Street-Art in Sydneys Inner West Kunst aus der Dose

Ballerina von Lister.
Ballerina von Lister. | © Ramona Bialowons

Sydney ist nicht die bekannteste Stadt für Street-Art in Australien. Erstrangig gehört dieser Ruf Melbourne. Allerdings hat Sydneys Inner West einiges an Street-Art zu bieten. Auch Street-Art-Touren werden immer beliebter und somit auch die Anbieter solcher Touren. Damit ich mehr über Street-Art in Sydney herausfinden kann, schließe ich mich einer Tour von Culture Scouts an. Sie führt mich durch die beiden Stadtteile Enmore und Newtown und wird geleitet von Melinda Vassallo. Sie ist Grafikdesignerin und Autorin des Buches ‘Street Art of Sydney’s Inner West’, also eine echte Kennerin der Szene, die in regelmäßigem Austausch mit den verschiedenen Street-Art Künstlern steht. Und somit weiß sie natürlich ganz genau, wo wir die besten Street-Art-Werke Sydneys finden.

Sonnenstrahlen fallen auf den Asphalt – es ist warm. Der Geruch von Kaffee zieht durch die Straßen und Freunde treffen sich zum Lunch. Das Viertel ist voller Leben,  die Atmosphäre ist entspannt. Bunte Farben zieren die Fassaden von Häusern, Garagentoren und Mauern. Die Tour startet in Newtown. Dieser Stadtteil ist der Geburtsort der frühen Street-Art-Szene Sydneys. Das berühmteste und älteste Street-Art-Gemälde  ist von Andrew Aiken und Juilee Pryor: I Have a Dream! (1991). Sie gehörten der Künstler-Gruppe Unmitigated Audacity Productions an, die für eine Vielzahl der damals noch illegal entstandenen Street-Art-Werke verantwortlich ist.

“A wall is a very big weapon. It's one of the nastiest things you can hit someone with.” – Banksy

„I have a dream!“ – das wohl bekannteste Wandgemälde in Newtown von Andrew Aiken und Juilee Pryor. „I have a dream!“ – das wohl bekannteste Wandgemälde in Newtown von Andrew Aiken und Juilee Pryor. | © Ramona Bialowons Das Wandgemälde auf der King Street besticht durch das Zitat von Martin Luther King. Melinda: „Es fungiert heute als Wahrzeichen für Newtown und ist in ganz Australien ein Ausdruck und starkes Symbol für die Rechte der Aboriginal People.“ Dementsprechend sind die Einwohner Newtowns stolz auf das Werk und hüten es, wie einen Schatz. Melinda erzählt von einem Brand im Gebäude, bei dem das Werk sehr beschädigt wurde. Die Einwohner schlossen sich zusammen und restaurierten das Wandgemälde innerhalb weniger Tage.

Street-Art findet sich in Newtown an den verschiedensten Plätzen: Auf Mauern, in Hinterhöfen und kleinen Gassen, ebenso wie in Tiefgaragen. Melinda führt uns kreuz und quer durch das Viertel, lässt keine versteckte Gasse aus. Es lohnt sich abseits der King Street durch Newtown zu laufen, um die versteckteren Wandgemälde aufzuspüren. Die verschiedenen Ausdrucksformen von Street-Art lassen den Künstlern Spielraum – so, wie beispielsweise mit der Newtown Poetry Wall.
 

