Ochre Dance Company Durch Bewegung Grenzen durchbrechen

Ochre performt Kaya in Bunbury, Westaustralien.
Ochre performt Kaya in Bunbury, Westaustralien. | © Ochre Dance Company

Die Ochre Dance Company hat eine einzigartige Vision. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, Aborigine und nicht-Aborigene Künstler aus verschiedenen Disziplinen zusammenzuführen, um schöne zeitgenössische Werke im Bereich der Tanzkunst zu schaffen, die sich nicht auf die Unterschiede, sondern auf interkulturelle Gemeinsamkeiten konzentrieren.

Die Ochre Dance Company wurde im Jahre 2012 von Louise Howden-Smith gegründet, die den Traum hatte, eine facettenreiche Künstlergruppe zusammenzubringen und von der indigenen Kultur inspirierte, innovative zeitgenössische Werke zu schaffen. Gegründet in Westaustralien, auf dem traditionellen Land der Noongar, hat das Ensemble immer mehr an Stärke gewonnen. Es bietet Bildungsprogramme in abgelegenen indigenen Gemeinden an und produziert Werke, bei denen es darum geht, die Grenzen zwischen den Kulturen aufzubrechen und gleichzeitig die traditionellen Besitzer des Landes, auf deren Land sie tanzen, den ihnen gebührenden Respekt zu zeigen.

Interkulturelle Zusammenarbeit

Durch den kulturellen Austausch und die Zusammenarbeit versucht die Ochre Dance Company, Verbindungen zwischen Künstlern, Publikum und Gemeinden zu fördern. Ihre Vision besagt, dass “künstlerisches Arbeiten Reflexionen über die geographische und kulturelle Umgebung erfordert". Sie glauben, dass durch diesen Prozess eine neue zeitgenössische Ästhetik geschaffen werden kann.
 
Nach seiner Rückkehr nach Australien im Jahr 2015 wurde Ochres künstlerischem Leiter, Mark Howett, einem sehr erfolgreichen Regisseur und Lichtdesigner, angeboten, sich Ochre anzuschließen. Nachdem er zehn Jahre in Deutschland gelebt und in ganz Europa gearbeitet hatte, vermisste er sein Land und war von Ochres einzigartiger Philosophie fasziniert. Er sagt, dass Ochre insofern anders als andere große Aborigine Tanzensembles - wie zum Beispiel Bangarra - sei, da Ochre versucht, kulturelle Praktiken zu verbinden, wohingegen Bangarra nur mit Indigenen Darstellern arbeitet. „Ochre nutzt die tänzerische Tradition der Noongar als Grundlage für die Werke und bindet dann andere Kulturen mit ein. Aus dieser Interaktion, dieser Begegnung, entwickeln wir unsere Arbeit.“

Ochres Hintergrund ist im traditionellen Noongar-Tanz verankert. Ochres Hintergrund ist im traditionellen Noongar-Tanz verankert. | © Ochre Dance Company Howett baut Ochres Vision der interkulturellen Interaktion weiter aus, indem er Aspekte der europäischen Theatertradition in das Unternehmen einbringt. Die wichtigste Erweiterung ist die Ernennung von Phil Thomson, einem Experten für interkulturelle Dramaturgie, als Dramaturg des Ensembles. Howett sagt: „Ganz im Sinne der deutschen Tradition haben wir einen fest zum Ensemble gehörigen Dramaturgen. Das kann ich auf meinen zehnjährigen Aufenthalt in Deutschland zurückführen. Die Tradition der Dramaturgie ist hier zwar auch bekannt, wird aber weniger genutzt. Hier ist der Künstlerische Leiter König, während in Deutschland der Künstlerische Leiter und der Dramaturg unterschiedliche Aufgaben haben. Ein Dramaturg ist für die analytische Sicht verantwortlich sowie die Einbeziehung der Gemeinde. Seine Aufgaben sind die langfristige Planung und die generelle Philosophie des Ensembles. Der Künstlerische Leiter ist speziell für die Produktion verantwortlich, für die Inszenierung, dafür wie alles abläuft, wie es funktioniert.“
 
Nach diesem Mantra wurde Kaya geschaffen, Ochres jüngstes Werk und das erste mit Howett an Bord. An dieser ehrgeizigen Ensemblearbeit waren die Mitglieder einer talentierten und vielseitigen Gruppe von Künstlern aus dem ländlichen Westaustralien beteiligt. Das Projekt sollte die Stile verschiedener indigener Tanztraditionen (Noongar, Wongi und Bundjulung) zusammenbringen und mit indischen, maorischen und westlichen zeitgenössischen Tanztechniken verbinden. Der Schlüssel zur Zusammenarbeit, so Howett, war die Erkenntnis, dass es Bewegungsmuster gibt, die verschiedene Kulturen gemeinsam haben.

