Thomas Hummitzsch über "Barcelona"
Lost in Barcelona

Barcelona © Calle Claus

2013 nahm Calle Claus am Comictransfer des Goethe-Instituts teil und reiste von Hamburg nach Barcelona. Wohl gefühlt hat er sich in der katalanischen Metropole vor allem dann, wenn er den Touristenströmen entfliehen konnte.

„Mann muss ja nicht alles verstehen. Kleine Mysterien sind die Würze jeder Reise“, bemerkt Calle Claus, als er das Camp Nou, den Hexenkessel des FC Barcelona, besuchte. Mitte Mai 2013 war er dort, La Liga schrieb den drittletzten Spieltag in der ersten Saison der legendären Post-Guardiola-Ära. Gegner war der Valladolid CF, eine Mannschaft, die erst seit einem Jahr in der Liga war und gegen den Abstieg kämpfte. Das Spiel ging 2:1 für die Hausherren aus, aber das war nur eine Nebensache, denn die Mannschaft von Tito Villanova stand längst als Meister fest.

Der Fußball selbst spielt deshalb in dem kleinen Bericht kaum eine Rolle, zumal der Comiczeichner mutmaßlich ohnehin nicht so viel gesehen hat, weil es zum einen (Mitte Mai!) in Strömen geregnet hat und er zum anderen auf den oberen Rängen, weit entfernt vom Spielfeld, platziert war, wenn man seiner Zeichnung Glauben schenken darf.

Nebensächlichkeiten im Fokus

Statt auf Fußball konzentrierte sich der Hamburger Zeichner auf vermeintliche Nebensächlichkeiten, die dann aber doch eine Menge mit ihm zu tun hatten. So entdeckte er etwa einen Aufkleber, den wohl ein Anhänger von Hannover 96 hinterlassen hat. Selbst in der Stadt an der Leine groß geworden, kommentiert er das süffisant mit den Worten „Der alten Heimat entkommt man nie!“. Man sieht Claus auf seinen Zeichnungen auch nicht durch den hochmodernen Fan-Store der Katalanen irren, der über drei Etagen Fanartikel aller Art bietet, sondern auf einem Fan-Flohmarkt vor den Toren des Stadions, zwischen Anti-Madrid-Devotionalien und anderen Skurrilitäten. Er entscheidet sich schließlich für ein rot leuchtendes Regencape, eine weise Entscheidung, wie sich herausstellte.

Auf dem Weg in den Hexenkessel, wo schon damals Messi seine Gegenspieler schwindelig dribbelte, studierte er die Gestaltung des Vereinswappens und wie es sich im Laufe der Jahre verändert hat. Genau hier fiel der eingangs zitierte Satz. Als er einen Vorhang lüften wollte, hinter dem sich ein Wappen verbirgt, wurde er von einem Mann lautstark ermahnt, das zu lassen, nur um kurz darauf zuzusehen, wie sich dieser Mann kurz darauf selbst vor dem aufgedeckten Wappen ablichten ließ.

Mystische Orte, symbolisch aufgeladen

Ob Claus ein großer Fußballfan ist, ist nicht bekannt, aber das Stadion zählte für ihn mit zu den Orten, die symbolisch aufgeladen, irgendwie mystisch sind. Und genau die hat er während seines dreiwöchigen Aufenthalts in der spanischen Metropole besucht. Blättert man durch seine kleinen Reiseberichte, fällt aber auch etwas anderes auf. Es scheint, als wäre ihm die Stadt mit jedem Tag lauter, fremder und unnahbarer geworden. Je länger sein Aufenthalt dauert, desto mehr sucht er Orte des Rückzugs auf. Ein Zufall, schon möglich, aber vielleicht eben auch nicht.

Schon im ersten Bild seines zweiten Comicberichts sieht man, wie ihm der Schädel angesichts der vielen Touristen und des Sprachwirrwarrs auf den Straßen brummt. „Ich brauche mal ´ne Pause“, gesteht er sich da ein und beschließt, auf den Tibidabo im Rücken Barcelonas zu steigen und die dortige Kirche zu besuchen. Das Witzige daran ist, dass er daraus zeichnerisch einen Space-Trip machte, in dem sein Alter Ego den Ausflug als Astronaut in Angriff nimmt. Die an sich recht unspektakuläre Wanderung wird bei ihm zu einem Mondlandungsprojekt mit komplizierter Anreise. „Ein großer Schritt für mich, ein kleiner in Barcelona“ heißt es da, als man Neal Armstrong alias Calle Claus an der Kathedrale auf dem Berg die rote Markierungsfahne in den Boden stecken sieht.

