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Interview
Ute Wörmann-Stylianou

Eine Frau mit blonden Haaren hält ein Mikrofon in ihrer rechten Hand. In ihrer linken Hand hält sie Papiere mit ihrer Rede, die sie vorliest. Sie trägt ein elegantes grünes Kleid. Der Himmel über ihr ist dunkel und hinter ihr hängt eine Lichterkette.
Foto: Panayiotis Hadjiapostolou

Frau Wörmann-Stylianou, Sie haben einige Jahre an der Universität Lille in Frankreich als Deutschlektorin im Auftrag des DAAD gearbeitet und parallel dazu als Honorarlehrerin am Goethe-Institut Lille. Sie haben in dieser Zeit Ihren zyprischen Mann kennengelernt, zu dem Sie 1983 nach Nikosia zogen. Kurz nach Ihrer Ankunft fingen Sie hier beim Goethe-Institut als Deutschlehrerin an und leiteten ab 1985 den Sprachkurs- und Prüfungsbetrieb. Wie war das in den achtziger und neunziger Jahren am Goethe-Institut Zypern? Welche Institutsleiter*innen haben Sie erlebt? Und wie hat das Institut gearbeitet?

Zunächst möchte ich Szenen und Bilder schildern, die im Rückblick an meinem inneren Auge vorüberziehen. Sie betreffen die damalige Atmosphäre in der näheren Umgebung des Goethe-Instituts, die unsere Arbeit beeinflusste: In den achtziger und neunziger Jahren war das Goethe-Institut zu allen Tageszeiten frei erreichbar für Besucher*innen, vor allem unsere Deutschlerner*innen, nur von der griechisch-zyprischen Seite, d.h., von der Republik Zypern aus. Das Goethe-Institut lag nicht nur in der Pufferzone, sondern in einer militarisierten Zone. In dem heutigen Restaurant Château Status gegenüber dem Institut waren griechisch-zyprische Soldaten untergebracht, auf der Stadtmauer, die zum Goethe-Institut führt, patrouillierten Soldaten der türkischen Armee. Wachtposten der hiesigen Armee und der UN-Soldaten befanden sich nah am Pafostor. Ende der 90er Jahre lag eine ständige Spannung in der Luft. In einer Zeit besonderer Anspannung besuchte ich den Verbindungsoffizier der UN-Soldaten im Ledra Palace Hotel und beriet mich mit ihm. Er gab mir einen kleinen Schlüssel zu einer Tür im Zaun, der uns vom Ledra Palace trennte. Wir erhielten die Erlaubnis, im Notfall die Schüler*innen dort in den Hof in Sicherheit zu führen. Dieser kleine Schlüssel gab manch beunruhigten Eltern die Gewissheit, dass wir bei Gefahr für ihre Kinder sorgen würden. Die Grüne Linie war geschlossen, zum Besuch des nördlichen Teils von Zypern musste man ein Visum beantragen. Und auch die türkischen Zypriot*innen, die zu uns kommen wollten, konnten uns nur mit besonderer Erlaubnis besuchen. Angenehme Spannung herrschte, als wir ein erstes bi-kommunales Deutschlehrertreffen wohl Ende der 80er Jahre im Ledra Palace Hotel organisierten. Ich erinnere mich an das vorsichtige, tastende Kennenlernen und danach die regelmäßigen Lehrerfortbildungen bei uns im Saal, die griechisch- und türkisch-zyprische Deutschlehrer*innen ab nun all die kommenden Jahre freundschaftlich verbinden sollte.

Auch griechische und türkische Zypriot*innen arbeiteten bewusst an der Annäherung. 1995 fand 21 Jahre nach den Ereignissen von 1974 ein erstes bi-kommunales Konzert neben uns im Ledra Palace statt. Initiator war Michalis Chimarrides, der das Goethe-Institut und das Institut Français als Partner gewann. Es kamen um die 2000 Menschen, die sich zur Sicherheit auf Listen eintragen mussten. Die Musiker*innen spielten traditionelle zyprische Musik, es wurde getanzt, man zeigte das beliebte Schattentheater. Es herrschte eine fröhliche Stimmung. Es machte Hoffnung.

Ich hatte damals zunächst eine Freistellung von sechs, später neun Zeitstunden pro Woche, um die Organisation der Sprachabteilung samt Lehrerfortbildung zu leisten, Computer gab es lange keine, dafür Aktenordner “en masse“. Den Rest des Vertrags erfüllte Unterricht. Ich freute mich sehr, dass ich zum ersten Mal einen bi-kommunalen Konversationskurs einrichten konnte, doch nach einem Vorfall an der Grünen Linie war den türkisch-zyprischen Schüler*innen die weitere Teilnahme untersagt. Das schöne Projekt war abrupt beendet. Annäherung und plötzliche Distanzierung gehörten zu den Erfahrungen in diesen Jahren.

