Barbierstuben Die Gestaltung des modernen Gentlemans

Barbierstube Benicky & Sons in Sydney.
Barbierstube Benicky & Sons in Sydney. | © Gina Robilliard

In den letzten Jahren sind an Straßenecken und geheimnisvollen Gassen schicke kleine Barbierstuben aus dem Boden geschossen, die nur ein Ziel haben: Sydneys modernen Gentleman zu gestalten. Von der Geburtsstunde des kultivierten ‚Metrosexuellen‘ bis hin zum Aufstieg des muskulösen, bärtigen ‚Lumbersexuellen‘ hat unsere jüngste Geschichte mit Begeisterung die Evolution männlicher Pflegegewohnheiten gefeiert. Und die heutige Zeit ist da keine Ausnahme – das hohe Interesse an modernen innerstädtischen Barbierstuben hält ungebrochen an. Aufgrund ihrer Beliebtheit vor allem bei jungen Männern ist auch die Anzahl erwerbstätiger Barbiere in den letzten fünf Jahren um 5,8 Prozent gestiegen.

Neuere Forschungsergebnisse der University of Western Australia legen nahe, dass männliche Städter ihr Barthaar als eine Art visuelles Kürzel wachsen und gestalten lassen, um so ihre individuelle männliche Identität zu kommunizieren. Diesen Schluss lassen Studien über Primatengruppen zu, bei denen das Ausmaß an unterschiedlicher Gesichtsbehaarung im Verhältnis zur Gruppengröße zunahm. Man vermutet, dass Unterscheidungsmerkmale von Primaten wie Menschen in sehr dichten Populationen eingesetzt werden, um Weibchen anzuziehen, die ansonsten womöglich nichts über das betreffende Individuum wissen.
 
Barbierstuben dienen schon seit langem als Eckpfeiler für maskulinen Diskurs und aufkommenden sozialen Wandel. Nicht zuletzt boten ‚Schwarze Barbiere‘ afroamerikanischen Sklaven ihre Dienste an, die schließlich in der Lage waren, sich ihre Freiheit zu erkaufen. Darüber hinaus wurden ‚Black Barber Shops‘ zu Orten, an denen afroamerikanische Männer das Alltagsleben in Amerika diskutieren und sich Haarschnitte zulegen konnten, die ihnen bei der Anpassung und Partizipation an der dominanten weißen Gesellschaft behilflich waren. Die Geschichte der griechischen Barbierkunst dagegen lässt sich bis ins fünfte Jahrhundert vor Christus zurückverfolgen. Damals waren Bärte wichtige Statussymbole und die betreffenden Lokale Männern exklusiv vorbehalten, um Politik und Sport zu diskutieren, während sie sich ihre Bärte stutzen, locken und sogar parfümieren ließen. Grob gesagt kamen Barbiere jedoch über die Jahrhunderte hinweg im Einklang mit ökonomischen Verschiebungen, Modetrends und technologischen Fortschritten (wie etwa der Erfindung des Gillette-Rasierers im Jahr 1904) in und aus der Mode.

Bücherregale, eine alte Kasse - die Design-Details machen den Unterschied. Bücherregale, eine alte Kasse - die Design-Details machen den Unterschied. | © Gina Robilliard Luke Benicky, Barbier und Gründer von Benicky & Sons, eröffnete seinen Laden in Mosman im Juni 2016. 2014 an der Londoner Barbierschule professionell ausgebildet, sind erstklassiger Service und Premium-Haarschnitte das Herzstück seines Geschäfts. Der Salon selbst ist mit einer eklektischen Mischung maskuliner Relikte aus dem gesamten zwanzigsten Jahrhundert geschmückt. Von den klassischen raumhohen Bücherregalen bis hin zum HMV-Grammofon erinnert die wohltuende Atmosphäre an vergangene Zeiten. Luke ließ sich nach eigener Aussage vom „alten, dunklen Holz, den warmen, üppigen Materialien und den Gerüchen“ traditioneller europäischer Barbierstuben inspirieren, die die Zeit überdauert haben.
 