Ochres Künstlerischer Leiter Mark Howett. Ochres Künstlerischer Leiter Mark Howett. | © Mark Howett „Kaya bedeutet 'Hallo' in Noongar und war eine Begegnung zwischen den Noongar-Tänzern der Company und den 'Wadjelas' - was im Grunde nicht-Noongar bedeutet. Aus dieser Interaktion wollten wir versuchen, einen Weg zu finden, um den Dialog vorwärts zu treiben, anstatt sofort auf das Negative zurückzufallen. Das haben wir getan, indem wir herausgefunden haben, welche Gemeinsamkeiten es im Tanz gibt."
 
Die Inszenierung wurde von den Künstlern selbst choreographiert und vereint die Stile aller Kulturen. Howett sagt, es war überraschend, Ähnlichkeiten zwischen den verschiedenen Tanzpraktiken zu entdecken: „Wir hatten einige indische Tänzer dabei, Isha Shavani und ihren Bruder Tao Issaro und es gab viele Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel war das Werfen von Sand ein gemeinsames Element in den traditionellen Tänzen dieser beiden Länder."

ENGAGEMENT IN LOKALEN GEMEINDEN

In Ochres Vision Statement heißt es, dass „große kulturelle Praxis mit einer robusten und angemessenen Einbeziehung der lokalen Gemeinden beginnt". Ochre glaubt, dass Bildungsprogramme und gesellschaftliches Engagement entscheidend für die Entwicklung eines Unternehmens sind, das in den Traditionen des Aborigine-Geschichtenerzählens verwurzelt ist.

„Auch Bildungsprogramme sind für uns ein großes Entwicklungsgebiet, denn im Curriculum ist der traditionelle Tanz der Aborigines zwar auch enthalten, aber es gibt niemanden, der das anbietet. Wir haben angefangen, alle Schulen der Aborigines zu besuchen und den Aspekt weiter zu entwickeln", so Howett. Er fügt hinzu, dass es entscheidend ist diese Verbindungen zu pflegen: „Mit all unseren Workshops und Aktivitäten an Schulen gehen wir bewusst in die Orte zurück, in denen wir schon waren. Wir gehen nicht einfach in eine Gemeinde und vergessen sie dann, es ist eine ständige Beziehung."

Ochre performt Kaya in Perth, Westaustralien. Ochre performt Kaya in Perth, Westaustralien. | © Ochre Dance Company Der Prozess des Besuchs ländlicher Gemeinden zu Bildungszwecken hat den zusätzlichen Vorteil der Verbesserung der Tanzpraxis. Für Kaya reiste die Truppe durch ganz Westaustralien, um das Projekt zu entwickeln - auch, um entfernte indigene Gemeinden zu besuchen und mit Ältesten zu sprechen. Laut Howett ist dies ein Prozess, der in Europa üblich, aber in Australien ziemlich neu ist.
 
„Im West End und in Europa entwickelt man das Werk aus verschiedenen Gründen regional. Ein Aspekt ist, dass es die lokalen Traditionen verbessert. So kann man sich mit Menschen in abgelegenen Gemeinden zusammentun, ihre Arbeit integrieren und gleichzeitig die eigene Produktion verbessern, weil man jedes Mal, wenn man das Stück aufführt, Korrekturen vornehmen kann und sieht, das funktioniert nicht, oder das funktioniert gut und wenn es dann nach Perth kommt, ist man bereit.

EINEN SCHRITT WEITER GEHEN

Ochre hat große Ambitionen für 2017. Sie werden im Juli das Stück Good Little Soldier aufführen, ein tief persönliches Werk für Howett, das er zuerst in Berlin entwickelt hat. „Es geht um die Rückkehr von Soldaten und wie sie ihre posttraumatische Belastungsstörung fast wie eine Krankheit an die ganze Familie weitergeben."
 
Ochre will auch das Musical Rodeo Moon von David Milroy in einem Workshop bearbeiten und das Kaya-Projekt weiterentwickeln. „Wir setzen das Kaya-Projekt mit einem Stück mit dem Titel Sand fort, welches uns nach Indien führt, um diese Gemeinsamkeiten noch mehr zu erforschen. Anstatt dieses Projekt einfach hinter uns zu lassen, wollen wir einen weiteren Schritt machen und sagen: „Ja, das haben wir jetzt gemacht, aber können wir hier noch eine Ebene weiter gehen? Das machen wir jetzt also", erklärt Howett.

In all unseren Werken haben wir immer dasselbe Ziel. Wir wollen die Grenzen zwischen den kulturellen Hintergründen niederreißen, uns gegenseitig respektieren und den indigenen Tanz am Leben erhalten. Howett glaubt, dass die Fähigkeit sich zu bewegen, das tun kann.
 
„Ich denke, dass es oft schwieriger ist, den Tanz falsch zu interpretieren als die Sprache. Wenn Sie die Tanzform lesen, lesen Sie das, was dort ist und die Körperlichkeit: die Fähigkeiten der Tänzer, diese physikalischen Kunststücke durchzuführen und die gesamte Inszenierung. Wir haben beschlossen, uns auf keinen vorherbestimmten Erzählstrang festzulegen – das ganze Werk aus der Zusammenarbeit und dem Auffinden von Ähnlichkeiten zu schöpfen."