Herr Dr. Blümlein war mein erster Vorgesetzter, jung und unkonventionell - er hatte schon damals den Mut, den Angestellten das Du anzubieten. Er hatte ein festes kleines Team: unsere immer gut aufgelegte Sekretärin Christa Papaphilippou, Niovi Makrides für die Finanzen, Barbara Walz in der Programmarbeit, Ulla Hajikakou in der Bibliothek und für Studienberatung, bis der DAAD diese Aufgabe übernahm. Beide waren gleichzeitig auch als Deutschlehrerinnen tätig, wie die Frau unseres Technikers, Herr Doulamis. Im Gedächtnis bleibt intensive Filmarbeit bei uns im Saal und im PIO (Press and Information Office): eine zehnteilige Fassbinder-Serie mit Diskussionsabenden im Anschluss, eine weitere Filmserie zum 3. Reich, dem ein Seminar folgte, Brechtfilme im Verbund mit einem Marx-Seminar. Außergewöhnlich früh im Rückblick ein Vortrag zur Bedeutung des Recycling. Das Abschlussfest im Sommer wurde immer sehr kreativ von uns Lehrer*innen gestaltet. Schüler*innen und Lehrer*innen hatten Freude am Theaterspiel und Musikdarbietungen. So fand das Kursjahr einen fröhlichen Abschluss.

Peter Baresel (verst.), langjähriger Leiter der Sprachabteilung in Athen, Istanbul und Rom, schloss bei uns seine Dienstzeit ab, reich an Erfahrung, Ruhe und Humor. In Erinnerung bleibt seine Zusammenarbeit mit dem Maler und Installationskünstler Horst Weierstall, der z.B. Mauer - Aktionen durchführte, die dann wiederum in Ausstellungen dokumentiert wurden. Das Bild des Künstlers, der eine Leiter an die Mauer legt, um sie zu überwinden, wirkte besonders stark. Herr Baresel unterstützte unsere Kollegin Magda Phantarou, die die Sprachabteilung bis 1985 leitete und auch Fachberaterin für Deutsch im Ministerium für Bildung und Kultur war, bei der Ausarbeitung eines Curriculums für den Deutschunterricht an öffentlichen Schulen. Er scheute sich nicht, bei den Abschlussfesten selbst einmal eine lustige Rolle zu spielen. Seine Frau Marie-Luise, eine ausgebildete Kindergärtnerin, betreute die Kinder des Lehrerkollegiums äußerst ideenreich im Saal oder auch bei sich zu Haus. Als Sula Akouta zu uns kam, konnten wir bilinguale Kurse für unsere Kinder einrichten, sie wurden Tradition. Unerwartet musste sich Herr Baresel einer Herzoperation unterziehen und konnte fast ein halbes Jahr seinen Dienst nicht versehen, er übertrug mir die Begleitung und teilweise Durchführung schon geplanter Projekte in der Programmabteilung. Es ging einmal um die Eröffnung eines Seminars zum Thema Tourismus und Wirtschaft, zum andern war eine Ausstellung im Famagustator zu eröffnen in Zusammenarbeit mit der Stadt Nikosia. Ich ahnte nicht, dass dies ein erstes Übungsfeld für spätere Aufgaben werden sollte.

In der Amtszeit Hilmann von Halems, eines großen Menschenfreundes, fanden schon die ersten Budgetkürzungen statt, so dass ihm in der Programmarbeit allmählich die Hände gebunden waren. Doch in seine Verantwortung fiel 1995 das großartige Konzert im Ledra Palace nebenan. Er sollte ein einfühlsamer Zeuge der Probleme werden, die uns am Ende seiner Dienstzeit erwarteten, d.h., der ersten Schließungsankündigung im Jahr 1998.

Ende der 90er Jahre gab es eine weltweite Umstrukturierungswelle der Goethe-Institute, die auf Grund von Zuwendungskürzungen zu großen Einsparungen und Schließungen im Institutsnetz führte. Auch Nikosia stand auf der Liste der Institute, die geschlossen werden sollten. Das war sicher ein großer Schock für die Mitarbeiter*innen, aber auch für die Partner und Freunde des Instituts. Zusammen mit Kolleginnen haben Sie dafür gekämpft, dass das Institut nicht geschlossen, sondern in ein Goethe-Zentrum umgewandelt wurde. Wie haben Sie diese Umstrukturierung erlebt und wie gelang die Umwandlung in und Weiterführung als ein Goethe-Zentrum? Was konnte weitergeführt werden? Was musste sich ändern?

