Übersetzt von Jen Calleja
Favorita von Michelle Steinbeck: Rache oder Gerechtigkeit?
Als ich Favorita gelesen habe, war ich mir nicht sicher, was echt war, und was ein Traum oder vielmehr ein Albtraum war: Die fantastische Symbolik spiegelt die Absurdität unserer Welt. Fans von Emerald Fennells Film Promising Young Woman werden viel daran zu schätzen finden, wie Steinbeck untersucht, was es heißt, Opfer männlicher Gewalt zu sein.
Favorita beginnt, wenn die Erzählerin Fila lernt, dass ihre entfremdete Mutter Magdalena (auch genannt Favorita) gestorben ist – oder, laut Magdalenas Ärztin am Telefon, ermordet wurde: „Aber glaub ihnen nicht, wenn sie sagen, es war die Leber. [...] Sie wollte nicht sterben.“ Die Prosa ist spärlich und nüchtern. Gleich von Anfang an wird der Ton des Romans vorgegeben: Was ist die Wahrheit? Welche Auswirkungen hat unsere Erfahrung der Welt darauf, welche Seite der Geschichte wir glauben?
Trotz der Distanz zwischen ihnen durchtrennt Magdalenas Tod (oder Mord?) Filas letzte Verbindung zur Welt. Zusammen mit dem jüngsten Verlust ihrer Großmutter Lavinia, welche sie großzog, verliert Fila jeglichen Halt. Ohne ihre Mutter und Großmutter wird ihre Erzählstimme unsicher, weil sie immer zwischen den beiden Frauen und ihren Wünschen für Fila stecken bleibt. In Filas Kopf bemühen sich die Stimmen von Magdalena und Lavinia immer noch, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Sie haben gegensätzliche Perspektiven auf das Leben: fromme, reservierte Livinia, und freche, forsche Magdalena.
Nichts hält Fila in der Schweiz und deshalb bricht sie nach Italien auf, um zu erfahren, was wirklich mit Magdalena passiert ist. Wer einen einseitigen feministischen Krimi erwartet, wird von Favorita enttäuscht sein. Im Gegenteil: Filas Weg geht noch tiefer und hinterfragt den Unterschied zwischen Rache und Gerechtigkeit, ähnlich wie Promising Young Woman die Gründe für Cassies besessene Vendetta untersucht. In Italien lernt Fila zwei Frauen kennen, die für Magdalena arbeiteten. Die Frauen nehmen Fila mit nach Hause: Eine stillgelegte, aber mitreißend utopische Salamifabrik, in der Frauen und Kinder wohnen, die für die Revolution bereit sind. Zuerst versteht Fila nicht, warum Gewalt und Revolten notwendig sind, aber die Begegnung mit diesen Frauen weckt ihren Wunsch nach Rache. Fila will den Mann töten, der Magdalena gemordet hat, obwohl die Frauen der Salamifabrik glauben, dass die Revolution wichtiger ist. Steinbeck vergleicht diese zwei Ansätze der Rache (oder der Gerechtigkeit?) kritisch und hinterfragt, wie weit die individuelle Vergeltung im Kampf gegen Frauenfeindlichkeit reicht. Wie sieht Rache in einer Welt aus, in der Männer uns immer noch unterdrücken?
Während die Geister von Opfern männlicher Gewalt Fila im wahrsten Sinne des Wortes heimsuchen, entwickelt sie ein immer stärkeres Interesse an der Art und Weise, wie diese Frauen dargestellt werden. Dabei konfrontiert Steinbeck die Leserinnen und Leser mit der Tatsache, dass, obwohl eine Person den Mord tatsächlich begangen hat, wir alle Mitschuld haben. Wenn wir uns wegdrehen oder dem Opfer die Schuld geben, tragen wir dazu bei, das schlimmste Verbrechen der Frauenfeindlichkeit, den Femizid, zu normalisieren.
Aber Favorita ermutigt uns auch dazu, uns mehr zu erhoffen und mehr zu fordern als Auge um Auge. Die stillgelegte Salamifabrik (basiert auf der echten Metropoliz in Rom) symbolisiert eine gemeinschaftliche Antwort auf die Frauenfeindlichkeit, bei der wir ganz von vorne anfangen und eine Welt aufbauen können, in der wir sicher sein können. Steinbeck schlägt vor, dass die Rache auf einer individuellen Ebene nur ein Teil der Antwort ist: Die tiefen Wurzeln der Frauenfeindlichkeit müssen auf einer gesellschaftlichen Ebene angepackt werden. Dadurch zerstört Steinbeck die Illusion, dass irgendjemand in Sachen Frauenfeindlichkeit unschuldig ist, und in der schlauen Übersetzung von Calleja fühlen wir deutlich die Härte dieser Lektion.