Kooperation für eine bessere DaF-Lehrkräfteausbildung
Neues Hochschulnetzwerk in Nord- und Südwesteuropa
12 Universitäten haben schon Verträge unterschrieben, 14 weitere Hochschulen stehen in den Startlöchern: Seit drei Jahren wächst in Europa ein Netzwerk, das das DaF-Lehramtsstudium weiterentwickelt. Das Goethe-Institut unterstützt und stellt unter anderem Inhalte seiner Aus-, Fort- und Weiterbildungsreihe „Deutsch Lehren Lernen“ (DLL) zur Verfügung. Ziel der Kooperationen ist es, mit ausreichend und gut qualifizierten Lehrkräften die deutsche Sprache zu stärken. Vom 19. bis zum 21. Oktober 2026 trafen sich die Partner bei einem Symposium an der Universität Valencia in Spanien.
Von Janna Degener-Storr
Janna Degener-Storr sprach darüber mit sechs Expertinnen und Experten: Prof. Dr. Andreja Retelj (Universität Ljubljana in Slowenien), Prof. Dr. Lies Sercu (Katholische Universität Leuven in Belgien), Dr. Diana Šileikaitė-Kaishauri (Universität Vilnius in Litauen) und Dr. Gintarė Gelūnaitė-Malinauskienė (Vytautas Magnus Universität Kaunas in Litauen) sowie Tony Heinig (Leiter der Spracharbeit am Goethe-Institut Madrid) und Rafael D. Deschka (Leiter der Spracharbeit in der Region Europa II und stellvertretender Leiter des Goethe-Instituts Niederlande).
Warum muss die deutsche Sprache in Nord- und Südwesteuropa gestärkt werden?
Rafael D. Deschka: Die Region umfasst insgesamt 26 Goethe-Institute in 22 Ländern von den baltischen Ländern bis nach Portugal und Malta. In den meisten Ländern der Region gehen die Zahlen der Deutschlernenden zurück. Häufige Ursachen dafür liegen im Mangel an Deutschlehrkräften oder in der entsprechenden Fremdsprachenwahl. Künftige Verrentungswellen von Lehrkräften werden diese Entwicklung vielerorts verstärken. In Estland, Lettland und Litauen erleben wir einen sehr dynamischen Zuwachs, da Deutsch an vielen Einrichtungen hier – häufig jetzt anstelle von Russisch – neu eingeführt wird.
Lies Sercu: In Flandern fehlt es an Lehrkräften, weil der Ruf des Berufs nicht gut ist. Das Klassenmanagement gilt zum Beispiel als schwierig und gerade Lehrkräfte am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn müssen sich auf häufige Schulwechsel einstellen. Das führt dazu, dass Schulen auf der Suche nach Lehrkräften gezielt bei uns an der Universität Studierende anwerben, die nebenbei Unterrichtstätigkeiten übernehmen.
Andreja Retelj: Der Mangel an qualifizierten Deutschlehrkräften in Slowenien beschäftigt uns an der Universität schon seit einigen Jahren. Wir merken, dass sich immer weniger junge Menschen für das Lehramtsstudium und auch für das Fach Deutsch entscheiden. Mögliche Gründe dafür sind die geringe gesellschaftliche Wertschätzung des Lehrerberufs und die als wenig attraktiv wahrgenommenen Arbeitsbedingungen.
Sprachkompetenz der Lehrkräfte allein reicht nicht, denn Deutschunterricht braucht methodisch-didaktisch gut ausgebildete Lehrkräfte, die Lernende motivieren und Deutsch als lebendige, relevante Sprache vermitteln.
Tony Heinig: Für Spanien liegt die Herausforderung weniger in einem allgemeinen Lehrkräftemangel als darin, dass im öffentlichen Schulsystem immer seltener Stellen ausdrücklich für Deutsch als Fremdsprache ausgeschrieben werden. Das Fach erscheint häufiger nur als Zusatzqualifikation von beispielsweise Englisch-Lehrkräften und Deutsch verliert an Sichtbarkeit. Das wirkt sich unmittelbar auf die Unterrichtsqualität aus. Sprachkompetenz der Lehrkräfte allein reicht nicht, denn Deutschunterricht braucht methodisch-didaktisch gut ausgebildete Lehrkräfte, die Lernende motivieren und Deutsch als lebendige, relevante Sprache vermitteln. Langfristig entsteht ein Teufelskreis. Durch das Fehlen an qualifizierten Lehrkräften bieten Schulen seltener Deutsch an. Dadurch lernen weniger junge Menschen die Sprache und so wird es auch immer schwieriger, Nachwuchs für den Lehrkräfteberuf zu gewinnen.
