Logo Goethe-Institut

Bosna i Hercegovina

Wolfram Eilenberger
Zwischen Zauber und Wirklichkeit

Wolfram Eilenberger hat ein großes Buch geschrieben: Groß nicht nur im Sinne des Umfangs, der sich auf 400 Seiten beläuft, sondern groß auch in Anbetracht der vier Protagonisten. Diese zählen immerhin zu den wichtigsten deutschen Philosophen der jüngeren Geschichte.

Von Friederike van Stephaudt

Buchcover Zeit der Zauberer © © Klett-Cotta Zeit der Zauberer © Klett-Cotta
In Zeit der Zauberer geht es um Ernst Cassirer, Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein und Walter Benjamin – vier Männer, die die deutsche Philosophie sowie den öffentlichen Diskurs zur Zeit der Weimarer Republik maßgeblich geprägt haben. Vier Denker mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen und -wegen, die Eilenberger geschickt zusammenführt.

Alles beginnt (und endet) im Jahr 1929: Ernst Cassirer und Martin Heidegger bereiten sich auf die berühmte Tagung von Davos vor, wo sie sich schließlich begegnen werden. Währenddessen soll Ludwig Wittgenstein in Cambridge promoviert werden. Walter Benjamin hingegen steckt einmal mehr in einer Lebenskrise. Eine scheinbare Momentaufnahme, die doch bestimmend für das Leben der Philosophen und das Narrativ des Eilenbergerschen Textes sein soll.

Lebenswege und Entwicklungsprozesse

Wir erleben einen fleißigen und nahezu starr fokussierten Cassirer, der sich mit dem aufkommenden nationalsozialistischen Faschismus konfrontiert sieht. Wir können mitverfolgen, wie Heidegger sich in der deutschen Universitätslandschaft etabliert, die eigene Verletzlichkeit in der Annäherung an seine Studentin Hannah Arendt erfährt und das Familienglück mit seiner Ehefrau dabei bewahrt. Wir sehen das Scheitern Wittgensteins als Dorflehrer voraus und lesen mit Erleichterung von seiner Rückkehr nach Cambridge. Wir lernen einen ruhelosen Benjamin kennen, der Bordelle besucht, sich im Nachtleben verliebt und nur schwer einen Text oder Job wirklich fertigstellen kann.

Aber wir erleben auch die Entwicklungsprozesse der philosophischen Ansätze der vier Männer: Cassirers Lehre der symbolischen Formen, Heideggers Kritik an Kant, Wittgensteins Wirklichkeitstheorie und schließlich Benjamins Idee des Übersetzers.

Philosophiegeschichte – spannend und einnehmend

Eilenberger verwebt theoretische Ausführungen über die Denkwege der Philosophen mit der Darstellung ihrer Lebenswege. Ein spannendes und überraschend einnehmendes Geflecht entwickelt sich so über die Kapitel hinweg.

Die Philosophien werden klug skizziert und die wichtigsten Schritte in den Entwicklungsprozessen griffig dargelegt. Gleichermaßen strukturiert bearbeitet der Autor die Lebensetappen seiner Protagonisten. Stets wahrt Eilenberger dabei eine kritische Distanz – zum Leben wie zur Philosophie. Kein Leben wird hier ausgeschlachtet, kein Denken trivialisiert.

Das dürfte sich der ehemalige Chefredakteur des Philosophie Magazins auch nicht erlauben – vorausschauend dankt Eilenberger am Ende des Buchs den bekannten Biografen seiner Protagonisten. Inhaltlich bietet das Buch nur bedingt Neuigkeiten oder unbekannte Details der Leben und Ideen seiner Protagonisten: Die Philosophie Wittgensteins ist Gegenstand zahlreicher Abhandlungen, Benjamins Ausschweifungen mehr als einmal literarisch besprochen. Und doch schafft Eilenberger etwas Neues: Er bringt die Philosophen auf so geschickte Art und Weise zusammen, dass sich im Aufeinandertreffen ihrer Leben und Ideen neue Erkenntnisse formieren. Im Spannungsfeld, das sich aus den teils konträren Positionen ergibt, wird ein neuer Blick auf den damaligen Zeitgeist möglich.
 
Rosinenpicker ©   © Goethe-Institut / Illustration: Julia Klement

Eilenberger, Wolfram: Zeit der Zauberer
Stuttgart: Clett-Kotta, 2018. 400 pages.
ISBN: 978-3-608-11017-3

Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

Vrh