Wie eben erwähnt, erfuhren wir im Herbst 1998 ohne jegliche Vorbereitung von dem Entscheid der Zentrale, auch die Arbeit des Goethe-Instituts Nicosia im Rahmen einer großen Schließungswelle zu beenden. Ein Formfehler verhinderte die sofortige Durchführung. Wir hatten zwar von Umstrukturierungen gehört, auch von Schließungen, doch wir konnten uns nicht vorstellen, dass ein ehemals geteiltes Land ein Institut auf einer geteilten Insel in der letzten geteilten Hauptstadt der Welt schließen könnte. Ich kann sehr gut die Menschen heute in der Pandemie verstehen, die von einem Tag auf den anderen ihre Arbeit verlieren. Der Boden entglitt unter den Füßen. Ich war damals Vertrauensperson und schickte Protestbriefe an die Zentrale, an den Präsidenten des Goethe-Instituts, an das Auswärtige Amt und stellte die Frage, wie es zu vertreten sei, dass sich ein ehemals geteiltes Land nicht in der Pflicht sehe, solidarisch mit einem noch geteilten Land zu handeln. Ohne Erfolg.

Unter Herrn Öppert (verst.), dem letzten Leiter des damaligen Goethe-Instituts Nicosia, fand 1999 einerseits die „Abwicklung“ statt, andererseits parallel die „Rettung des Goethe“. Ursula Kareklas, Dorothea Ioannides und ich, wir packten als Trio die Sache gemeinsam an und machten uns daran, ein Goethe-Zentrum zu gründen nach dem Vorbild anderer Institute auf der Schließungsliste, wie z.B. Chania und Patras in Griechenland. Die Deutsche Botschaft stand uns hilfreich zur Seite. Hier gilt mein großer Dank dem damaligen Botschafter, Herrn Dr. Peter Wittig, später UN-Beauftragter in New York: „Frau Wörmann, Sie müssen jetzt Klinken putzen lernen!“ Das klang sehr schnöde, erwies sich jedoch als Weg. Ursula Kareklas und ich zogen nun los und besuchten die deutschen Schifffahrtsgesellschaften in Limassol, die damals, Gott sei Dank, noch florierten: u.a. Oldendorff, Hahn Stichling, Columbia, Intership und das Anwaltsbüro Medstar. Wir nahmen die Klinken oft in die Hand und konnten schließlich die Manager*innen gewinnen, unter dem Vorsitz des Botschafters einen Vorstand zu bilden, der in engem Turnus die Aktivitäten des nun zu bildenden Goethe- Zentrums beobachten, bewerten und finanziell begleiten würde. (Hier möchte ich dankbar auch ein zyprisches Unternehmen erwähnen, die Photovoltaik-Firma ENFOTON SOLAR LTD von Alex Soteriou, die uns die Arbeit über Jahre ebenfalls finanziell erleichterte.)

