Briefblog Kostenfrei am Stau vorbei

Sag mal, Jaan ... ein Briefblog9
© Goethe-Institut Estland

Sag mal, Jaan Tamm, stehst Du gern im Stau?

Vor fünf Jahren haben Du, lieber Jaan, und Deine Mitmenschen per Volksabstimmung Geschichte geschrieben und mit großer Mehrheit den für alle Tallinner Einwohner*innen kostenfreien öffentlichen Nahverkehr eingeführt. Tallinn ist mit Abstand die größte Kommune weltweit, die ein solches Experiment gewagt hat.

Um es gleich zu sagen: Ich bin ein großer Fan davon und mache bei jeder Gelegenheit Werbung für den Tallinner Weg. Der Hauptgrund für mich persönlich ist, dass er die innerstädtische Mobilität ALLER spürbar erhöht, auch die ärmeren und ärmsten Menschen haben die Möglichkeit, sich frei in der Stadt zu bewegen; und zwar ohne dass ihnen erst jemand das Almosen eines Sozialtickets zubilligen muss. Das Resultat ist in den Tallinner Bussen und Straßenbahnen tagtäglich mit allen Sinnen (Achtung, Wortspiel) erfahrbar. Das riecht nicht immer angenehm (häufig nach einer gut abgehangenen Mischung aus Alkohol, viel Parfüm und altem Polsterbezug), ist aber auf jeden Fall eine gute Sache. Denn dass alle Einwohner*innen sich kostenfrei aus der Peripherie ins Zentrum der Stadt und zurück bewegen können, macht das Straßenbild und den öffentlichen Raum ein klein wenig authentischer. Die sozialen und finanziellen Unterschiede sind natürlich nicht einfach mit den Ticketautomaten verschwunden, aber sie wurden immerhin sichtbarer – und zumindest in einem Aspekt des öffentlichen Lebens, der Fortbewegung, irrelevant. Und die Menschen, die sich täglich für 3 oder 4 Euro pro Stunde zur Arbeit schleppen (der offizielle Mindestlohn liegt bei 2,97 €/h. Könntest du davon leben, Jaan?), müssen nicht auch noch für den Weg zur Arbeit zahlen.

 

  • Selbstfahrender Bus © Pjotr Mahhonin-Wikimedia
    Ohne Geld und Busfahrer: dem kostenlosen, automatisierten Transport gehört die Zukunft, zumindest in Tallinn © Pjotr Mahhonin-Wikimedia
  • Ühiskaart .
    Das Ticket zum Glück: Alles, was man braucht für den Tallinner ÖPNV

Ehrlicherweise muss man natürlich sagen, dass der kostenfreie ÖPNV (der öffentliche Personennahverkehr, ein wunderbar verschwurbeltes Deutsch für »Bus fahren«) nicht plötzlich alle Probleme beseitigt hat: Das Verkehrsaufkommen ist in den letzten Jahren weiter gestiegen und Staus, Lärm- und Umweltbelastung sind keinesfalls aus Tallinn verschwunden. Warum fährst Du, lieber Jaan, meistens immer noch Auto statt Bus und Bahn? Stehst Du zur Rush Hour lieber allein im Stau als in der Straßenbahn daran vorbeizufahren? Ist es das estnische Verlangen nach Einsamkeit und Ruhe, die Dich von den Bussen fernhält? Liegt es an der oft, ähm, sagen wir: robusten Fahrweise des Personals? Oder daran, dass das Auto in Estland ein fast noch wichtigeres Statussymbol ist als in Deutschland (kaum zu glauben, dass das möglich sein soll)?

Auch in Deutschland wurde in den letzten Monaten – so ernsthaft wie nie zuvor – darüber diskutiert, ob, wie und warum der öffentliche Nahverkehr kostenfrei sein sollte. Oder eben auch nicht, denn es gibt viele kritische Stimmen. Gut, viele dieser Stimmen »argumentieren« recht simpel: »Das hat es ja noch nie gegeben!«, »Das ist doch Kommunismus!« oder auch »Funktioniert eh nicht.« Die Kritiker*innen können aber ganz ruhig bleiben. Ändern wird sich – so ist das in Deutschland – auf absehbare Zeit eh nichts. Hier in Estland dagegen folgen demnächst viele Gemeinden im ganzen Land dem Tallinner Weg, womit sich die Moblität vor allem der armen, alten, jungen, kranken oder einfach ökologisch bewussten Menschen ohne Auto weiter erhöht. Wie aber bringt man Dich, Jaan, und die anderen Autofahrer dazu, häufiger aufs Auto zu verzichten? Vielleicht ist Autofahren bisher schlicht zu billig …
 
Es grüßt herzlich,
Martinus Mancha