Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1) Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Migration
Das Exil als Herausforderung betrachten

Fatima lehrt andere Flüchtlinge, die nach Estland kommen: Seid offen und knüpft Kontakte.
© Ken Mürk

Fatima Rahimi aus dem Norden Afghanistans ist vor fünf Jahren als Geflüchtete nach Estland gekommen. Der Anfang war schwer, aber jetzt berät sie ihre Schicksalsgefährten*innen.

Von Fatima Rahimi

Mein Name ist Fatima. Dieser Name hat viele Bedeutungen wie zum Beispiel „die Strahlende” oder er besagt, dass jemand sehr ehrlich ist. Fatima war auch die Tochter des Propheten Mohammed. Deshalb haben mir meine Eltern diesen Namen gegeben. Fatima ist einer der gebräuchlichsten Namen der Welt, von dem es in fast jeder Kultur eine Variante gibt. Ich habe erst vor kurzem entdeckt, dass es sogar in Uganda einen ähnlichen Namen gibt!

Ich bin 2016 in Estland angekommen. Inzwischen ist viel passiert, aber alles in allem ist mein Leben schön, friedlich und ruhig gewesen. Meistens habe ich gearbeitet. In den letzten anderthalb Jahren war mein Büro mein Schlafzimmer.

Einen Job zu finden, war eines meiner größten Probleme. Viele Ausländer*innen kommen gerade wegen eines bestimmten Jobs hierher, aber für Geflüchtete ist es schwierig, einen Job zu finden. Generell sind die Bildungssysteme unterschiedlich. Ich habe in Afghanistan Betriebswirtschaftslehre studiert. Als ich nach Estland kam, konnte ich in meinem Feld keine Anstellung finden, da überall Kenntnisse der estnischen Sprache erforderlich waren. Das war für mich das größte Hindernis. Ich habe viele Lebensläufe verschickt, aber ich bekam nicht einmal eine Antwort. Es ist möglich, dass die Unternehmen Zweifel aufgrund meines Namens oder meiner Herkunft hatten.

Ein Auffangnetz aus Freund*innen

Eine junge Frau an einem sommerlichen Tag. Fatima Rahimi konzentriert sich immer auf das Gute, egal welche Herausforderungen das Leben mit sich bringt. | © Ken Mürk

Meine erste Anstellung habe ich im Café August dank eines deutschen Freundes gefunden. Er ist praktisch ein Einheimischer, weil er schon so lange hier lebt. Dank eines koreanischen Freundes habe ich einen anderen Job im elektronischen Handel bekommen. Meinen dritten Job bei Malwarerbytesis habe ich dank eines Freundes aus Georgien erhalten. Ja, es ist möglich, ohne Estnischkenntnisse einen Job zu finden, aber du musst über ein soziales Netzwerk verfügen. Des Weiteren arbeite ich derzeit im lokalen Büro einer internationalen Organisation für Migration, wo wir Schulungen für Geflüchtete anbieten. Als erstes empfehle ich ihnen, einen Bekanntenkreis aufzubauen: Freundschaften schließen, an Veranstaltungen teilnehmen usw. Dadurch erhält man Anregungen für die Jobsuche.

Sprachkenntnisse sind natürlich entscheidend. Hat eine Person die sogenannte Flüchtlingsblase verlassen, befindet sie sich oft in einer Expat-Blase, in der sie auch nicht vollständig integriert ist. Um Estin*Este zu werden, muss man die Sprache und Kultur kennen.

Ich lerne aktiv Estnisch und kann ein wenig sprechen. Ich übe - mal sehen, wie es weitergeht!

Meine Schwester wurde im Bus verbal angegriffen

Ich hatte einige unangenehme Vorfälle auf der Straße, aber ich würde sie nicht als schwerwiegend bezeichnen. Es ist eine traurige Tatsache, aber manchmal wird man danach beurteilt, wie man aussieht: Haut- und Haarfarbe. Ich sehe nicht besonders nahöstlich aus. Das ist definitiv ein Grund dafür, weswegen ich nicht besonders häufig auf mein Äußeres angesprochen werde. Aber meine jüngere Schwester hatte eine sehr schlechte Erfahrung: Ein großer Mann im Bus beleidigte sie, sagte, meine Schwester sei eine Terroristin. Meine Schwester war damals 16 Jahre alt, praktisch ein Kind. Dies geschah in unserer ersten Woche in Estland. Danach verließ meine Schwester die Wohnung zwei Monate lang nicht. Unsere Betreuerin der estnischen Flüchtlingshilfe sagte, wir hätten sofort die Polizei rufen sollen, aber wir sind nicht einmal darauf gekommen. Meiner Familie ist so etwas nicht noch einmal passiert. Wir konzentrieren uns in erster Linie auf das Gute, denn das Gute überwiegt immer das Schlechte.