Das Ende des Jahres 1999 war erreicht: Der Augenblick, als das Verwaltungsprogramm, das uns mit dem Goethe-Institut Athen und der Zentrale verband, ausgeschaltet wurde, entließ uns aus einer Gemeinschaft, mit der wir uns jahrelang identifiziert hatten. Äußerst schmerzhaft, dieser plötzliche Schnitt. Horst Deinwallner, Leiter des Goethe-Instituts Athen, wurde unser verständnisvoller Mentor und auch Begleiter in der Programmarbeit. Unser Ziel war es von Anfang an, das Goethe-Zentrum Nicosia voll nach Tradition des uns vertrauten Goethe-Instituts Nicosia weiterzuführen, d.h. Kultur- und Spracharbeit parallel. Dabei ging es immerzu um die finanzielle Seite. Wir mussten – sehr bitter – eine verdiente zyprische Kollegin entlassen, in der Hoffnung sie würde als Zypriotin eher eine neue Arbeit finden als eine deutsche Kollegin. Wir konnten die Mietkosten für das Gebäude nicht stemmen. In extremen Situationen unternimmt man extreme Dinge. Ich packte unseren Haushaltsplan in mein Ziehköfferchen, flog nach Deutschland und suchte die Firma Oetker in Bielefeld auf, in der meine Familie und auch ich gearbeitet hatten. Nach mehrstündiger Verhandlung mit dem Präsidenten einer dort kurz zuvor gegründeten Kulturstiftung erhielten wir die Zusage für eine Unterstützung der Miete. Die Stiftung zahlte uns zunächst ein halbes Jahr, dann zwei Jahre und schließlich fünf Jahre lang die Hälfte der Miete. Doch am Ende des ersten Jahres war unser Überleben keineswegs gesichert. Dorothea Ioannides trat zurück, um unsere Überlebenschancen zu erhöhen. Ursula Kareklas nahm nach eineinhalb Jahren intensiven Engagements für den Aufbau des Zentrums wieder voll ihre Unterrichtstätigkeit auf. Nun teilten wir die Arbeit: Christine Herden-Demetriou, auch langjährige erfahrene Lehrerin, übernahm nun die Leitung der Sprachabteilung, ich selbst war für die Programmarbeit verantwortlich. Ab nun arbeitete das Goethe-Zentrum ganz klar nach dem Vorbild des Goethe-Instituts. Was war anders? 1. Es war der ständige finanzielle Druck, neben einer Basis-Förderung durch die Zentrale die nötigen Restgelder zu finden und unter enger, wenn auch wohlwollender Kontrolle zu arbeiten. 2. Von der Zentrale eingeführte Neuerungen für die Goethe-Institute weltweit, z.B. in der elektronischen Verwaltung galten für uns nun nicht mehr. Wir waren außen vor. 3. Trotzdem: Wir gingen auf eine spannende Entdeckungsreise: In Eigenverantwortung Kultur- und Spracharbeit für unser Land zu leisten.

Als wir uns das erste Mal, kurz nach meiner Ankunft in Zypern trafen, erzählten Sie mir, dass Sie diese Zeit als Leiterin des Goethe-Zentrums nicht missen wollten, so anstrengend vieles auch war, so bereichernd haben Sie aber auch Ihre Arbeit empfunden.

So ist es. Wir hatten Freude an unserer Arbeit und der Resonanz im Publikum und bei den Kooperationspartnern. Die Sprachabteilung gedieh unter der Leitung von Christine Herden-Demetriou, sie befand sich in regelmäßigem Kontakt mit der Leitung der Sprachabteilung des Regionalinstituts und war so bestens informiert über alle neuesten Entwicklungen. Oberstes Ziel war u. a. natürlich den Kontakt zu den Deutschlehrer*innen auf ganz Zypern zu pflegen und auszuweiten und für regelmäßige Fortbildung zu sorgen. Seit der Öffnung der Grünen Linie konnten wir auch zyprisch-türkische Schüler*innen willkommen heißen. Eine Freude: Hier saßen sie nun und lernten Bank an Bank mit griechisch-zyprischen Deutschlerner*innen! Zur besseren Beratung von Eltern und Schüler*innen lernte Christine Herden-Demetriou Türkisch, was die Kommunikation erleichterte. Das Kursangebot wurde auf Grund der Nachfrage vor Ort laufend erweitert, z.B. um Kurse für frühes Fremdsprachenlernen und für Bilinguale. Pionierarbeit war nötig, auf regionalen Fortbildungsseminaren war ihre Erfahrung gefragt. Am anderen Ende des Spektrums lagen Kursangebote für hiesige Ministerialbeamt*innen, u.a. ein neues“ Blended Learning“ – Angebot, für das auch noch keine Erfahrung vorlag. Auch die Zusammenarbeit mit den Schulen gewann ein neues Tempo durch die PASCH-Initiative. Durch die Vereinheitlichung der Prüfungen im Europäischen Referenzrahmen ergab sich ein rapider Anstieg der Zahl an Prüfungen und Prüfungskandidat*innen. Die neue TestDaf - Prüfung war ein weiterer Baustein. Hinzu kamen vielfältige Angebote für die Deutschlerner*innen wie z.B. die Deutsch-Olympiade. Christine Herden-Demetriou meisterte all diese Herausforderungen allein.

