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Für bessere Inklusion
Selbstwahrnehmung von Menschen mit Behinderung

Bin ich behindert oder werde ich behindert? Auf den Rollstuhl angewiesen zu sein, ist so lange kein Problem, bis man auf eine Treppe stößt.
Bin ich behindert oder werde ich behindert? Auf den Rollstuhl angewiesen zu sein, ist so lange kein Problem, bis man auf eine Treppe stößt. | © picture alliance / Frank May

Bin ich behindert? Werde ich behindert? Ist „behindert“ überhaupt der richtige Ausdruck? Der Journalist Henning Schmidt lebt von Geburt an mit einigen Einschränkungen. Um sich in die Gesellschaft eingebunden zu fühlen, stehen Sprache und Begrifflichkeiten für ihn nicht im Mittelpunkt.

Von Henning Schmidt

Ich wurde sieben Wochen zu früh geboren. Dabei erlitt mein Gehirn eine Sauerstoffunterversorgung. Die Folge: eine Sehschwäche. Den Führerschein machen? Ausgeschlossen. Fahrrad fahren? Vielleicht auf dem Land, aber sicher nicht in Potsdam, wo ich lebe. Zu gefährlich. Dazu kommt noch eine mild ausgeprägte Spastik. Bin ich also behindert?

Das Deutsche Sozialrecht gibt hier eine eindeutige Antwort. In § 2 Absatz 1 SGB IX heißt es: „Menschen mit Behinderungen sind Menschen, die körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren an der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate hindern können.“ Das trifft es: Bei mir liegt sowohl eine körperliche als auch eine Sinnesbeeinträchtigung vor. Und das auch nicht erst seit sechs Monaten, sondern schon immer.

Begriffe an sich sind nicht das Problem

Ich bin also behindert, sogar gleich mit zwei Behinderungen. Diese Begriffe empfinde ich für sich genommen nicht als schlimm, meine Behinderungen sind medizinische Tatsachen. Ich hatte nie das Bedürfnis, sie durch etwas anders zu ersetzen, durch „Beeinträchtigung“ beispielsweise. Trotzdem bin ich bei der Nutzung sensibler geworden.

Dass ich amtlich verbrieft „schwerbehindert“ bin und einen Schwerbehindertenausweis habe, ist für mich okay. Einen Schwer-in-Ordnung-Ausweis, wie ihn sich die Aktivistin Hannah Kiesbye wünscht, brauche ich nicht. Dieser kann auf ihre Initiative hin bereits bei mehreren Versorgungsämtern beantragt werden und kommt in Form einer bedruckten Ausweishülle, die auf dem Behindertenausweis den Begriff „Schwerbehindert“ mit „Schwer in Ordnung“ überdeckt. Für einige ist das wichtig – schon Tausende Ausweise wurden ausgegeben und die Initiative hat eine Debatte im Bundestag ausgelöst –, ich gehöre nicht dazu.

Für einige ist ihre Initiative sehr wichtig, für andere irrelevant: Der erste selbstgebastelte „Schwerinordnungausweis“ der Aktivistin Hannah Kiesbye löste eine Debatte im Bundestag über die Behandlung von Menschen mit Behinderung aus. Für einige ist ihre Initiative sehr wichtig, für andere irrelevant: Der erste selbstgebastelte „Schwerinordnungausweis“ der Aktivistin Hannah Kiesbye löste eine Debatte im Bundestag über die Behandlung von Menschen mit Behinderung aus. | © picture alliance / Holger Hollemann/dpa | Holger Hollemann Trotzdem spreche ich von mir mittlerweile konsequent als „Mensch mit Behinderungen“ und nicht mehr als „behinderter Mensch“, und ich stelle mich stets als „Journalist mit Behinderungen“ vor statt als „behinderter Journalist“. Es ist mir sehr wichtig, so gesehen zu werden. Denn für mich ist es ein Unterschied, ob das Attribut vorne steht oder nicht. Ist dies der Fall, tritt alles andere hinter die Behinderung zurück: Man ist erst behindert, dann Mensch oder Journalist. Darin steckt immer etwas Abwertendes. Für mich gilt: Ich habe Behinderungen, sie sind aber nur ein Aspekt meiner Persönlichkeit.

Wo ich behindert werde

Das medizinische Konzept von Behinderung wird inzwischen von vielen abgelehnt und alternativ das soziale Modell von Behinderung vertreten. Motto: Ich bin nicht behindert, ich werde behindert. Die Behinderung entsteht dieser Sichtweise zufolge erst im Zusammenspiel mit der Umwelt: Auf den Rollstuhl angewiesen zu sein, ist so lange kein Problem, bis man auf eine Treppe stößt.

Ob ich damit etwas anfangen kann? Definitiv! Behindert zu werden gehört auch zu meinem Alltag. So sind etwa viele Straßen in Berlin und Potsdam unfassbar schlecht beleuchtet. Entweder gibt es gar keine Straßenlaternen oder die Laterne strahlen mehr in den Himmel als auf die Straße. Meine Orientierung ist ohnehin nicht die beste, schlechtes Licht macht es nur noch schlimmer. Ebenfalls problematisch sind Busse ohne Haltestellenanzeige oder U-Bahnen, die mit offenen Fenstern über die Schienen rumpeln, so dass ich die Haltestellenansagen kaum hören kann.