  • Street-Art in Sydney beinhaltet zudem eine Poetry Wall, eine Wand mit Gedichten, Sprüchen und Zeilen, die Menschen loswerden wollen. © Ramona Bialowons
    Street-Art in Sydney beinhaltet zudem eine Poetry Wall, eine Wand mit Gedichten, Sprüchen und Zeilen, die Menschen loswerden wollen.
  • Der Name ist Programm: Birdhat ist bekannt für seine Vogelköpfe. © Ramona Bialowons
    Der Name ist Programm: Birdhat ist bekannt für seine Vogelköpfe.
  • Marys gehört zu Sydneys beliebtesten Burger-Restaurants. Die Fassade ist auch mit Tags verziert. © Ramona Bialowons
    Marys gehört zu Sydneys beliebtesten Burger-Restaurants. Die Fassade ist auch mit Tags verziert.
  • A garage in Newtown full of street art. © Ramona Bialowons
    Eine Garage in Newtown mit Street-Art.
  • Dieses Wandgemälde stammt von Jumboist, auch bekannt als JUMBO. © Ramona Bialowons
    Dieses Wandgemälde stammt von Jumboist, auch bekannt als JUMBO.
  • Eine Wand in Newtown voller Tags. © Ramona Bialowons
    Eine Wand in Newtown voller Tags.
  • Bunte Tags stechen auf der schwarzen Hauswand besonders hervor. © Ramona Bialowons
    Bunte Tags stechen auf der schwarzen Hauswand besonders hervor.
  • Man findet auch politische Statements auf den Straßen. © Ramona Bialowons
    Man findet auch politische Statements auf den Straßen.
  • Dieses Gemälde ist von Ox King und uch Teil des Perfect Match Programms des Inner West Councils. © Ramona Bialowons
    Dieses Gemälde ist von Ox King und uch Teil des Perfect Match Programms des Inner West Councils.

Graffiti-Rebellen versus Kommerz

Street-Art ist nicht gleich Street-Art. Es gibt Unterschiede. Sowohl bei den Wandgemälden, als auch bei der Machart. Um dies näher betrachten zu können, müssen wir zurück zu den Wurzeln: dem Graffiti.

“Graffiti is one of the few tools you have if you have almost nothing. And even if you don't come up with a picture to cure world poverty you can make someone smile while they're having a piss.” – Banksy

Graffiti wird mit der Farbdose gesprüht. Durch die meist sehr großen Schriftzüge, auch Tags genannt, markieren Graffiti-Künstler ihr Revier – sei es auf Hauswänden, Garagentüren oder Gegenständen. Sie stehen entweder als Logo für den Künstler oder dienen als Signatur unter einem Wandgemälde. Manche Künstler signieren ihre Werke, um erkannt zu werden und Anerkennung zu erhalten, wie zum Beispiel Alex Lehours. Jedoch ist nicht bei jedem Werk ersichtlich, wer es kreiert hat, da manche Künstler unerkannt bleiben wollen und ihre Gemälde ohne Signatur hinterlassen.

Ein riesengroßes Wandgemälde von Alex Lehours auf einer Hauswand. Ein riesengroßes Wandgemälde von Alex Lehours auf einer Hauswand. | © Ramona Bialowons Die sogenannten Tags, sind eine einfache Form des Graffiti-Schreibens. „Mit dieser Methode startete fast jeder Street-Art-Künstler“, erzählt Melinda während der Führung. Allerdings sind Tags in der Öffentlichkeit nicht besonders beliebt und werden immer noch häufig illegal an Wände gesprüht. Meist müssen die Tags dann entfernt werden, was kostspielig sein kann.

Im Gegensatz zu Graffitis wird Street-Art, mittlerweile von einem Großteil der Gesellschaft akzeptiert. In der Machart gibt es aber deutliche Unterschiede: Zur gängigsten Form gehört das Sprühen mit der Sprühdose. Stencils entstehen mithilfe von Schablonen, hinzukommen Paste-ups (Aufkleber), Kacheln, geformte Figuren oder gestrickte Wollmuster an Ampel- und Laternenpfosten.

Viele Street-Art-Künstler wollen mit ihren Gemälden eine Meinung äußern, eine Message weitergeben und etwas kommunizieren. Dazu können auch gesellschaftskritische Themen gehören, wie zum Beispiel dieses Kunstwerk von Phibs, mit dem der Künstler auf die Umweltverschmutzung der Meere aufmerksam machen möchte.
 
  • Phips macht mit diesem Wandgemälde auf die Verschmutzung der Meere aufmerksam. © Ramona Bialowons
    Phips macht mit diesem Wandgemälde auf die Verschmutzung der Meere aufmerksam.
  • Phips macht mit diesem Wandgemälde auf die Verschmutzung der Meere aufmerksam. © Ramona Bialowons
    Phips macht mit diesem Wandgemälde auf die Verschmutzung der Meere aufmerksam.
  • Phips macht mit diesem Wandgemälde auf die Verschmutzung der Meere aufmerksam. © Ramona Bialowons
    Phips macht mit diesem Wandgemälde auf die Verschmutzung der Meere aufmerksam.