Diana Šileikaitė-Kaishauri und Gintarė Gelūnaitė-Malinauskienė: Deutsch als Fremdsprache war in Litauen nach der Erklärung der Unabhängigkeit 1990 an den allgemeinbildenden Schulen stark vertreten. 2003/2004 lernten 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler Deutsch. Dann ging die Zahl der Deutschlernenden drastisch zurück, weil sich die Schülerinnen und Schüler eher für Englisch oder Russisch entschieden. Viele Deutschlehrkräfte orientierten sich beruflich um. Inzwischen steigen die Zahlen wieder. Das liegt sicherlich auch daran, dass das Goethe-Institut Litauen, der Litauische Deutschlehrerverband, der DAAD, die beiden Universitäten und auch weitere Institutionen, Kultur- und Bildungseinrichtungen seit mehreren Jahren durch verschiedene Maßnahmen und Projekte versuchen, für das Deutschlernen zu motivieren. Außerdem hat Russisch seine historische starke Position aufgrund der politischen Entwicklungen verloren und Litauen hat sich inzwischen zu einem demokratischen Staat entwickelt, in dem die europäischen Werte eine große Rolle spielen. Nicht zuletzt ist zu erwähnen, dass Deutschlands als Wirtschaftspartner Nummer 1 für Litauen attraktiv ist und dass jetzt eine deutsche Panzerbrigade in Litauen stationiert ist.
Beginn des DLL-Hochschulsymposiums Nord- und Südwesteuropa (Europa II) an der Universität Valencia | © Cova González
Andreja Retelj: Die Entscheidung für die Kooperation mit dem Goethe-Institut hat bei mir viel mit meinem eigenen beruflichen Weg zu tun. Bevor ich an die Universität gekommen bin, habe ich mehrere Jahre als Deutschlehrerin an einem Gymnasium gearbeitet und später selbst die Ausbildung gemacht, um für das Goethe-Institut in der Aus-, Fort- und Weiterbildungsreihe des Goethe-Instituts, „Deutsch Lehren Lernen" (DLL), als Tutorin zu arbeiten. Diese Erfahrungen haben mich fachlich sehr geprägt. Besonders wichtig war für mich die Verbindung von Theorie und Praxis sowie die konsequente Reflexion des eigenen Unterrichts. Genau diese Grundgedanken begleiten mich bis heute in meiner Lehre. Als ich nach meiner Promotion die fachdidaktischen Lehrveranstaltungen übernommen habe, war es für mich selbstverständlich, diese Elemente auch in die Ausbildung unserer Studierenden einzubringen. Deshalb war die Kooperation mit dem Goethe-Institut für unser Institut ein naheliegender und konsequenter Schritt. Ich wünsche mir, dass unsere Studierenden bereits während ihres Studiums lernen, Unterricht nicht nur zu planen und durchzuführen, sondern ihn auch kritisch zu reflektieren und auf wissenschaftlicher Grundlage weiterzuentwickeln.
Lies Sercu: Wir hoffen und haben in den letzten zwei Jahren die Erfahrung gemacht, dass unsere DaF-Lehrkräfteausbildung durch die Kooperation mit dem Goethe-Institut immer auf dem neuesten Stand bleibt. Eine Referentin des Goethe-Instituts hat mit unseren Studierenden zum Beispiel in einem Vortrag praxisnahe Übungen zum Thema Sprechfertigkeit gemacht. Auch von den DLL-Einheiten sind unsere Studierenden begeistert, weil sie echten Unterricht per Video sehen und von der durchdachten Abschlussarbeit profitieren. Auch wir als Hochschulteam bekommen immer wieder neue Impulse, um unsere Arbeit weiter zu professionalisieren: Wir beschäftigen uns zum Beispiel damit, wie wir die DLL-Einheiten besser einsetzen, die Zusammenarbeit verbessern und für die DaF-Lehrkräfteausbildung werben können.
DLL lässt sich gut in die verschiedenen Angebote integrieren, zum Beispiel in die Praktika. Die Studierenden können das Gelernte dann direkt im Unterricht anwenden und sich als Lehrkräfte ausprobieren.
