Open Data in Deutschland Für mehr Transparenz und Demokratie

Offen verfügbare amtliche Daten
Offen verfügbare amtliche Daten | Foto (Ausschnitt): © leowolfert

Behörden veröffentlichen ihre Daten ohne Einschränkungen, Bürger und Programmierer können sie nutzen – das ist der Kerngedanke von Open Data. Auch in Deutschland hat das Thema seit einigen Jahren Fahrt aufgenommen.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie hoch der Bundesetat für Bildung ist? Wie viel Ammoniak ein Schweinemastbetrieb jährlich ausstößt? Und in welche Stadtbezirke Sie umziehen könnten, um Ihren Arbeitsplatz in maximal einer halben Stunde zu erreichen? Die Informationen, die zur Beantwortung solcher Fragen notwendig sind, liefern oft Daten der öffentlichen Verwaltung, etwa Geodaten oder Statistiken. Doch manche Ämter und Behörden stellen ihre Daten nur nach langwierigen Anfragen und gegen Gebühr bereit. Mit Open Data, offen verfügbaren amtlichen Daten, soll sich das ändern.

Die Idee von Open Data kommt aus den USA, wo es eine lange Tradition des Rechts auf Akteneinsicht gibt. Aktivisten setzten sich erfolgreich für die kostenlose Publikation von Daten der öffentlichen Verwaltung ein, unter anderem mit dem Argument, dass diese durch Steuern finanziert sind. Seit 2013 müssen in den USA alle Regierungsinformationen auf Bundesebene offen zur Verfügung gestellt werden.

Überzeugungsarbeit muss geleistet werden

In Deutschland ist man noch nicht so weit. Doch auch hier setzen sich Aktivisten aus Nichtregierungsorganisationen wie der Open Knowledge Foundation Deutschland seit 2010 für Regierungs-Transparenz und offene Daten ein. Ihr Argument: Politisches Handeln könne durch leicht verfügbare Daten demokratischer gestaltet werden. Teilweise im direkten Dialog mit Open-Data-Enthusiasten beschäftigen sich in den Verwaltungen von Bund und Ländern kleine Abteilungen mit dem Thema. Schnelle Fortschritte erzielen sie allerdings nicht. Überzeugungsarbeit muss geleistet werden, insbesondere bei Behörden, die Geld mit dem Verkauf ihrer Daten verdienten, etwa mit Luftbildern. Im Herbst 2012 ging Berlin mit seinem Datenangebot online – als erstes Bundesland.

Ein wegweisender Schritt auf internationaler Ebene war die Unterzeichnung der Open-Data-Charta im Jahr 2013 durch die G8-Staaten. Unter anderem wurde festgelegt, dass Verwaltungsdaten möglichst umfassend offen zur Verfügung gestellt werden sollen. Für die beteiligten Regierungen hat dies auch wirtschaftliche Vorteile. Für Deutschland errechnete eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung Steuereinnahmen aus Open-Data-Unternehmen von mindestens 12 Milliarden Euro pro Jahr.

Open-Data-Projekte in Deutschland

Mittlerweile hat die Bundesregierung beim Thema offene Daten einiges angestoßen. Im Jahr 2013 startete etwa das nationale Datenportal Govdata.de zunächst im Probebetrieb, mittlerweile veröffentlichen zehn Bundesländer und einige ihrer Kommunen ihre Daten regelmäßig (Stand Juli 2016). Für Bewegung in den Behörden sorgte der Nationale Aktionsplan zur Umsetzung der Open Data Charta der G8 im Herbst 2014. Darin wird jede Bundesbehörde verpflichtet, mindestens zwei Datensätze zur Verfügung zu stellen.

Auch auf kommunaler Ebene engagiert man sich: Claus Arndt, Leiter der elektronischen Verwaltung von Moers am Niederrhein, entwickelte mit Studenten Anfang 2013 das Projekt Offene Daten Moers. In den folgenden Jahren organisierte Moers sogenannte Hackdays, bei denen unterschiedliche Menschen gemeinsam an datenbasierten Lösungen arbeiten. Für die Stadt war es wichtig, „in den persönlichen Austausch mit der lokalen und regionalen Community zu treten“, sagt Arndt. Aus den Hackdays in Moers ist inzwischen das regelmäßige Treffen Code for Niederrhein entstanden, ein Teil des deutschlandweiten Code for Germany: In vielen Städten arbeiten Teams bei regelmäßigen Zusammenkünften an praktischen Anwendungen aus Daten – etwa Websites, die öffentliche Haushalte visualisieren oder kommunale Entscheidungen transparent machen.

Wie hoch das Potenzial von Open Data ist, belegen Projekte von Web-Entwicklern und (Daten-)Journalisten. Mapnificent, das Projekt des Entwicklers Stefan Wehrmeyer, basiert unter anderem auf Fahrplandaten des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg. Die Anwendung zeigt etwa für Berlin auf einer Karte an, welche Ziele mit öffentlichen Verkehrsmitteln innerhalb einer bestimmten Zeit erreichbar sind – das kann bei der Wohnungssuche helfen. Die Interaktiv-Redaktion der Berliner Morgenpost publizierte einen viel beachteten Zugezogenen-Atlas. Dieser schlüsselt mit öffentlichen Daten auf, aus welchen Städten und Kleinstädten die Neuberliner in die Hauptstadt gezogen sind.

Deutschland will bei Open Data vorankommen

Für viele europäische Länder hat Großbritannien, das ab 2010 umfangreiche Behörden-Daten veröffentliche, bei Open Data das Tempo vorgegeben. Dass Deutschland nicht ganz so schnell vorankommt, liegt auch am föderalen System: Die Bundesregierung kann den Ländern weder das Freigeben großer Datenbestände verordnen, noch hat der Bund direkten Zugriff auf kommunale oder Länder-Daten.

Im Jahr 2016 zeichnet sich eine positive Entwicklung zu mehr Datenoffenheit ab. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur stellt in seinem Modernitätsfonds 100 Millionen Euro für Geschäftsideen bereit, die auf Mobilitäts-, Geo- und Wetterdaten basieren. Außerdem hat die Bundesregierung im April 2016 beschlossen, der Open Government Partnership Deutschland beizutreten. Ziel dieses internationalen Zusammenschlusses ist es, Regierungen zu Offenheit und Transparenz zu verpflichten. Ein Gesetz, das alle bundesdeutschen Behörden verpflichtet, offene Daten in einheitlichen maschinenlesbaren Formaten und unter freien Lizenzbedingungen zur Verfügung zu stellen, gibt es jedoch noch immer nicht. Dennoch: Jörn von Lucke, Institutsleiter des Open Government Institute an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen sieht die Veränderungen – nachdem bislang nur begrenzte Finanz- und Personalmittel zur Verfügung gestellt wurde – als ein Zeichen des Aufbruchs: „Politik und Verwaltung in Deutschland muss es gelingen, offene Daten als geeignetes Element einer wirksamen datengetriebenen Wirtschaftspolitik zu verstehen und entsprechend zu handeln.“ Am Ende sollten Wirtschaft wie Bürger von besser zugänglichen Daten profitieren.

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