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Bosna i Hercegovina

Tobias Premper
Miniaturliteratur

Tobias Premper schreibt Kürzestprosa, seine Miniaturen bestehen bisweilen aus nur einem Satz. Allein das Inhaltsverzeichnis seines neuen Buches durchzulesen, ist ein Vergnügen. Sich selbst nennt er „eine unprätentiöse, kummervolle, aber wirkliche Gestalt“, so könnte man auch seine Texte charakterisieren.

Von Holger Moos

Buchcover Ich war klein © © Steidl Buchcover Ich war klein © Steidl
Wie schon seine vorherigen Sammlungen enthält auch sein neuer Band Ich war klein, dann wuchs ich und war größer absurde, melancholische, weltverzweifelte, weise, bösartige und bisweilen auch drastische Miniaturen. Die Textbände des 1974 geborenen Autors erscheinen immer im vornehmen Steidl Verlag, wie auch sein bislang einziger Roman Erst einmal für immer.

Manche seiner Miniaturen sind extrem lakonisch, wie etwa Zu viele Dichter:

„‚Es gibt einfach zu viele Dichter‘, sagte der eine Dichter zum anderen.
‚Stimmt‘, sagte dieser, ging nach Hause und schrieb ein Gedicht darüber.“

Texte wie Matrjoschkas

Andere Texte sind wie eine Matrjoschka, ein Satz folgt dem anderen, ohne in einem auf den ersten Blick erkennbaren Sinnzusammenhang zu stehen. Das Durcheinander der Welt, aus dem sich doch Kausalitäten ergeben, wird offenbar, so etwa in Dienstag:

„Heute ist Dienstag. Aber die Tage sind alle gleich. [...] Im Hausflur bellt ein Hund, auf der Straße heult ein Kind. Ein Arbeiter karrt Lebensmittel vom Lastwagen in den Supermarkt. Ein Trinker zetert wegen nichts und wieder nichts. Davon wacht ein Baby auf und weint. Eine Mutter wird nervös, und ein Vater, der spät dran ist, schreit sie wütend an. Gesäge, Geschrei, Gebell, Geheul, Gewinsel, Gezeter, Geweine, Gejaule, Gekarre, Gejammer. Alles vor acht Uhr morgens. [...] In meinem Leben ist gerade nichts Schönes, nichts Helles. Niemand, mit dem ich Seite an Seite, Hand in Hand gehen könnte. Ob's anders wäre auf Tobago? Der Film ist zu Ende. Die Lichter bleiben aus.“

Premper pfeift auf Logik und Nachvollziehbarkeit

Sein Text Farn, Schusterpalme, Zahnputzbecher ist wie ein Spiegellabyrinth. Ein Mann betritt in deren Abwesenheit die Wohnung einer Nachbarin und steht direkt im Badezimmer, geht von Zimmer zu Zimmer, trifft auf identische Räume. Nach dem Öffnen der letzten Tür kommt er wieder ins Badezimmer und beschließt, die Nachbarin zum Abendessen einzuladen.

Prempers Miniaturen stehen in der Tradition von Schriftstellern wie Daniil Charms. Sie pfeifen oft auf Logik und unmittelbare Nachvollziehbarkeit. Der Autor Premper lädt zum geistigen Flanieren ein, er bietet den Lesern sehr kleine Fluchten aus der Realität an. Natürlich birgt gerade die Kürze auch das Risiko der Flüchtigkeit. Letztlich kann man selbst entscheiden, ob man die Einladung annimmt und über eine der Miniaturen länger nachdenken mag oder sie nur an sich vorüberziehen lässt.

Und so beschreibt Premper selbst seine Texte (in Die Miniatur):

„Meine Miniaturen sind Blitze, die den Nebel einer verhangenen Welt zerreißen und einen blauen Himmel mit einem goldenen Gestirn darin freilegen, das alles darunter leicht und schön erscheinen lässt.“
 
Rosinenpicker ©   © Goethe-Institut / Illustration: Julia Klement

Premper, Tobias: Ich war klein, dann wuchs ich und war größer
Göttingen: Steidl, 2018. S. 112
ISBN 978-3-95829-429-5

Vrh