Eine dunkelhaarige junge Frau mit ihrem weißen Fahrrad. In Estland hatte Fatima die Möglichkeit, das Radfahren zu versuchen – in Afghanistan ist das für Frauen verboten. | © Ken Mürk Während des Vorfalls im Bus trug meine Schwester ein Kopftuch. Es ist nicht sehr gut, sein Aussehen für andere zu ändern, aber wir haben meiner Schwester gesagt, dass es in Estland eine andere Kultur gibt und es vielleicht keine gute Idee ist, ein Kopftuch zu tragen. Jetzt trägt sie es nicht mehr. Dies ist keine ideale Situation, aber sie wurde seitdem nicht mehr verbal angegriffen.

Mein Bruder wächst zu einem Esten heran

Ich hatte eine gute Karriere in Afghanistan, aber ich musste meinen Job sowie meine Freund*innen aufgeben und flüchten. Mir gefällt es gerade in Estland sehr gut und ich könnte mir mein Leben nirgendwo anders vorstellen. Aber am Anfang war es sehr schwierig. Jetzt empfehle ich anderen Geflüchteten: Betrachtet eure Situation als interessante Herausforderung. Die Dinge sind nun anders und man kann nicht zu seinem früheren Leben zurückkehren. Ich bin nicht mehr die, die ich war, als ich nach Estland gekommen bin. Ich bin eine viel bessere Version meiner selbst. Diese Herausforderung hat mir sehr geholfen: Ich habe eine neue Kultur kennengelernt, neue Leute getroffen und so weiter. Es war ein sehr interessantes Abenteuer. Und das Wichtigste: Hier ist es sicher. Konzentriert euch immer auf das Positive!

Mein Bruder kam mit drei Jahren nach Estland. Jetzt ist er acht Jahre alt. Er besucht das Kopli-Kunstgymnasium und spricht sehr gut Estnisch. Er macht viel Kunst in der Schule und ich habe das Gefühl, dass er von einem sehr guten Umfeld umgeben ist. Die Schulen in Afghanistan kümmern sich nicht um das Wohl der Kinder, dort ist man sogar gewalttätig. Mein Bruder ist ein sanfter kleiner Junge und wir sind froh, dass er nicht unter Druck gesetzt wird. Mein Bruder hat nicht viele Erinnerungen an Afghanistan, nur ein paar. Seine Kindheitserinnerungen stammen aus Estland. Wir denken, dass er zu einem Esten heranwachsen wird. Das ist für uns völlig in Ordnung. Mein Bruder träumt davon, dass er, wenn er groß ist, ein großes Haus für seine Schwestern und seine Mutter kaufen wird. Komisch, wir haben nie erwähnt, dass ein Haus unser Traum ist!

Ich lebe mein eigenes Leben!

Ich versuche nicht zu verfolgen, was in Afghanistan passiert. Die Situation dort hat sich über die Jahre verschlechtert. Letztes Jahr passierten dort schreckliche Dinge und ich bekam schwere Depressionen. Ich habe mit niemanden darüber gesprochen, weil ich andere nicht beunruhigen wollte. Viele Menschen machen sich Sorgen über den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan. Die Vereinigten Staaten erreichten nicht direkt etwas, sondern fungierten eher als Vermittler. Ihr Weggang erschreckt vor allem lokale Aktivist*innen und Politiker*innen, da die Regierung einen immer schlechteren Kurs fährt. Mir gefällt, dass ich in Estland keinen Druck habe, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Ja, einige Familienmitglieder tun dies, aber ich muss mich nicht an die Standards von anderen halten. Ich lebe mein Leben. In Afghanistan wird nicht auf eine gesunde Lebensweise geachtet, denn es geht den Menschen in erster Linie um Sicherheit. In Estland kann ich draußen laufen, trainieren und Fahrrad fahren, was Frauen in Afghanistan nicht erlaubt ist. In Estland kann ich mich als Mensch weiterentwickeln und bin dankbar für diese Möglichkeit.

Anmerkung der Redaktion:  
Fatimas Artikel wurde vor der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan geschrieben. 

 

Der Artikel erschien 2021 im estnisch-russisch-deutsches Webmagazin Samovar. Im Fokus stehen junge Stimmen, Perspektiven und Meinungen mit Themen von und für Jugendliche.

Webmagazin Samovar

Top