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Vereinigtes Königreich Glasgow

Übersetzt von: Jamie Lee Searle
Blutbuch von Kim de l’Horizon: Eine Weberei immer noch im Gange

Kim de l’Horizon: Blutbuch
@ Goethe-Institut Glasgow

Von Ciara Bowen

Blutbuch von Kim de l’Horizon erweitert die Grenzen des Schreibens und des Übersetzens. Der Roman ist eine nicht lineare Reise durch die Geschichten der Frauen und der Hexen, die vor uns kamen. Wie in Akwaeke Emezis Der Tod des Vivek Oji stellt der Debütroman bloß, wie „‚Natürlichkeit‘ … ja immer Propaganda“ ist und fordert uns heraus, uns neue Wege vorzustellen. 

In einer Welt, die immer feindlicher gegenüber Geschlechtsidentitäten außerhalb der Binarität ist, wird Kim de l’Horizons Debütroman vor dem Wunsch angetrieben, etwas Neues zu schöpfen anstatt widerwillig aus den vorgegebenen Optionen auszuwählen. Die Themen des Romans erinnern an die mutige, magische Schreibweise von Akwaeke Emezi in Der Tod des Vivek Oji  (übersetzt von Annabelle Assaf) – einem New York Times Bestseller, der für den Orwell-Prize für politische Literatur nominiert wurde. De l’Horizon hat eine ähnliche Art, mit den Grenzen der Sprache und Form zu spielen.

Blutbuch hat 2022 mehrere Buchpreise gewonnen, doch leider wurde das Gespräch zum Buch im Internet von Klickköder-Überschriften verfolgt. Bei all diesen reaktionären Diskussionen über Geschlecht in der deutschen Sprache und Identität wurde das Buch selbst vergessen: ein Buch, das sehr tiefgreifend und experimentell ist, dessen viele Stränge am Ende nicht ordentlich zusammengeführt werden. Nein: Blutbuch bittet uns zu akzeptieren, dass die Weberei immer noch im vollen Gange ist. 

Der Roman beschäftigt sich in fünf Teilen mit der nicht-binären Hauptfigur Kim. Kims Großmutter ist an Demenz erkrankt, und Kim schreibt ihr, während dey über deren Identität und deren Platz in der Welt nachdenkt. Die Handlung dreht sich um Kims oft angespannte Beziehung mit Meer und Grossmeer (Berndeutsch für Mutter und Großmutter), und wenn Kim mit der Recherche der mütterlichen Linie der Familie beginnt, entwickeln sich die Stimmen der Vorfahr*innen zu einem Frauenchor. Das sind Frauen, deren Leben von einer patriarchalischen Gesellschaft zerstört wurden: zum Beispiel Sofia Ferrari, eine Heilpraktikerin aus dem 17. Jahrhundert, die der Hexerei beschuldigt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, sowie Irma Sägesser, die in den 1900er Jahren ins Gefängnis kam, weil sie unverheiratet schwanger geworden war. 

Diese Frauen bringen den Roman (und Kim selbst) voran: Kim hat den Kreislauf des Traumas in der Familie durchbrochen und weigert sich, ererbte Familienschande mit sich herumzutragen. Angetrieben von queerer Vorfahr*innen, die nicht sie selbst sein konnten, lehnt Kim ab, unterdrückt zu sein. Kims Vorfahr*innen hatten keine Wahl: Kim aber doch. Kim, das autofiktionale lyrische ich, fasst das Leben dieser Frauen in Wörter, holt ihre Vergangenheit in die Gegenwart, und bricht damit den Fluch der Schweigsamkeit.

Die zerbrochene Struktur und der innovative Stil des Romans spiegeln Erlebnisse außerhalb binärer Geschlechter wider: unbeschränkt, grenzenlos, frei. Die fünf Teile sind stilistisch völlig verschieden voneinander, was gewohnten Erzählstrukturen zuwiderläuft. Kims Erinnerungen der Kindheit scheinen oft traumhaft: Als Kim aber mit der Realität des Lebens in einer kapitalistischen Gesellschaft konfrontiert wird, verschwinden die märchenhafte Atmosphäre und Kims tiefe Verbindung zur Natur. 

Jamie Lee Searle, die Blutbuch ins Englische übersetzt hat, spielt elegant mit der Sprache und (ermutigt von de l’Horizon während eines Aufenthalts in der Schweiz) schaut über die Sprachnormen, um das Buch ins Englische zu übertragen. Meiner Meinung nach musste ein solcher Roman übersetzt und nachgebildet werden. De l’Horizons Experimente mit Schreibstil und Gattungen erfordern eine Übersetzung, die auch eine flüssige Sprache verwendet. Der Originaltext hat mit der deutschen Sprache und ihren strengen Geschlechterkonstruktionen gespielt, und obwohl Englisch nicht so geschlechtsspezifisch ist, manipuliert Searle geschickt die Sprache, um einen ähnlichen Effekt zu erzielen: ein Gefühl, sich von den Fesseln einer puristischen, standardisierten Sprache zu befreien. 

Blutbuch sammelt die Stränge der Vergangenheit und der Gegenwart, um damit eine neue Zukunft zu erspinnen. Wie de l’Horizon sagt: „Die Lektionen der Blutbuche waren: Dastehn. Das Laub abwerfen. Ausharren. An neuem Laub arbeiten. Ausschlagen. Verwandeln.“


Durschnittliche Lesezeit: 3 Minuten, 30 Sekunden
 

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