Sydney Cosplay Zwischen Fantasie und Realität

Cosplay-Darstellerin Vanessa Retief
© Wesley Nel

Es ist einer dieser wunderbar frischen Herbstvormittage, an denen die Farben leuchtender sind und die Welt ein bisschen ruhiger erscheint. Die Cosplay-Darstellerin Vanessa Retief lehnt an einer Sandstein-Säule im Innenhof der Universität Sydney. In der Nacht zuvor hatte sie mir mitgeteilt, welche Klamotten sie bei unserem Treffen tragen würde; sie befürchtete wohl, dass ich sie nicht erkennen würde. Eine ganz und gar unbegründete Sorge, wie sich herausstellte.

Die handgefertigten Kostüme verfügen über viele feine Details und sind dementsprechend arbeitsaufwändig und kostspielig. Das erste Kostüm, das Vanessa für die heutigen Aufnahmen trägt, ist das des Schlangenmenschen Snake aus der Anime-Serie Kuroshitsuji. Daran haben sie und ihre Mutter zwei Monate lang gearbeitet. Die Herstellung ihres zweiten, Steampunk-inspirierten Outfits hat 600 Dollar und Stunden an Quellenarbeit und Nachforschungen gekostet. Überflüssig zu erwähnen, dass sie froh war, eine weitere Gelegenheit zu haben, das Steampunk-Outfit tragen zu können.

Sie betreibt diesen unermüdlichen Aufwand für ihre Leidenschaft Cosplay. Diese Form der darstellenden Kunst hat in Sydney infolge des wachsenden Interesses an japanischen Animes seit Beginn des 21. Jahrhunderts immens an Popularität gewonnen. Vanessa begeistert sich seit nunmehr sechs Jahren dafür – vor allem, weil sie von den westlichen Alternativen enttäuscht ist: „Ehrlich gesagt fand ich westliche Zeichentrickfilme und Comics oft ziemlich hässlich und kindisch. In einem fünfminütigen Ausschnitt von Fullmetal Alchemist (Anmerkung: eine japanische Anime-Serie) fühle ich wesentlich mehr Emotionen als in den meisten westlichen Zeichentrickfilmen.“

Kostümspiel als darstellende Kunst

Cosplay-Darsteller imitieren Aussehen und Persönlichkeit von beliebten Charakteren aus japanischen Anime-Filmen, Video-Spielen und der Popkultur. In selbstentworfenen Kostümen treffen sie sich bei sogenannten Cosplay Conventions, die das ganze Jahr über an verschiedenen Orten in der Stadt stattfinden und tausende Besucher anlocken. Es handelt sich nicht nur um eine lebendige Szene für Darsteller und neugierige Beobachter; die Conventions entwickeln sich zu einer Art interaktivem Theater, einem physischen Ausdruck erfundener Charaktere, die dabei zum Leben erwachen und sich verselbstständigen.
 
Um sich selbst zu vermarkten, organisieren Cosplay-Darsteller gemeinsame Fotoshootings. Diese finden oft an Orten statt, die den Schauplätzen der Original-Charaktere ähneln. Deshalb ist es faszinierend, dass Vanessa die Universität Sydney mit ihrer gotischen und rundum westlichen Architektur für ein Genre ausgewählt hat, das so stark mit der zeitgenössischen japanischen Unterhaltung verbunden ist. Wie sich herausstellt, entstammen die beiden Kostüme des Tages dem London des 19. Jahrhunderts.

Eine moderne Verknüpfung von Ost und West

Diese sich gegenseitig beeinflussende Beziehung von östlichen und westlichen Kunstformen in der neueren Zeit hat eine Reflektion künstlerischer Ausdrucksformen hervorgebracht. Trotz dieser kulturellen Komplexität zieht Cosplay Vanessas Erfahrung nach oft ungerechtfertigte Kritik für seine scheinbar kindliche Natur auf sich: „Animes und Mangas werden oft einfach mit Comic-Serien und Comic-Büchern in einen Topf geworfen. Und ja, sie sind wohl das japanische Äquivalent. In vielerlei Hinsicht wird Cosplay immer noch als unreifes Verkleiden angesehen. Aber mal ehrlich: Wie  unterscheidet sich das von einer Sport-Kultur, wo man die Mannschaftsfarben trägt, zu Events geht und ein bisschen ausflippt? Wir machen doch genau das Gleiche, nur mit aufwändigerer Kleidung.“
 
