Chunky Move: Theater der Welt Ohne Netz und doppelten Boden

Chunky Moves in 'An Act of Now'
Chunky Moves in 'An Act of Now' | ©Jeff Busby

Unter dem Motto „global denken, lokal handeln” bringt das Theater der Welt 2017 Künstler und Performer aus der ganzen Welt zusammen, die das Themengebiet „Flucht und Migration, Globalisierung und Handel" beleuchten, und durch Tanz, Performancekunst und Song darstellen. Mit dabei: das australische Tanz-Ensemble „Chunky Move“.

Zeitgenössische Performancekunst zeichnet sich dadurch aus, dass sie eine Art universelle Sprache ermöglicht. Ob Bewegung, Farbe oder Gestaltung, all diese Ausdrucksformen können internationale Kommunikationsbarrieren überbrücken. Den Richtlinien des Auftrags der UNESCO folgend, welche es sich in diesem Jahr zum Ziel gesetzt hat, globales gegenseitiges Verständnis und Diplomatie zu fördern, hat das International Theatre Institute das Thalia Theater in Hamburg bei der Veranstaltung des Festivals Theater der Welt im Hamburger Hafendistrikt unterstützt.
  Chunky Move's 'An Art of Now' Chunky Move's 'An Art of Now' | ©Jeff Busby Unter Nichteingeweihten bestehen viele Missverständnisse über die zeitgenössische Performancekunst. Das ist vielleicht eines der großen Versäumnisse unserer Zeit. Die Ausdrucksmöglichkeiten, wie feinfühliger Symbolismus oder Emotionen, bieten die Möglichkeit einer universellen Sinnübermittlung. Diese Art von universeller Sprache, die durch Bewegung, Farbe oder Form ausgedrückt werden kann, wird zu einem Überbrückungsmechanismus, der internationale Kommunikationsbarrieren überwinden kann. Den Richtlinien des Auftrags von UNESCO folgend, welche ein globales gegenseitiges Verständnis und Diplomatie zu fördern suchen, bringt das International Theatre Institute das Theater der Welt alle drei Jahre in die deutschen Theater. Zwischen Mai und Juni 2017 war Hamburg der Gastgeber für fünfundvierzig Produktionen aus fünf Kontinenten.
 
Unter dem Motto „global denken, lokal handeln” bringt das Theater der Welt 2017 Künstler und Performer aus der ganzen Welt zusammen, die das Themengebiet „Flucht und Migration, Globalisierung und Handel" beleuchten, und durch Tanz, Performancekunst und Song darstellen. Kuratiert von einer lokalen band of four, zielt das diesjährige künstlerische Programm darauf ab, die Eintracht über die Grenzen hinweg zu fördern, und dabei den Hafen sowohl als Austragungsort als auch als Thema zu nutzen. Das Publikum „[...] ist eingeladen, sich mit einem Gegenmodell zum aktuellen Zeitgeist der Verstaatlichung und des Isolationismus auseinanderzusetzen. Ein paar Wochen vor dem G20-Gipfel nutzt das Theater der Welt die Kunst außerdem, um uns daran zu erinnern, dass eine „faire Innenpolitik nur mit kultureller Vielfalt möglich ist"(Amelie Deuflhard, Sandra Küpper, Joachim Lux, András Siebold - Künstlerisches Programm, Theater der Welt 2017).
  Das australische Tanzensemble Chunky Move war beim Theater der Welt in Hamburg vertreten Das australische Tanzensemble Chunky Move war beim Theater der Welt in Hamburg vertreten | ©Jeff Busby Chunky Move, The Company, die 1995 von Gideon Obarzanek gegründet wurde, hat sich zu einem der führenden zeitgenössischen Tanz-Ensembles in Australien entwickelt. Ihre innovativen Produktionen basieren auf einer „künstlerischen Vision, die von einer Untersuchung der vielfältigen Möglichkeiten des Körpers und seinen Beziehungen zu Ort, Kontext und Umwelt" (Chunky Move) angetrieben wird. 2017 führte das in Melbourne beheimatete Tanzensemble, Chunky Move seine Produktion An Act of Now, in Verbindung mit dem Theater der Welt und der kulturellen Initiative der australischen Regierung, Australia Now, im Hamburger Kakaospeicher auf.
 
Um Australiens kreative Identität einer internationaler Zielgruppe vorzustellen, wird mit Unterstützung der australischen Regierung jedes Jahr eine Auswahl der besten Künstler und Performer des Landes in ein anderes Land geflogen. Da Deutschland das Gastland für das Programm 2017 ist, fiel es mit dem Theater der Welt zusammen, und Australia Now hat Chunky Move in seinen Bemühungen nach Hamburg zu reisen und dort aufzutreten unterstützt.