Mal gibt es keine Straßenlaternen, mal geben sie zu wenig Licht: Die mangelnde Straßenbeleuchtung in Berlin bedeutet für Menschen mit einer Sehbehinderung eine Beeinträchtigung. Mal gibt es keine Straßenlaternen, mal geben sie zu wenig Licht: Die mangelnde Straßenbeleuchtung in Berlin bedeutet für Menschen mit einer Sehbehinderung eine Beeinträchtigung. | © picture alliance / Zoonar / Maurice Tricatelle Aber nicht nur auf der Straße oder im ÖPNV stoße ich auf Hindernisse. Auch Vergünstigungen, die mir das Leben erleichtern sollen, sind häufig nicht so einfach durchzusetzen. So darf ich dank Schwerbehindertenausweis zwar kostenlos Begleitpersonen in Theater, Konzert oder Museum mitnehmen. In der digitalen Buchungssystemen der Kultureinrichtungen ist die Option der kostenfreien Begleitperson aber oft gar nicht vorhanden. Die Folge: umständliches Telefonieren oder Hin-und-her-Mailen mit den Ticketverkäufer*innen. Bin ich dann im Museum, sind häufig die Infotafeln viel zu klein oder mit den Exponaten in der Glasvitrine angebracht. Immerhin gibt es mittlerweile oft gute Audioguides, so dass Infotafeln nicht mehr so entscheidend sind wie früher.
In den Buchungs-Apps der Deutschen Bahn ist es ebenfalls unmöglich, das Recht auf eine kostenlose Reservierung geltend zu machen. Kurz, ich erlebe zwar keine offene Diskriminierung, aber mich hindern diverse Unzulänglichkeiten im öffentlichen Raum daran, mein Leben noch selbstbestimmter und zufriedener zu führen.

Inklusion braucht viele Instrumente

Was heißt das alles für eine inklusive Gesellschaft, wie können wir da vorankommen? Meiner Meinung nach braucht es einen Mix verschiedener Instrumente. Manches lässt sich baulich lösen: mehr Straßenlaternen, mehr Rampen und Aufzüge für Rollstuhlfahrer*innen, leisere U-Bahnen. Anderes ist eher eine technische Frage: Vergünstigungen müssen für jede*n leicht in Anspruch genommen werden können. Wenn das von selbst nicht klappt, dürfen auch Gesetze kein Tabu sein. Pflegt etwa die Bahn die kostenlose Reservierung partout nicht in ihre Apps ein, sollte man sie zur Not zwingen, genauso wie die Entwickler*innen von Ticketbuchungs-Software im Kulturbereich.

In anderen Bereichen sieht es deutlich schlechter – und schwieriger – aus. Inklusion in der Bildung muss endlich selbstverständlich werden. Bisher bleibt es da meist bei einzelnen Projekten. Auch die Medien können dazu beitragen, dass die Gesellschaft inklusiver wird. Hier stehen besonders die öffentlich-rechtlichen Sender in der Pflicht: Sie müssen Information und Unterhaltung barrierefrei zur Verfügung stellen, etwa durch Untertitelung, Bildbeschreibungen für blinde Gebärdendolmetscher*innen oder die Verwendung von einfacher Sprache.

In Sachen Inklusion an Schulen bleibt es meist bei einzelnen Projekten: Als inklusive Schule ermöglicht die Rosa-Luxemburg-Grundschule in Potsdam gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung. In Sachen Inklusion an Schulen bleibt es meist bei einzelnen Projekten: Als inklusive Schule ermöglicht die Rosa-Luxemburg-Grundschule in Potsdam gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung. | © picture alliance / Maurizio Gambarini / dpa Daneben besteht aber auch eine Pflicht, Menschen mit Behinderungen und ihre Themen im Programm abzubilden. Und zwar in einer Weise, die die Betroffenen empowert: nicht über Menschen mit Behinderungen sprechen, sondern mit ihnen. Wie das gehen kann, zeigte im September 2021 ein Projekt von radioeins, einem der Reichweiten-stärksten Hörfunksender der Region Berlin-Brandenburg, der von meinem Arbeitgeber Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) produziert wird. Unter dem Titel radioeins inklusiv gestalteten Beschäftigte aus Werkstätten für Menschen mit Behinderung eine Woche lang eine Stunde Programm pro Tag zusammen mit der Redaktion. Diskutiert wurden Wege in den allgemeinen Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderungen. Die Rückmeldung der Hörer*innen war übrigens sehr positiv: Inklusion wird goutiert!

Im Schneckentempo, aber es geht voran

Nochmal kurz zusammenfassend: Erstens – ja, ich bin behindert. Allerdings ist mir wichtig, dass diese Tatsache nicht alles andere dominiert. Zweitens – ich stoße im Alltag auf ärgerliche Hindernisse, deren Abbau ich mir wünsche. Ich bin und werde behindert. Drittens – für mehr Inklusion ist noch viel zu tun, besonders in der Bildung und der Arbeitswelt. Ob wir Inklusion jemals in einem Maß erreichen, wie es die Vereinten Nationen in der Behindertenrechtskonvention festgeschrieben haben? Da bin ich skeptisch. Trotzdem nimmt die Aufmerksamkeit für das Thema zu und auch die Akzeptanz steigt. Der Fortschritt ist zwar eine Schnecke, doch die Inklusion kommt voran.

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