Was die Programmabteilung betrifft, so werde ich später auf die neue Eigendynamik der bi-kommunalen Arbeit zu sprechen kommen. Zunächst führten wir schon bestehende Kooperationen des ehemaligen Goethe-Instituts weiter, jede Zusammenarbeit eine Entdeckung, menschlich und fachlich, u.a. mit der Archäologin und Kunsthistorikerin Anna Marangou, dem Maler Horst Weierstall/Kunstinstallationen, mit Arianna Economou/ ModernerTanz, Panicos Chrysanthou/Filmemacher, Kaiti Economidou/ Gesang, Garo Keheyan, Pharos Arts Foundation/Konzerte oder wir entdeckten neue Partner wie z.B. Lily Michaelides&Nora Hadjisotiriou/Dichterlesungen im europäischen Rahmen, Achim Wieland & Marios Ioannou/ Dramaturg/en und Schauspieler, die Sopranistinnen Katerina Mina, Alexandra Gravas, die Chorleiterin Maro Skordi mit dem Chor Polyfonia. Weihnachtsmarkt und Weihnachtskonzert in der Katholischen Kirche wurden Tradition. Den griechisch- und türkisch-zyprisch-deutschen Kulturvereinen unter dem Vorsitz von Herrn Dr. Andreas Spyridakis und Ibrahim Toprakci waren wir freundschaftlich verbunden, manches Mal durch eine Zusammenarbeit.

Andererseits trugen wir zur interkulturellen Begegnung bei, indem wir deutsche Künstler*innen hier vorstellten. Bilder tauchen auf: den Dichter Jan Wagner, inzwischen Träger des Georg Büchner Preises, luden wir als ersten ein. Im ängstlichen Sparzwang brachten wir ihn in einer zu engen Bleibe unter, er möge es verzeih‘n. Nora Gomringer hielt eine feurige Slam Poetry Session im alten Bibliothekssaal. Eindrucksvoll die Werke zeitgenössischer deutscher Schmuckdesigner*innen, vermittelt durch Olga Zobel der Biro Galerie in München und ausgestellt in der Hellenic Bank. Skizzen expressionistischer Maler im Kulturzentrum des Alten Pallouriotissa Markts der Stadt Nikosia, - Meißener Porzellan in Zusammenarbeit mit dem Leventis Stadtmuseum Nikosia samt Liederabend mit einer zyprischen Sopranistin aus Dresden, Klavierabende mit Gerhard Folkerts, dem Theodorakis-Experten, Jazzkonzerte im Kulturzentrum der Universität Zypern am Archontiko Axiothea gehörten zum Ausklang im Sommer ebenso wie die Filmabende im Constantia Open Air Kino in Pallouriotissa in Zusammenarbeit mit dem hiesigen Filmclub. Jedes einzelne Projekt eine neue Reise in die schöne Vielfalt der menschlichen Phantasie.

2003 wurden die Checkpoints geöffnet, 2004 trat ganz Zypern der EU bei. Wie haben Sie diese Zeit als Leiterin des Goethe-Zentrums erlebt?

In der Tat ereigneten sich unerwartete Dinge in diesen Jahren: Ich erinnere mich sehr genau an den 23. April 2003. Kurz vor neun stand ich am Eingang unseres „Goethe“. Ich hatte von Lockerungen im nördlichen Teil von Zypern gelesen, sogar von der möglichen Öffnung der Grünen Linie. Ich schaute zurück und sah eine ungewohnte Lebendigkeit auf dem Weg zwischen den zwei Checkpoints, fünf Menschen, zehn Menschen, zwanzig dann schließlich 150. Es war heiß, wir holten Wasser, die UN-Soldaten kamen ebenfalls zur Unterstützung. Wohl eine gute Woche später setzte der Ansturm von unserer Seite ein, griechisch-zyprische Flüchtlinge warteten in einer endlosen Autokolonne auf die Durchfahrt, nach langen Jahren wollten sie endlich ihren Heimatort, ihr Haus wiedersehen. Einige ruhten sich aus im Goethe-Garten: „Haben wir 29 Jahre gewartet, können wir jetzt auch 29 Stunden warten. Wir wollen nach Haus.“- Die Grüne Linie blieb geöffnet. Viele türkische Zypriot*innen kamen nun täglich vorbei, sie fanden Arbeit in der Republik Zypern. So kamen sich die Menschen im Alltag nah. Das Gebiet um das Goethe-Zentrum wurde demilitarisiert: Das Bild der Umgebung verwandelte sich: In dem verfallenen Gebäude rechts neben dem Checkpoint vor dem „Goethe“ entstand ein Restaurant, auf dem heutigen großen Parkplatz dahinter fanden regelmäßig Sommer - Konzerte statt. Doch eines blieb am Checkpoint: Die jahrelangen Mahnwachen der schwarz gekleideten Frauen, die Tag um Tag die Fotos ihrer vermissten Männer, Söhne, Kinder hochhielten.