Ganz anders als bei einem Besuch in einem Friseursalon für Frauen können Männer spontan in ihre Barbierstube um die Ecke gehen und dort ein Bier trinken und sich unterhalten, während sie auf ihren Haarschnitt warten. Beim Lesen der Rezensionen von Benicky & Sons wird offensichtlich, dass Lukes Kunden in den Genuss von erstklassigem Geplänkel und Konversation kommen, die für ihn zum Erlebnis eines Besuchs in seinem Laden untrennbar dazugehören. „Ich möchte, dass meine Kunden wissen, dass sie und das, was gerade in ihrem Leben passiert, mir wirklich wichtig sind. Eine authentische Interaktion statt einfach nur ein Haarschnitt“, erklärt er.       

Die Evolution des Gentleman-Bartes

Kultivierte Körperpflege ist in Sydney seit langem überfällig. Sie folgte direkt auf die Lumbersexuellen-Welle, bei der ultra-trendige Hipster einen üppigen, dichten Bart zur Schau tragen. Accessoires und Modellierung kamen in Mode, als der Bart zu einer Art Investition wurde, die erarbeitet und gepflegt werden musste. In der Folge entstand ein massenhafter Wunsch nach Aufmerksamkeit und Präzision rund um Bart- und Kopfhaar. Seitdem haben klassische maskuline Stile wie der ‚Fassonschnitt‘ ihren Reiz wiedererlangt, nicht zuletzt dank der Beliebtheit im zwanzigsten Jahrhundert angesiedelter historischer Dramen wie Der große Gatsby, Boardwalk Empire und Mad Men. Viel vom Dekor und Ambiente aus diesen Zeiten wurde in diesen neuen Schlag von Barbierstuben übernommen, um ihnen eine weltmännische und kultivierte Atmosphäre zu verleihen. Für Luke handelt es sich dabei um einen unverzichtbaren Aspekt des Gesamterlebnisses, da er „Männer zurück hinaus in die Welt schicken möchte, die sich nach einem Haarschnitt oder einer Rasur selbstbewusst, authentisch, respektvoll und in ihrer Haut rundum wohlfühlen.“

Auch der Barbierstuhl hat Stil. Auch der Barbierstuhl hat Stil. | © Gina Robilliard Es scheint, als seien Männer bei den Schnitten, die sie zur Schau tragen, anspruchsvoller geworden, sodass der Markt zum relativ schnellen Aufholen gezwungen war. Und genau hier greifen landläufige Friseursalons zu kurz, denn der Großteil der in Australien angebotenen Friseurkurse legt wenig Wert auf Männerpflege. Diese sehr augenfällige ‚Bildungslücke‘ sowie die Beliebtheit von Barbierstuben hat NSW TAFE (eine öffentliche Institution für tertiäre Aus- und Weiterbildung) kürzlich dazu veranlasst, für 2017 um Interessenbekundungen für Kurse zu bitten, die sich speziell der Barbierkunst für Männer widmen. Lukes Lehrling Adam tendiert jedoch sehr viel eher dazu, seine Erfahrungen an einer etablierteren Institution in London zu machen, wo die Kultur für traditionelle männliche Berufe wesentlich stärker verankert ist.

Rückkehr zu traditionellen Werten

Was an diesen innerstädtischen Barbierstuben am meisten auffällt, ist die Betonung von Tradition und handwerklichem Können. Dass es bei einem Barbierbesuch nicht nur um einen Haarschnitt geht, ist offensichtlich. Vielmehr geht es darum, eine Erfahrung und eine Tradition zu erleben, an der Männer seit Jahrhunderten teilnehmen. Dies ist in einer Stadt wie Sydney eine Seltenheit, die außerhalb der Sportkultur relativ wenige männliche Rituale zu bieten hat. Mehr noch lehnt sich die Barbierkultur an eine ‚Erlebniswirtschaft‘ an, die für Marketingexperten wie Akademiker der Schlüssel zum Kaufverhalten der Millennials ist. Weit entfernt von den ‚gegenstandsorientierten‘ Aspirationen der Babyboomers möchten Millennials ihr hart erarbeitetes Geld auf die Theke eines Unternehmens mit ‚Seele‘ legen, bei dem sie sich als Teil eines größeren Ganzen fühlen können. Dazu passt, was Luke über die Prioritäten seiner Kunden sagt, die mit knapper Mehrheit zur Gruppe der Millennials gehören. „Ich glaube, dass Männer langsam anfangen, diese alten Traditionen wie einen gemeinsamen Ort für Diskussionen, Mode und Gemeinschaft wieder wertzuschätzen.“