Sameera Hussain Wadood
Graphic Cooking: Die SW Erfahrung

Cafe Mango Sameera hält inne, um sich einen Moment Zeit zu nehmen Photo Credit: Abdul Mamun & Nuhash Humayun


Ich habe mich schon für Kunst interessiert, als ich das Wort noch gar nicht buchstabieren konnte. Schon damals konnte ich mir ein weiß-rosa-oranges Bonbon anschauen und dabei an ein bestimmtes Gemälde von Matisse denken. Die Kunst an sich hat überhaupt nichts Hochgestochenes an sich, im Gegensatz zu jenen Leuten, die glauben, sie besäßen Kunst. Mit dem Essen ist das genauso. Die Gerichte, die ich zubereite, sind sehr persönlich. Sie sind ein Spiegel meiner Erinnerungen und Erfahrungen und reflektieren meinen multikulturellen Hintergrund. Meine Küche vereint all jene Kulturen, die durch die Kolonisierung für immer verändert worden sind. Ich möchte nun die Hausmannskost, mit der ich aufgewachsen bin, mit meiner Liebe zur Kunst zu verbinden.
 

  • Mit Bilimbi glasierte Sousvide-Hähnchenbrust, gefüllt mit gewürzten Binni Bhaat-Quenelle, eingewickelt in verkohltem Grünkohl, Senf „Beurre Blanc“, gegrillte Limette © Sameera Wadood

    Mit Bilimbi glasierte Sousvide-Hähnchenbrust, gefüllt mit gewürzten Binni Bhaat-Quenelle, eingewickelt in verkohltem Grünkohl, Senf „Beurre Blanc“, gegrillte Limette

  • Geröstete Rote Beete Chitoi mit Erdbeer-Rosellen-Gelee, schwarzem Sesam und geräuchertem Ei Bhorta © Sameera Wadood

    Geröstete Rote Beete Chitoi mit Erdbeer-Rosellen-Gelee, schwarzem Sesam und geräuchertem Ei Bhorta

  • Bengalischer Gram-Tofu mit SW-Chili-Öl © Sameera Wadood

    Bengalischer Gram-Tofu mit SW-Chili-Öl

  • Koral Riff: Koral gekocht in Zitronengras & Kokosnuss-Sauce, serviert mit Black Sticky Rice © Sameera Wadood

    Koral Riff: Koral gekocht in Zitronengras & Kokosnuss-Sauce, serviert mit Black Sticky Rice

  • Nani's Keema Alu: Kurkuma-Gnocchi mit karamellisierter Zwiebel-Safran-Veloute & trocken gewürztem Keema © Sameera Wadood

    Nani's Keema Alu: Kurkuma-Gnocchi mit karamellisierter Zwiebel-Safran-Veloute & trocken gewürztem Keema

Man könnte auch sagen, ich dekolonisiere die gehobene Küche von ihrem ausschließenden Charakter und kreiere aus einer extrem auf Curries und Biryanis reduzierten Kultur einen ganz persönlichen Ratatouille-Moment. Zum Vorbild nehme ich dazu Werke von Künstlern, die mich schon als Kind inspiriert haben.

Mein Vorhaben in einem trubeligen, weiträumigen Umfeld umzusetzen war gar nicht so einfach. Ich wollte mich einfach von dem Marktangebot inspirieren lassen. Just in diesem Moment erblickte ich den Bombay Duck Fisch, der ganz tatka war, wie „frisch” auf Bangla heißt. In der Pandemie müssen wir auf vieles verzichten, und ich vermisse besonders einen hausgemachten Bombay Duck mit gedämpftem Klebreis, der mit einem einfachen Mix aus Senföl und Chillies aus dem Garten meiner Mutter beträufelt wird. Da wusste ich auf einmal: Genau das will ich nachkochen.

Ich wollte der Welt zeigen, wie der älteste und größte Markt aussieht, den wir haben. Die Herausforderung: Dort ist um drei Uhr nachts am meisten los, einer Zeit, in der der Rest des Landes noch schläft. Hier werden einzeln geangelte Fische umhergeworfen, dort wird Blumenkohl in hexagonförmige Pyramiden gestapelt. Um 10 Uhr morgens sieht man die Verkäufer*innen bereits, wie sie neben ihren Lebensmitteln ein wohlverdientes Schläfchen halten. Das Gericht besteht aus vier Komponenten: knusprig frittierten Fischstückchen, warmem und nussigem schwarzem Klebreis, cremig-köstlicher Senfsauce und Chili-Öl aus meiner eigenen Produktlinie. Es ist das erste Mal, dass ich ein Rezept veröffentliche. Ich habe überlegt, wie kompliziert es wohl ist, das alles anzurichten, schließlich geht es ja darum, mich selbst auszudrücken. Am Ende habe ich beschlossen, alles so einfach wie möglich zu halten und mich an das Lokma-Prinzip gehalten.

Ein Lokma besteht aus einer von Hand geformten Portion Essen, die alle Zutaten auf dem Teller vereint. Früher haben Eltern für ihre Kinder oft Lokmas gemacht, weil sie diese einfacher essen konnten. Der Grundgedanke dahinter war es, damit ein Gefühl von Liebe und Heimat zu erzeugen. Meine Art, das Essen anzurichten, zeugt ebenfalls von meiner Liebe zum strukturiert Abstrakten. Jedes Fisch-Lokma ist in Zweierreihen arrangiert, die aneinander anliegen. Wenn Sie dieses Gericht zubereiten und anrichten, schwingt dabei hoffentlich ein wohliger Gruß aus meiner Kindheit mit.

Sameera Hussain Wadood

 Sameera © Photo Credit: Abdul Mamun & Nuhash Humayun  Sameera Photo Credit: Abdul Mamun & Nuhash Humayun
Bevor sie Küchenchefin wurde, hat Sameera Wadood als Cyber Security Engineer gearbeitet. Sie wuchs in einem multikulturellen Haushalt auf, in dem Gerichte aus Indien, Myanmar und Oman gekocht wurden, und ihre Kreationen kann man als zeitgenössische Küche Bangladeschs bezeichnen. Ihr Background aus Wissenschaft, Kunst und Kultur ermöglicht ihr einen einzigartigen Blick auf das Thema Kochen. Daraus ergibt sich auch ihre Ideologie: Mit regionalen Zutaten und Techniken lassen sich bessere und interessantere Gerichte kreieren. Im Rahmen der von ihr gegründeten Beratungsorganisation rund um den Bereich Essen unterstützt Sameera darüber hinaus Restaurants und andere Institutionen auf dem Lebensmittelsektor mit ihrem Know-how.

Sameera hat sich zum Ziel gesetzt, die internationale Küche weiter zu erforschen und neu zu beleben und die ganze Welt an diesen Erfahrungen teilhaben zu lassen.



 

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