An diesem sensiblen Ort in der Pufferzone hatte das deutsche Kulturinstitut eine Aufgabe. Wir boten als erstes den griechisch- und türkisch-zyprischen Künstlerverbänden, EKATE mit Daphne Trimikliniotis und EMAA mit Osman Keten als Präsidenten, die Gelegenheit, sich einmal im Monat bei uns im Saal zu treffen. Der Maler Nicholas Panayi spielte eine vermittelnde Rolle. Jedes Mitglied erhielt die Möglichkeit, seine Kunst vorzustellen. Als Höhepunkt organisierten wir eine gemeinsame Kunstausstellung im Famagustator in Zusammenarbeit mit der Stadt Nikosia. Auch die türkisch-zyprischen Künstler*innen nahmen teil, ein Ereignis. Die hoffnungsvolle Aufbruchstimmung ließ immer neue Projekte entstehen: eine erste bi-kommunale Dichterlesung im Saal unter Begleitung der später plötzlich verstorbenen Dichterin und Malerin Niki Marangou, u.a. mit Stephanos Stephanides, Lily Michaelides, Neshe Yiashin, Zeki Ali, Gür Genc, Nora Nadjarian und vielen anderen. (Später würden wir die Idee durch Beteiligung an den Poetry Festivals von Ideogramma im Casteliotissa-Raum und an den Poetry Slam Sessions bei ARTos fortsetzen.) Vorträge der Investigativjournalistin Sevgül Uludag, die intensive Versöhnungsarbeit mit den türkisch- oder griechisch-zyprischen Hinterbliebenen der Vermissten leistete. Eine Portrait-Ausstellung von Anna Stelmach mit Fotoportraits von griechischen und türkischen Zypriot*innen inselweit und ihren persönlichen Kommentaren zu Vergangenheit und Zukunft auf der Insel, diesmal in Kooperation mit der Laiki Bank; die bi-kommunalen Teilnehmer*innen sollten sich noch lange danach im Büyük Han zu freundschaftlichem Austausch treffen. 2006 das Projekt „Mauerreise“ zur deutschen Ratspräsidentschaft, als im Hof des „Goethe“ große Styropor-Steine aus Berlin von Schüler*innen, Künstler*innen, Dichter*innen aus allen Insel-Regionen – die Republik Zypern und den nördlichen Teil von Zypern - bemalt und beschrieben wurden und wir zwei unserer Steine später begeistert mitten unter dem Brandenburger Tor wiedererkannten. 2009 ein Friedensprojekt von Rose Marie Gnausch, „Elephants for Peace“, das Kinder und Erwachsene diesseits und jenseits der Grünen Linie am Checkpoint Ledra Straße zusammenbrachte, wo der türkisch-zyprische Bürgermeister von Nikosia, Cemal Metin Bulutoglulari, und die griechisch-zyprische Bürgermeisterin Eleni Mavrou die Straßen-Ausstellung eröffneten und später die erstellten kleinen und großen Werke wiederum im Famagustator allen zugänglich machten. - Ab jetzt herrschte Leben im Saal. Hier trafen sich nun zahlreiche bi-kommunale Gruppen, bis das Home for Cooperation geöffnet wurde.

Diese Dynamik von 2003, die Bereitschaft, wieder zusammenzukommen, zusammen zu arbeiten, wirkte also klar über die Nicht-Ratifizierung des Annan-Plans im Jahr 2004 hinaus. Doch wurde mir gerade in diesem bedeutsamen Jahr, mit dem sich so viele Hoffnungen verbunden hatten, sehr deutlich, dass unsere Rolle an diesem Ort in keiner Weise Vormundschaft bedeuten durfte, weil man die Wiedervereinigung des eigenen Landes erlebt hatte. Ich hatte vor der Abstimmung über den Annan-Plan einen Berliner Experten zum Thema Besitzstandsregelung eingeladen, ein vielschichtiges Thema damals in Deutschland und nun in Zypern. Türkische und griechische Zypriot*innen nahmen teil. Wir wurden Zeugen, wie tief die Verletzungen in beiden Bevölkerungsgruppen reichen und durchwanderten selbst einen intensiven Lernprozess, in dem wir wahrnahmen, wie unvergleichlich komplexer und schwieriger sich der Weg zu einer Wiedervereinigung in Zypern gestaltet. Aus dieser Erkenntnis heraus versuchten wir vorrangig, ein Ort der intensiven Begegnung für alle Inselbewohner*innen zu sein. Die Zeit schien 2004 nicht reif für eine Lösung, doch dieses Jahr wurde trotzdem ein entscheidendes Jahr durch den Beitritt Zyperns zur EU.