Die Tänzer von Chunky Move bei ihrer Performance Die Tänzer von Chunky Move bei ihrer Performance | ©Jeff Busby Chunky Move's preisgekrönte Produktion An Act of Now, das erste Stück welches Chunky Move in Zusammenarbeit mit der neuen Kreativdirektorin, Anouk van Dijk erarbeitete, hatte 2012 im Sidney Myer Music Bowl in Melbourne seine Premiere. Van Dijk, eine Niederländerin, hat im Verlauf von 20 Jahren ein Bewegungssystem geschaffen welches Countertechnique genannt wird. Dieses ist speziell für professionelle Tänzer konzipiert, da die Übungen darauf abzielen, Verletzungen und Belastungen zu vermeiden, indem der Körper mit dem geringsten Aufwand bewegt wird. An Act of Now betrachtet die Körper-Umwelt Beziehung aus extrem physikalischer Sicht, und ist sehr von [Countertechnique] beeinflusst", sagt van Dijk. Durch den ihrer Choreographie innewohnenden Charakter ist Die Companie geradezu zum Inbegriff von Countertechnique geworden. Viele der Schüler von Chunky Moves werden inzwischen als Lehrer des Systems ausgebildet. 

An Act of Now: Ein Ausdruck australischer Kultur

Das faszinierendste an An Act of Now sind die Ausdruckselemente, mit denen die australische Kultur dargestellt wird. Die Produktion ist ortsspezifisch und wird in einem rauchgefüllten, gegen die Außenwelt abgeschotteten Gewächshaus aufgeführt, das in einer expansiven, zehntausend Quadratmeter großen, umgebauten Kakaofabrik auf den Docklands des Hamburger Nordflusses aufgestellt ist. Ausgestattet mit Kopfhörern, werden die Zuschauer eingeladen „zu schauen und zuzuhören, wie sich Van Dijks intensive körperliche Choreographie im Glashaus entfaltet wodurch ein tief immersives und intimes Publikumserlebnis entsteht“ (Chunky Move).

Chunky Move's preisgekrönte Produktion An Act of Now hatte 2012 im Sidney Myer Music Bowl in Melbourne seine Premiere Chunky Move's preisgekrönte Produktion An Act of Now hatte 2012 im Sidney Myer Music Bowl in Melbourne seine Premiere | ©Jeff Busby Van Dijk sagt, dies sei als „eine Reaktion auf, sowie als eine Interaktion mit der neuen Umgebung und Weite des australischen Kontinents" zu verstehen. Wenn man in einem beschränkten und höchst klaustrophobischen Raum arbeitet, ''erkennt man wie innerhalb der Herde kontrolliert, gefolgt, geführt, misshandelt und entschuldigt wird und man schließlich zu einem Konsens kommt.'' Diese Vorstellung von der Beziehung zwischen Körper und Umwelt wird auch in van Dijks ersten Eindrücken von Melbourne offensichtlich, die sie aufzeichnete, als sie mit ihrer Familie im Jahr 2012 dorthin zog. "Wenn man sich das mal überlegt, leben viele Menschen in den großen Städten nicht nur physisch nahe beieinander, sondern auch in dem was sie voneinander erwarten''. Ihr Außenseitertum erlaubt es der niederländischen Choreographin die Situation aus der Distanz zu betrachten, und einen ansonsten ungeordneten und schwer greifbaren Aspekt des australischen Lebens nuanciert darzustellen. 

Über Kunst als integrierender Ausdruck von Kultur

 Es gibt gewisse Kapazitäten für positive, patriotische Ausdruckformen, die nur in der Kunst existieren. Dies kann in vielerlei Hinsicht zum Zweck einer Vereinheitlichung in großem Maßstab genutzt werden. An Act of Now drückt nicht nur das Chaos mehrerer Körper in unmittelbarer Nähe aus; im weiteren Sinne ist es auch ein Ausdruck der einzigartigen Position Australiens in der globalisierten Welt. Van Dyijk sagt, „Australien ist eine Immigrantenkultur, bei der eine Vielzahl von persönlichen Abstammungen innerhalb der Dynamik einer multikulturellen Gesellschaft von den Einzelnen immer wieder bewältigt und eingeordnet werden müssen.“ Kritiker des australischen Bildungssystems bemängeln, dass unsere ausschließliche Fixierung auf die Misserfolge und Errungenschaften unserer angelsächsischen Einwohner, wenig Raum für ein Bewusstsein und eine Wertschätzung unserer Erfolge als multikulturelle Nation gelassen hat. Das daraus resultierende Produkt ist eine kulturelle Identität, die nichts als Unklarheiten um unsere einheitlicheren kulturellen Attribute sieht. Nur bestimmte Segmente der Bevölkerung sind sich darüber bewusst, dass die Tatsache, dass Australien eine Nation von Menschen mit unterschiedlichsten Abstammungen ist, von großem sozialem und wirtschaftlichem Nutzen sein kann. Hier kann Kunst eine Rolle spielen, indem sie diese nützlichen Attribute findet und herausstellt; mit der Hoffnung, damit die Zusammenarbeit zu stärken und zu fördern, um die Nation als kooperatives Ganzes voranzutreiben.