Die Welt der Animes ist bekannt für ihre unverwechselbare Ästhetik, die wunderbar detaillierten Bilder und die komplexen dreidimensionalen Charaktere. Während Animationen in westlichen Ländern in erster Linie für Kinder konzipiert werden, vermitteln Animes universelle Menschheitsthemen durch die Verwendung eines wunderschön konstruierten Symbolismus. Um es mit den Worten von Hayao Miyazaki, dem künstlerischen Visionär des bekannten Studio Ghibli, zu sagen: „Animation zu erschaffen bedeutet, eine neue Welt zu erfinden. Diese Welt beruhigt den Geist derer, die entmutigt und erschöpft sind von der harten Realität.“

Eine Gemeinschaft der Selbstentfaltung fördern

Aus philosophischer Sicht ist Cosplay überzeugend, als dass es eine Welt konstruiert, die als Brücke zwischen Fantasie und Realität fungieren kann. Dazwischen liegt eine kollektive Vorstellungskraft, ein gesellschaftlicher Mikrokosmos, der es schafft, sich nahtlos zusammenzufinden und wiederaufzulösen, im digitalen Netz ebenso wie an physischen Orten. Viele Darsteller sehen Cosplay als eine Form der Selbstentfaltung an, die dabei hilft, einige ihrer Probleme aus dem wirklichen Leben aufzuarbeiten.
 
  • Vanessa Retief © Wesley Nel
  • Vanessa Retief © Wesley Nel
  • Vanessa Retief © Wesley Nel
  • Vanessa Retief © Wesley Nel
  • Vanessa Retief © Wesley Nel
  • Vanessa Retief mit Autorin Gina Robilliard (links) © Wesley Nel
 
Das liegt auch an den zum Teil sehr komplexen Charakteren, die die Cosplay-Darsteller inspirieren. Sie bringen nicht nur eine fesselnde und sehr menschliche Charakterentwicklung zum Ausdruck, sondern stellen auch ihre inneren Kämpfe zur Schau, und zwar so, dass das Publikum dazu ermutigt wird, nachzudenken und sich eine eigene Meinung über das Gesehene zu bilden. Die Figuren strahlen etwas aus, was in der herkömmlichen westlichen Unterhaltung nur selten zu finden ist. Dementsprechend ermöglicht Cosplay eine spezielle Art der Selbstdarstellung; Teilnehmer können etwas verkörpern, mit dem sie sich nicht zu hundert Prozent identifizieren oder das bis dahin von der Mainstream-Gesellschaft abgelehnt wurde.

Auch Vanessa fühlt sich deshalb zu bestimmten Charakteren hingezogen: „Naoto Shirogane aus Persona 4 kam zu einem Zeitpunkt in mein Leben, an dem ich mit meiner geschlechtlichen Identität gehadert habe. Ich bin vom Typ her nicht besonders weiblich, lief  oft ungeschminkt in Jeans, Stiefeln und Flanellhemden rum. Die Leute sagten mir ständig, dass ich mich mädchenhafter verhalten und kleiden solle. Naoto hatte dieselben Probleme, aber wollte beweisen, dass sie genauso wie ein Mann in der Lage war, ihren Job zu machen, auch wenn sie sich dafür wie einer anziehen musste. Im Laufe der Serie habe ich beobachtet, dass sie sich langsam daran gewöhnte, ein Mädchen zu sein und sich ihren männlichen Gegenübern auch so entgegenzustellen. Sie hat mir geholfen, mich so anzunehmen, wie ich bin und denen, die mir sagen wollten, dass ich mich ändern soll, selbstbewusst gegenüberzutreten.“

In einer weitläufigen Stadt wie Sydney, in der das Überangebot an oberflächlichen, vorhersehbaren Unterhaltungsmedien die Menschen manchmal zu isolieren scheint, wehren Cosplayer sich aktiv gegen den gegenwärtigen Zustand. Sie schaffen einen Zufluchtsort fern der erdrückenden Stressfaktoren des alltäglichen modernen Lebens, an dem Selbstentfaltung im Mittelpunkt steht und Freundschaften über die Realität hinausreichen.