Ich möchte noch einmal auf den EU Beitritt Zyperns zu sprechen kommen. In der Hoffnung auf eine Wiedervereinigung Zyperns wurde 2004 die gesamte Insel in die EU aufgenommen. Leider ist es bis heute zu keiner Wiedervereinigung oder Lösung des Zypernproblems gekommen. Sie haben Zypern als erwachsener, berufstätiger Mensch vor und nach dem EU Beitritt erlebt. Was hat der EU Beitritt bewirkt? Was war positiv, was vielleicht eher negativ und konnten Sie bei Ihrer Arbeit im Goethe-Zentrum Veränderungen durch den EU Beitritt feststellen?

Zunächst einmal ja, der Beitritt Zyperns zur EU bedeutete eine Wende. Zypern bildet den Außenrand der EU, es hat eine faszinierende Geschichte, hier waren ja nicht nur Perser, Assyrer, Ägypter und Römer, die ihre Spuren hinterließen, sondern auch die nicht ganz rühmlichen Kreuzfahrer (Engländer, Franken, Deutsche) . Italiener, Osmanen und die Briten kamen danach. Also war diese kleine Insel immer fremden Herren unterworfen. Auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen und gegenwärtiger Machtverhältnisse wirkte der Beitritt zur EU wie die Aufnahme in einen Schutzraum, der Sicherheit gewährt, aber auch neue Chancen bietet, was für ein solch kleines Land von großer Bedeutung ist. Außerdem, könnte man sagen, wird ein recht altes europäisches Band neu geknüpft, allerdings diesmal in Unabhängigkeit. Bedauernswert wurde nun wirklich, dass de facto nur ein Teil Zyperns diese Mitgliedschaft praktizieren kann, denn ein offizieller Künstleraustausch zwischen türkisch-zyprischen und europäischen Künstler*innen/Ländern ist z.B. nicht möglich. Durch den Beitritt zur EU aber intensivierten wir schon bestehende „europäische“ Kooperation, lebten sie bewusster: Die Zusammenarbeit mit dem Institut Français war selbstverständlich, bis heute bin ich der Vision eines Charles de Gaulle dankbar. 2003 feierten wir das 40-jährige Bestehen des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags gemeinsam, ab 2004 aber wurde die Zusammenarbeit spürbar enger, wo immer sich im Kleinen oder Großen eine gute Gelegenheit bot, und dies in immer freundlicher Kooperation mit unserem Kollegen dort: Bertrand Dubart. Besonders nett ein Detail: Der Leiter des Institut Français war zeitweise auch unser Deutschschüler. Sehr wichtig war mir ebenfalls die Zusammenarbeit mit der Polnischen Botschaft und dem Polnischen Freundschaftsverein MALWA. Wir organisierten gemeinsame Konzerte und Ausstellungen. Diese Kooperationen waren bedeutsam in sich, aber auch als Ermutigung gedacht: Gräben können überwunden werden, auch wenn sie sehr tief sind. Außerdem nahmen wir am Werden des Europäischen Tanzfestivals (heute Festival für zeitgenössischen Tanz) in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Bildung und Kultur und dem Rialto-Theater in Limassol teil, es wurde über die Jahre ein fester Programmpunkt.

Im Januar 2011 hat Angela Merkel das Goethe-Zentrum besucht. Im Juni 2011 wurde das Goethe-Institut wiedereröffnet. Der damalige Präsident des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann hatte sich dafür eingesetzt und 2011 übergaben Sie die Schlüssel an den Institutsleiter Björn Luley, der vorher am Goethe-Institut Damaskus war, das wegen des Bürgerkriegs in Syrien geschlossen werden musste. Wie kam es zur Wiedereröffnung und was hat die Wiedereröffnung für Sie persönlich bedeutet?