Reisetipps für Leisetreter

Claus´ Städtepisoden changieren zwischen Reisetipp und Weltflucht, die eher für Leisetreter als für Partygänger geeignet sind. Eine positive Verbindung zum wummernden Leben in der katalanischen Metropole findet man in seinen Berichten nicht. Die stets volle Strandpromenade oder das Wahrzeichen der Stadt, die Dauerbaustelle der Sagrada Família, tauchen nur dann auf, wenn er vom Tibidabo auf die Stadt schaut.

Stattdessen schlug Claus eher abseitige Wege ein, eben um „mystische Orte“: das Stadion, ein Buch-Flohmarkt, den Tibidabo und seine Kirche oder – das wohl eher zufällig – das Institut für medizinische Anatomie. Diese Orte sollen ihn wie ein Magnet angezogen haben. Ansonsten, so gesteht er im Gespräch zu Comictransition, sei er eher in seinem abgeschiedenen Viertel geblieben, wo er sich habe treiben lassen. Seine Comics lassen das aber aus, konzentrieren sich auf die symbolischen Orte.

EIn langsamer Zeichner mit Kamera

Etwa auf den Bücher-Flohmarkt, den er nach knapp zehn Tagen besuchte, eine Attraktion, die man als Tourist eher mit Paris als mit Barcelona verbinden würde. Der Illustrator war hier vor allem von der Auswahl und dem Dekor der Bücher angetan, knipste dutzende Cover, die nun gezeichnet wieder in seinem Comicbericht auftauchen. Die Verkäufer waren jedoch wenig von seiner Begeisterung angetan, eine Verkäuferin schlug ihm offenbar fast die Kamera aus der Hand. Zumindest erzählt er das in seiner gezeichneten Anekdote.

Dabei ist die Kamera bei ihm nur Mittel zum Zweck, um festzuhalten, was später gezeichnet werden will. Claus ist nicht der Typ, der vor Ort anfängt, Skizzen in ein Reisetagebuch zu skribbeln. Das gibt er auch unumwunden zu. Er ist ein langsamer Zeichner, jede Szene wäre längst vorbei, würde er sich vor Ort hinsetzen und anfangen zu zeichnen. Sein Stil ist dennoch simpel (die Technik führt zu eher groben Strichen), aber realistisch, schließlich soll man die Orte wieder erkennen. Die grellen Farben hat er wohl kaum zufällig gewählt, viel rot und gelb, wie sie auch auf der spanischen sowie der katalanischen Flagge auftauchen. Auch in anderen Arbeiten spiegeln die Farben die Kultur, in der er sich bewegt. So fällt etwa der Bericht seines Aufenthalts in Casablanca ein halbes Jahr später ebenfalls sehr farbenfroh aus, so bunt, wie die Basare, über die er streifte.

Das sortierte Chaos der Stadt

Auf echte Panels verzichtete der Hamburger, es sind eher angedeutete weiße Lücken zwischen den offenen Zeichnungen, die die Bilder trennen. Ein Verfahren, das er auch in seinen Comics angewendet hatte. Hier ist es ein klug gewähltes Stilmittel, weil es eine Trennung der Bilder erschwert und auf der Bildebene das sortierte Chaos der Stadt nachbildet.

Die seinen Barcelona-Aufenthalt abschließende Comicgeschichte handelt vom Besuch des Seziersaals im medizinischen Institut. Gerade noch im leeren Hörsaal, wähnt sich sein Alter Ego da plötzlich in einer Vorlesung. In der Mitte des Saals ein Marmortisch, auf dem einen Frauenleiche vor seinen Augen seziert wird. Ein gruseliger und blutrünstiger Tagtraum, unterbrochen vom Brummen der Eingangstür. Dass vor dieser ausgerechnet eine Dame steht, die der in seiner Phantasie sezierten Toten überaus ähnlich sieht, ist vielleicht als Beleg dafür zu lesen, dass das Chaos der Großstadt nach einigen Wochen seine Spuren bei dem Hamburger Zeichner hinterlassen hat.

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