The Goods Line Mehr Rechte für Sydneys Fußgänger

Die Goods Line
Die Goods Line schwebt über dem Straßenverkehr und erlaubt Fußgängern so sichere Wege durch Ultimo | © Gina Robilliard

Die 2015 fertiggestellte „Goods Line" ist Sydneys neuestes Fußgängernetzwerk und wurde mit der demokratischen Intention konzipiert, Fußgängern wieder mehr Rechte zu verleihen. Einst eine Trasse für den Gütertransport vom Hafen zu den Industriezentren, wird die Fläche nun von Cafés, Lern-Nischen und einheimischen Pflanzen gesäumt und vielerseits mit der New Yorker Highline verglichen. Das Design der „Goods Line" stammt von ASPECT Studios und zollt den Wurzeln des Bezirks Respekt, indem es die Original-Gleise zwischen den Blumenbeeten und der industriellen Maschinerie aufblitzen lässt, die den Weg flankieren.
 

Seit 1855 für die Öffentlichkeit unzugänglich, steht die Trasse nun Anwohnern, Studierenden und Mitarbeitern der nahe gelegenen University of Technology Sydney (UTS) sowie Angestellten aus den umliegenden Gebäuden zur Verfügung. Obwohl ihre Fertigstellung noch nicht lange zurückliegt, wimmelt die Goods Line um die Mittagszeit nur so vor Studierenden, die auf dem Rasen liegen und sich mit ihren Freunden unterhalten, daneben Anzugträger, die sich zu einer kleinen Mahlzeit niederlassen, und Besucher, die an der umliegenden Architektur ihre fotografischen Fertigkeiten üben, bevor sie zum Darling Harbour weiterwandern. Die Trasse wurde von den Sydneysidern positiv aufgenommen, da eine Gemeinschaftsfläche in dieser Gegend schon lange fehlte.

Frank Gehrys ‚Zerknüllte Papiertüte‘ Frank Gehrys ‚Zerknüllte Papiertüte‘, offiziell das Dr Chau Chak Building, das an der Goods Line liegt | © Gina Robilliard Die Goods Line verbindet das bisher unzureichend genutzte Südende der Innenstadt mit Darling Harbour und passenderweise auch mit Chinatown. Der Bezirk hat stets Wert auf seine Bemühungen um eine freundliche Aufnahme der chinesischen Diaspora gelegt, die zum Arbeiten oder Studieren nach Sydney kommt. Die Trasse ist zudem zu einer (rollstuhlgerechten) Orientierungshilfe für Touristen geworden, die vom Hauptbahnhof zum Powerhouse Museum unterwegs sind. Trotz aller technischen Fortschritte im Stadtverkehr und Sydneys beträchtlichen Investitionen in eine neue Trambahnlinie wurde die Goods Line ganz bewusst geschaffen, um die Fußgängerfreundlichkeit der Stadt zu erhöhen. Die Theorie der ‚Fußgängerfreundlichen Stadt‘ von Autor und Stadtplaner Jeff Speck umfasst ein Set von Kriterien dafür, wie man eine Gegend für Fußgänger attraktiver macht als den öffentlichen Nahverkehr oder das Auto.
 
Dafür sind erforderlich:
Ein Grund, zu Fuß zu gehen
Ein sicherer Ort für Fußgänger
Eine komfortable Strecke
Eine interessante Strecke 

Die Idee ist, dass fußgängerfreundliche Städte so für Fußgänger und Fahrradfahrer sicherer werden, für die Gemeinschaft gesünder sind, da sie Bewegung fördern, und außerdem dabei helfen, gemeinschaftliche Beziehungen zu stärken.

Eine ‚Sticky UTS‘ schaffen

Als ‚Südlicher CBD‘ bekannt, wurde die Gegend um die Goods Line in Partnerschaft mit der Landesregierung und der UTS stark ausgebaut, um einen so genannten ‚Sticky Campus‘ zu schaffen. Dieses in der Universitätsplanung relativ junge Konzept ist der absolut neueste Schrei. Ein ‚Sticky Campus‘ ist so gestaltet, dass er durch Bepflanzung, Schatten, bequeme Sitzmöglichkeiten und Cafés für Atmosphäre sorgt. Dahinter steht die Idee, dass die Studierenden mehr Zeit auf dem Campus verbringen und mit Mitarbeitern und Kommilitonen in Kontakt treten. So werden Gemeinschaften gefestigt und die Erfahrung des universitären Lebens um vieles reichhaltiger.

Dies steht in auffälligem Kontrast zum ursprünglichen ‚brutalistischen‘ Design des UTS Towers, den Frank Gehry öffentlich zum „hässlichsten Gebäude in Sydney“ erklärte. Unter den Architekturstudierenden der Universität geht die Theorie um, dass die Gestaltung des Turms ursprünglich zum Ziel hatte, Studierende von Zusammenkünften oder politischen Protesten abzuhalten. Stammt die Campusgestaltung doch aus einer Zeit, zu der Studierendenproteste in Paris beinahe die französische Hauptstadt lahmlegten. Das Design der danach entstandenen Pariser Hochschulgelände scheint auf einen ähnlichen Effekt wie das der UTS abgezielt zu haben. Gehry hatte seither selbst Gelegenheit, dem Campus seinen Stempel aufzudrücken, und entwarf das Dr Chau Chak Building, eine mehrere Millionen teure Anlage, die einer zerknüllten Papiertüte ähnelt und als innovative Business School dient, die kreatives Denken inspirieren soll.