Ende 2010, also nach zehn Jahren Tätigkeit, erhielten wir einen freundschaftlichen Besuch von Herrn Dr. Rüdiger Bolz, dem damaligen Leiter des Regionalinstituts Athen. Zu unserer großen Überraschung stellte er uns die Frage, ob wir unser Zentrum zur Verfügung stellen würden, damit eine Neueröffnung des Goethe-Instituts in Zypern stattfinden könne. Erstaunen und, ja, Wahrnehmen, dass die Leitung in München doch erkannt hatte, dass die Schließung des ehemaligen Goethe-Institut Nicosia ein falsches Zeichen gesetzt hatte. Unerwartet war natürlich der Besuch der Bundeskanzlerin in Zypern und auch am Goethe-Zentrum im Januar 2011. Ohne Zweifel war dies ein ganz besonderer Augenblick. Wir empfingen sie zuerst zu einem gemeinsamen Gespräch, in dem es um unsere Erfahrungen an diesem besonderen Ort im Niemandsland ging, danach war Frau Merkel bereit zu einer Fragestunde, an der fortgeschrittene Schüler*innen beiderseits der Grünen Linie teilnahmen. Sie erwies sich als gute Pädagogin, es ergab sich ein lebendiger, ernsthafter Austausch. Im Juni 2011 feierten wir die Eröffnung des neuen Goethe-Institut Zypern, so hieß es nun, in unserem Garten. Der Präsident des Goethe-Instituts, Herr Klaus-Dieter Lehmann, eröffnete es im Beisein vieler Ehrengäste, auch des Präsidenten der Republik Zypern natürlich. Für unseren wichtigsten Sponsor, der viel Zeit und Geld in das Goethe-Zentrum investiert hatte, bedeutete unsere Schließung eine herbe Enttäuschung, die er auch sehr deutlich zum Ausdruck brachte. Trotzdem erwies es sich als eine gute Lösung, ab nun auf einem sicheren Fundament weiterzuarbeiten und den Schlüssel an Herrn Luley zu übergeben, der jetzt natürlich auch vor einer Herausforderung stand: Überführung eines Goethe-Zentrums in ein Goethe-Institut.

Rückblickend erinnere ich mich an die sehr schweren Zeiten vor und nach der Schließung unseres lieben alten Goethe-Instituts Nicosia und dann an zehn gute, reiche Berufsjahre im Austausch mit Kulturpartnern und Künstler*innen, für die ich sehr, sehr dankbar bin. Dankbar bin ich allen Unterstützern im Laufe der Jahre und vor allem unserem Team mit Christine Herden-Demetriou als Co-Leitung, Irini Hadjikypri, später Elena Petrou sowie Dagmar Pashia. - Durch die Eröffnung des Goethe-Instituts Zypern wurde deutlich, dass unsere Arbeit nicht vergeblich war. Nun konnte ich mich ganz ruhig in einen neuen „Unruhestand”, ins Rentnerdasein begeben.

Was wünschen Sie dem Goethe-Institut Zypern für die nächsten 60 Jahre?

Im Sommer 1974 ging ich zum ersten Mal durch das Niemandsland am Goethe-Institut vorbei, um die fränkische Kathedrale im nördlichen Teil der Stadt mit eigenen Augen zu sehen. Nur wenig später lag das Institut mitten im Kampfgebiet. Eine Trennlinie wurde geschaffen. Knapp 30 Jahre danach öffnete sich diese trennende Grüne Linie, unerwartet! Durch meine Arbeit am Goethe-Institut lernte ich griechisch- und türkisch-zyprische Schüler*innen und Eltern, Künstler*innen, NGOs und engagierte Menschen beiderseits der Grünen Linie kennen, die sich mit Leib und Seele für ein friedliches Zusammenleben in diesem kleinen Land einsetzen. Ich wünsche dem Goethe-Institut, dass es all solche Menschen und Gruppen begleitet und weiterhin ein Ort der Begegnung bleibt auch in schweren Zeiten, die, abgesehen von der Pandemie, noch kommen mögen. Vor ca. 15 Jahren hielt Prof. Dr. Manfred Lange vom Zypern-Institut einen Vortrag über die drohende Desertifikation Zyperns, die sich innerhalb der nächsten 50 Jahre vollziehen könne oder werde. 35 Jahre haben wir also hoffentlich noch Zeit, hier und weltweit bedroht uns der menschengemachte Klimawandel. Vielleicht ist er wie die Pandemie ein starker Weckruf, eine Chance, dass die Bewohner*innen dieser schönen Insel gemeinsam nach vorn schauen, sich zusammentun und intensiv an Projekten zur Behebung und Vermeidung von weiteren Umweltschäden arbeiten, damit ein Leben auf der Insel auch in Zukunft gewährleistet ist, Ansätze hierzu gibt es genug. Das Goethe-Institut könnte mit Expert*innen und deren Know-how diese Projekte helfend unterstützen und in 60 Jahren eine begrünte Insel feiern, auf der angstlose, friedliche Koexistenz vom Traum zur Realität wurde. Dies jedenfalls wünsche ich dem Goethe-Institut Zypern und allen Menschen auf dieser Insel von ganzem Herzen.

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