stadtentwicklung trotzdem immer im Fokus?

Wir leiden unter dem Barcelona-Syndrom. Dort ist es gelungen, die Stadtentwicklung im Zuge der Olympischen Spiele 1992 erfolgreich voranzutreiben. Allerdings hatte dies einen einzigartigen historischen Hintergrund: Franco hatte Katalonien vernachlässigt. Spanien hatte sozusagen etwas gut zu machen. 1986 trat das Land der Europäischen Union bei, deren Fördertöpfe waren nun erreichbar. Seitdem bewerben sich die Entscheidungsträger aller Welt nicht mehr um die Olympischen Spiele, weil sie die besten Sportler in ihrer Stadt haben wollen, sondern weil sie in eine Position kommen wollen, ihre nationale Regierung um Milliarden öffentlicher Zuwendungen erpressen zu können.
 
In Rio protestiert die Bevölkerung gegen Umsiedlungen und Preissteigerungen. Wie können diese Probleme in Zukunft umgangen werden?

Die Tendenz zu einem Missbrauch Olympias als einem fehlgeleiteten Stadtentwicklungsinstrument müssen wir als olympische Familie verändern. Ja, es hat uns eine Weile lang gefallen, dass anlässlich unseres Sportfestes Milliarden in Stadtentwicklung gesteckt wurden. Das hat uns scheinbar aufgewertet. Aber inzwischen sind uns die Milliardenausgaben, die nichts mit Olympia zu tun haben, auf die Füße gefallen. Der wachsende Widerstand in den lokalen Bevölkerungen gegen Olympia basiert wesentlich auf dem Glauben, dass die Spiele Milliarden kosten würden. Die Hamburger Bevölkerung mit ihrer ablehnenden Haltung ist kein Einzelfall, sondern die Regel. Auch die Abstimmungen in Wien, Krakau, München und St. Moritz/Graubünden gingen verloren. Ein Hauptargument der Gegner waren immer die Ausgaben in Milliardenhöhe.
 
Wie kann Olympia für Städte wieder attraktiver werden?

In der olympischen Familie müssen die Alarmglocken schrillen. Es ist unsere Pflicht zu reagieren und zu sagen: Wir wollen nicht mehr, dass unter dem Deckmantel von Olympia eine zuvor verschlafene Stadtentwicklung betrieben wird. Wir wollen ein Sportereignis, mehr nicht. Bitte keine neuen Autobahnen, Flughäfen oder Bahnhöfe speziell für Olympia. Dafür müssen wir natürlich unsere Ansprüche herunterschrauben, auch mal kleinere Sportstätten akzeptieren und mit bestehenden Infrastrukturen zufrieden sein. Um es deutlich zu machen: Bisher galt Olympia als Königsweg der Stadtentwicklung, und das ist schiefgegangen. In Zukunft muss Olympia als Krönung einer gelungenen Stadtentwicklung gelten. Die Spiele sollten nur noch in Städte gehen, die für ihre Bürger eine so überzeugende Sportstätten-Infrastruktur erreicht haben, dass sie einen Mega-Event ohne große Investitionen betreiben können. 

Wolfgang Maennig, Jahrgang 1960, ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hamburg. Im Jahr 1988 wurde er in Seoul Ruder-Olympiasieger. Maennigs Gutachten zur Finanzierung von Sportgroßereignissen, die er unter anderem vor den deutschen Olympiabewerbungen (Berlin 2000, Leipzig 2012) erstellt hatte, fanden viel Beachtung.