Melinda: „Street-Art ist in Newtown sehr beliebt. Daher hat sich Street-Art zu etwas Kommerziellem entwickelt, was von den Graffiti-Künstlern oft kritisiert wird.“ Denn Besitzeigentümer und der Bezirksrat bezahlen oft Künstler für Wandgemälde, um so das bloße Tagging zu vermeiden. Und die Entfernung der Tags kann tatsächlich kostspieliger sein kann, als die Bezahlung eines Künstlers für ein Wandgemälde.

Respekt – ein hohes Gut

Das Zusammenleben von Künstlern und Anwohnern in Sydneys Inner West zeichnet sich durch einen respektvollen Umgang aus. Aufgrund von Verbotsschildern gibt es dennoch Wände, die hin und wieder leer bleiben.

Street-Art unerwünscht deklariert ein Schild über dem schwarzen Rolltor. Street-Art unerwünscht deklariert ein Schild über dem schwarzen Rolltor. | © Ramona Bialowons Auch zwischen den Künstlern herrscht zum größten Teil ein respektvoller Umgang. „Allerdings sprühen manche „Gangster“ ihre Tags über große Wandgemälde anderer Künstler oder an verbotenen Orten, wie beispielsweise in den Zugstationen, was bis hin zur Verhaftung führen kann.“ Diese „Gangster“ sind in der Street-Art-Szene in Sydney eine Ausnahme. Während der Führung treffen wir Künstler, die mit ihrer Crew an weiteren Werken arbeiten. Die Atmosphäre ist sehr entspannt. Die Wandgemälde entstehen schnell und routiniert. Um den Künstlern gegenüber meinen Respekt zu zeigen, mache ich während sie arbeiten kein Foto und überlasse es ihnen, ob sie erkannt werden oder lieber anonym bleiben wollen.
 
  • Die Hauswände mit den kleinen und untypischen Street-Art-Bildern sehen aus wie eine Galerie. © Ramona Bialowons
    Die Hauswände mit den kleinen und untypischen Street-Art-Bildern sehen aus wie eine Galerie.
  • Eine Steet-Art-Wand in Newtown auf der Goddard Street, die wie eine Galerie aussieht. Das linke Bild ist von Gwaa und die Gesichter von Ears. © Ramona Bialowons
    Eine Steet-Art-Wand in Newtown auf der Goddard Street, die wie eine Galerie aussieht. Das linke Bild ist von Gwaa und die Gesichter von Ears.
  • Ears ist bekannt für seine zerstückelten und durcheinander geratenen Gesichter. © Ramona Bialowons
    Ears ist bekannt für seine zerstückelten und durcheinander geratenen Gesichter.
  • Lister sprühte diese beiden Ballerinas an die Wände. © Ramona Bialowons
    Lister sprühte diese beiden Ballerinas an die Wände.
  • Lister sprühte diese beiden Ballerinas an die Wände. © Ramona Bialowons
    Lister sprühte diese beiden Ballerinas an die Wände.
  • Das gleiche Paste-up an drei verschiedenen Stellen. © Ramona Bialowons
    Das gleiche Paste-up an drei verschiedenen Stellen.
  • Das gleiche Paste-up an drei verschiedenen Stellen. © Ramona Bialowons
    Das gleiche Paste-up an drei verschiedenen Stellen.
  • Das gleiche Paste-up an drei verschiedenen Stellen. © Ramona Bialowons
    Das gleiche Paste-up an drei verschiedenen Stellen.
  • Dieses Wandgemälde stammt von Kyle Hughes – es ist ein Teil des Perfect Match Programms. Dieses Programm wurde vom Stadtbezirk ins Leben gerufen und unterstützt die Street-Art als Kunstform. © Ramona Bialowons
    Dieses Wandgemälde stammt von Kyle Hughes – es ist ein Teil des Perfect Match Programms. Dieses Programm wurde vom Stadtbezirk ins Leben gerufen und unterstützt die Street-Art als Kunstform.
Street-Art ist eine Kunst, eine Kultur, die vorrübergehende Passanten überrascht und begeistert. Die Szene entwickelt sich stets weiter und schnell entstehen neue Wandgemälde, die entdeckt werden wollen. Ein visueller Rundgang durch Sydney’s farbenfrohen Inner West.