Diana Šileikaitė-Kaishauri und Gintarė Gelūnaitė-Malinauskienė: Unsere Studierendenschaft ist sehr heterogen. Manche studieren DaF zum Beispiel als Wahlfach, andere wählen Germanistik (Vilnius) oder Deutsche Sprache und Kommunikation (Kaunas) als Hauptfach mit oder ohne Lehramtsoption und wieder andere entscheiden sich für Germanistik oder Deutsche Sprache und Kommunikation als Nebenfach. DLL lässt sich gut in die verschiedenen Angebote integrieren, zum Beispiel in die Praktika. Die Studierenden können das Gelernte dann direkt im Unterricht anwenden und sich als Lehrkräfte ausprobieren. So kann es passieren, dass Studierende sich während des Studiums noch für den Beruf der DaF-Lehrkraft entscheiden oder im Beruf zum Beispiel als Informatiker Deutsch in ihren Fachteams unterrichten. Dazu kommt: Viele unserer heutigen Studierenden in Litauen hatten in der Schule keinen Deutschunterricht. Sie brauchen also viel Zeit und Motivation, um die Sprache zu lernen. Darüber hinaus sollen sie sich in Linguistik, Literaturwissenschaft und Didaktik vertiefen. Das gelingt uns nur, wenn wir lernerorientiert arbeiten und die Interaktion in den Mittelpunkt stellen. DLL sieht das vor und bietet den Studierenden mit einer Online-Plattform die Möglichkeit, selbstgesteuert zu lernen. So können wir den unterschiedlichen Bedürfnissen besser gerecht werden.
Tony Heinig: Wir müssen Deutschunterricht in Spanien nicht nur sichern, sondern qualitativ weiterentwickeln. Lehrkräfte brauchen Handlungssicherheit, Praxiserfahrung und die Fähigkeit, Unterricht aus der Perspektive der Lernenden zu planen, zu beobachten und weiterzuentwickeln. Wenn wir die Zukunft des Deutschunterrichts sichern wollen, müssen wir dort präsent sein, wo die Lehrkräfte von morgen ausgebildet werden. Hochschulen sind dafür zentrale Partner: Sie gestalten Curricula, prägen das Berufsverständnis der Studierenden und bringen wissenschaftliche Expertise ein. Das Goethe-Institut ergänzt dies durch Erfahrung in weltweiter Qualifizierung von DaF-Lehrkräften, internationale Netzwerke und Nähe zur Unterrichtspraxis.
Rafael D. Deschka: Für die Hochschulen bietet das europäische Netzwerk einen Rahmen für multilaterale Kooperationen in Lehre, Forschung und vor allem in der Nachwuchsförderung. Die Nutzung von DLL schafft hier eine gemeinsame Basis und die bilateralen vertraglich gesicherten Partnerschaften zwischen den Universitäten und dem Goethe-Institut können eine nachhaltige und systemische Wirkung entfalten. Weitere gemeinsame Projekte, Forschungsinitiativen und der Austausch können Synergien schaffen und den Fachdiskurs in den Bereichen Lehramt, Germanistik und Deutsch als Fremdsprache stärken. Darüber hinaus stärkt das Netzwerk die internationale Zusammenarbeit. Unterschiedliche Perspektiven, Bildungskontexte und Erfahrungen können zusammengeführt werden, wodurch innovative Lösungen für gemeinsame Herausforderungen mit dem Deutschunterricht entstehen.
Universitäten berichten von ihren Erfahrungen mit der Verankerung von DLL-Einheiten in ihren Studiengängen. | © Cova González
Diana Šileikaitė-Kaishauri und Gintarė Gelūnaitė-Malinauskienė: Die Vertreterinnen und Vertreter der Deutschlehrkräfteausbildung an den größten litauischen Hochschulen standen immer schon in Kontakt zueinander und haben zum Beispiel gemeinsam an Tagungen des Litauischen Deutschlehrerverbands teilgenommen, die abwechselnd in Vilnius und Kaunas stattfinden. Wir als Hochschulen sind unterschiedlich aufgestellt: In Kaunas haben wir einen Schwerpunkt auf Kommunikation, Literatur sowie auf berufsbezogenen und interkulturellen Kompetenzen, in Vilnius auf der Entwicklung traditioneller germanistischer Kompetenzen in Verbindung mit allgemeinen Kompetenzen wie kritisches und kreatives Denken, Teamarbeit, digitale Kompetenz. Trotzdem kooperieren wir unter dem gemeinsamen Hashtag „Deutsch verbindet“. Das Goethe-Institut unterstützt uns dabei, Ideen miteinander zu teilen.