In der Nähe verleiht Street Art dem Stadtteil einen Hauch von Kultur In der Nähe verleiht Street Art dem Stadtteil einen Hauch von Kultur | © Gina Robilliard Ein Zeitsprung zu heute, und die Abgänger der Universität beneiden die Studierenden, die sich seit diesen letzten Neuerungen eingeschrieben haben. Absolventin Alex, die hier von 2009 bis 2013 Jura und Kommunikation studierte, bringt ihre Enttäuschung über den Mangel an Freiflächen zum Ausdruck, auf denen man damals zwischen den Vorlesungen sitzen und sich hätte aufhalten können. „Man konnte nirgendwo essen, also landete man ständig bei Dubiose Dumplings“, erzählt Alex. Offiziell als ‚Chinesisches Nudelhaus‘ bekannt, ist das Restaurant für die Studierenden der UTS aufgrund seiner handgemachten Teigtaschen und dem eklatanten Mangel an Konkurrenz zu einer Art Institution geworden. Die heutigen Studierenden sind von dem, was der Campus zu bieten hat, um vieles beeindruckter. Ben, der in Manly wohnt, studierte bereits Business an der UTS, als die Renovierungen abgeschlossen wurden. Wegen der idyllischen Atmosphäre und der Konzentration an natürlichem Licht, die, wie er erklärt, in der Innenstadt von Sydney Seltenheitswert haben, verlegt er seinen Aufenthalt regelmäßig an die Goods Line. Als wir mit ihm sprachen, traf er sich gerade mit einem Freund, der witzelte, dass dies der einzige Ort sei, an dem man Ben auf ein Gespräch festnageln könne.

Der biophile Bürger

Die Bedeutung des Zugangs zu Natur und Tageslicht für Stadtbewohner und Studierende ist in den letzten Jahren ausführlich untersucht worden. Einer 2014 publizierten Studie der Universität Exeter zufolge, die mehr als zehn Jahre Forschung umfasst, wurde sie mit einer Steigerung von Produktivität und Wohlbefinden in Verbindung gebracht. Darüber hinaus widmete die Weltgesundheitsorganisation 2016 der ‚New Urban Agenda‘ ein Online-Dossier, das untersucht, wie eine Politik, die den „gleichberechtigten Zugang zu Parks und Grünflächen [fördert,] für die geistige und physische Gesundheit von Stadtbewohnern zuträglich und für die Erreichung gesundheitlicher Chancengleichheit in Städten zentral“ ist. Diese auch als ‚Biophilie‘ bekannte Idee wird von ihren Anhängern auf die Evolution zurückgeführt, da wir Menschen einen so großen Teil unserer Entwicklung inmitten der Natur verbracht haben.

Die vielschichtige Geschichte der Goods Line reflektiert Sydneys sich ständig verändernden Fokus. Die vielschichtige Geschichte der Goods Line reflektiert Sydneys sich ständig verändernden Fokus. | © NSWGR Archives (NSWGR Archives) [lizenzfrei], via Wikimedia Commons In ihrer aktuellen Funktion als langgezogene Freifläche hat die Goods Line das Potenzial, die Wege der Sydneysider zu verändern. Dies liegt zum Teil daran, dass die Gegend seit 1855 nicht für Fußgänger zugänglich war und die Verbindungswege bis zu diesen neueren Ausbauten des südlichen CBD betoniert, umständlich und abweisend waren. Die Journalistin Emma Kate, gewöhnlich eine sehr effiziente Fußgängerin, fand sich zwischen zwei Terminen auf einem Abstecher über die Goods Line wieder, und obwohl sie in Sydney lebt, war ihr nicht bewusst, wie gut Ultimo an den Hafen angeschlossen ist. Als Fan von gemeinschaftlichen Grünflächen und ‚Guerillagärtner-Projekten‘ war Emma Kate begeistert von dieser städtischen Investition. Ältere Anwohner wissen davon zu erzählen, dass Ultimo einst eine schmuddelige No-Go-Zone war, obwohl es ein relativ kleiner Stadtteil ist, der sich zwischen Sydneys größtem Verkehrsknotenpunkt, dem Hauptbahnhof und einer der beliebtesten Touristenattraktionen der Stadt einschmiegt.

Nord mit Süd und Vergangenes mit heute verbinden

Die Gegend ist aber nicht nur ein Leitsystem zu mehreren von Sydneys Knotenpunkten, sondern hat auch ihre Anknüpfung an die Geschichte der Stadt bewahrt und erweitert. In dieser Hinsicht hatte die Goods Line selbst im Lauf der vergangenen 150 Jahre einen sich stets verändernden Einfluss auf die Einwohner von Sydney, von ihren Anfängen als Bahntrasse für den Gütertransport, der wohl nicht ganz ungefährlich war – nicht nur aufgrund der resultierenden Luftverschmutzung – sondern auch für die Bahnarbeiter, die die Schienen für die herannahenden Züge manuell verstellen mussten. Die verbleibenden freiliegenden Schienen und Maschinen dienen als Erinnerung an diese sich verändernden Prioritäten, während sich die Stadt stärker darauf konzentriert, ein gesünderes und demokratischeres Stadtbild zu schaffen. Dieses zentrale Merkmal spiegelt einen aufkommenden Trend in Sydneys jüngeren architektonischen Großprojekten wider. Sydneys aktueller Baustil präsentiert durchweg nostalgische Realisierungen, die seinen Fortschritt als Stadt reflektieren. Obwohl Sydney global gesehen eine relativ junge Stadt ist, finden sich in der gesamten Innenstadt historische Artefakte aus Australiens Handels- und Schifffahrtswesen gleichsam wie Souvenirs wieder. Das erlaubt nicht nur Touristen einen Einblick in die moderne australische Geschichte, sondern verankert auch die Einwohner in ihren historischen Wurzeln – eine Seltenheit in einer Stadt, die von ihrer kolonialen Vergangenheit überschattet wird.