Lies Sercu: Auch wir arbeiten eng mit einer anderen großen Universität zusammen, der Katholischen Universität Louvain-la-Neuve. Wir befinden uns in Flandern, dem flämischen Teil Belgiens, die andere Universität liegt in Wallonien, dem französischsprachigen Teil Belgiens. Deshalb sind wir ohnehin keine Konkurrenten, sondern Freunde. Die Zusammenarbeit ist für uns ein Teil der Internationalisierung, sodass wir auch gemeinsame Lehrveranstaltungen anbieten. Inzwischen ist auch die Universität Antwerpen Kooperationspartner geworden. Ich bin gespannt, wie sich diese Zusammenarbeit entwickelt. Und bei der Internationalen Deutschlehrertagung in Lübeck habe ich zum ersten Mal Vertreterinnen und Vertreter von Hochschulen aus Spanien, Italien und Griechenland getroffen, die ebenfalls in der Deutschlehrkräfteausbildung arbeiten. Ich hatte das Gefühl, dass wir uns verstehen und die gleiche Arbeit unter anderen Umständen machen. Bei der DLL-Vorbereitung für die Dozierenden und in verschiedenen Foren haben wir uns darüber ausgetauscht, welche Inhalte in der verfügbaren Zeit unbedingt aufgenommen werden sollten.
Andreja Retelj: Ich glaube nicht, dass eine Hochschule die aktuellen Herausforderungen allein lösen kann. Gerade deshalb ist der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern für uns so wichtig. Viele Herausforderungen, vor denen wir stehen, beschäftigen Hochschulen in unterschiedlichen Ländern gleichermaßen. Deshalb finde ich es wichtig, Erfahrungen auszutauschen, voneinander zu lernen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Gerade unterschiedliche Perspektiven helfen oft dabei, die eigene Arbeit weiterzuentwickeln.
Tony Heinig: Die Kooperation stärkt die Hochschulen: Wissenschaft und Praxis werden enger verbunden, Austauschformate entstehen und Dozierende erhalten neue Impulse für ihre Studienprogramme. Langfristig erhoffe ich mir ein europäisches Hochschul-Netzwerk im Bereich der Deutschlehrkräfteausbildung. In vielen Ländern gibt es ähnliche Herausforderungen, daher kann enger internationaler Austausch hier sehr konstruktiv sein. Das Netzwerk kann zu einem Motor für Innovation und Qualitätsentwicklung werden. Hochschulen teilen Erfahrungen, entwickeln gemeinsame Ideen und stärken das Berufsbild der Deutschlehrkraft über Ländergrenzen hinweg.
Beim DLL-Hochschulsymposium vernetzten sich die Teilnehmenden und tauschten sich über ihre Erfahrungen mit der Verankerung von DLL in den Lehramtsstudiengängen aus. | © Cova González
Diana Šileikaitė-Kaishauri und Gintarė Gelūnaitė-Malinauskienė: In Litauen sind die Studierendenzahlen schon etwas gestiegen, seitdem wir enger mit dem Goethe-Institut kooperieren, wobei sicherlich auch die politischen Entwicklungen eine Rolle spielen. 2016/2017 lernten 7,3 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Litauen Deutsch, jetzt sind es immerhin 11,7 Prozent. Wir beobachten auch, dass das Interesse an den Studiengängen mit Schwerpunkt Germanistik oder Deutsche Sprache und Kommunikation, inklusive den Lehramtsstudiengängen, steigt.
Wir beobachten die Auswirkungen der Kooperation vor allem in unserer täglichen Arbeit mit den Studierenden. Viele analysieren Unterricht heute bewusster und können ihre didaktischen Entscheidungen besser begründen.
Tony Heinig: Die wichtigste Wirkung besteht darin, dass Hochschulen und Goethe-Institute ihre unterschiedlichen Stärken systematisch verbinden: wissenschaftliche Expertise auf der einen, Praxisnähe und internationale Erfahrung auf der anderen Seite. Daraus entsteht ein deutlicher Mehrwert für die Ausbildung. Bei den Studierenden entsteht ein klareres Bild des Berufs. Sie erleben, dass guter Unterricht mehr ist als Sprachvermittlung: Es geht um Lernprozesse, Motivation, Interaktion und professionelle Handlungssicherheit. Wir sehen in Spanien ein wachsendes Interesse an praxisnahen und international ausgerichteten Studienangeboten. DLL macht sichtbar, welche Kompetenzen Studierende erwerben und welche beruflichen Perspektiven sich eröffnen. Auch Dozierende erhalten Zugang zu internationalen Netzwerken und kommen mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern in Kontakt. Daraus entstehen fachliche Diskussionen, neue Perspektiven und gemeinsame Projekte. Zudem bieten die Kooperationen Möglichkeiten zur Weiterbildung, etwa durch DLL-Qualifizierungen und Austauschformate.
Rafael D. Deschka: Gerade angesichts der Entwicklungen in der Digitalisierung, Mehrsprachigkeit und KI ist dieser fachliche Austausch besonders wichtig. Wertvoll ist vor allem der gemeinsame Reflexionsprozess. Dozierende werden Teil einer Gemeinschaft, die die Qualität der Deutschlehrkräfteausbildung gemeinsam weiterentwickelt.