Übersetzt von: Ruth Ahmedzai Kemp
Jackie Thomaes Brüder: Wie werden wir zu den Menschen, die wir sind?
Brüder ist eine mutige Untersuchung von Familie und schwarzer Männlichkeit aus deutscher Sicht. Für Leser*innen von Addie E. Citchens Die Abkehr (übersetzt von Julia Wolf) empfohlen.
Von Ciara Bowen
Die Widmung am Anfang des Romans ist: „Für euch, schwarze Schafe“: Auf der Stelle hat Brüder mich angesprochen. Jeder, der schon einmal das einzige andere Gesicht in der Menge war, und jeder, der das Gefühl hatte, dass es nur eine einzige Weise gibt, man selbst zu sein, wird Trost in Ruth Ahmedzai Kemps einfühlsamer Übersetzung des Romans finden.
Brüder begleitet das Leben von zwei Halbbrüdern, Mick und Gabriel, von Berlin in den 1980er bis London in den 2010er. Beide Brüder sind in der DDR geboren, Kinder desselben senegalesischen Vaters, Idris. Als Idris nach Dakar zurückkehrte, hinterließ er seine Söhne bei ihren Müttern, inmitten der wechselnden politischen Landschaft Deutschlands. Die Brüder kennen sich nicht und führen völlig gegensätzliche Leben, aber keiner von beiden möchte, dass ihre Herkunft sie prägt. Durch die Geschichten dieser Brüder erkundet Thomae fesselnd, in welchem Ausmaß unsere Identität und unsere Umstände uns formen. In Brüder zieht Thomae ihre eigene Familiengeschichte heran: Sie wuchs damals ebenfalls in der DDR auf, ohne ihren Vater. Sie beschreibt also mit Nuance und Zuwendung die Erfahrung von ‚Mixed-Race' Charakteren und es gelingt ihr, facettenreiche (und komplizierte) Figuren zu erschaffen, die zu interessanten gesellschaftlichen Kommentaren führen.
Der Roman fängt mit Mick an: ein Partylöwe und ein geselliger Mensch, der sich trotz seiner Popularität immer wie ein Außenseiter gefühlt hat. Als passiv und emotional vermeidend, ein notorischer Betrüger, ruft Mick bei den Leser*innen nicht sofort Empathie hervor. Aber Thomae enthüllt allmählich seine nachvollziehbaren Verlustängste, als die Welt ohne ihn fortschreitet: Seine Freundin verlässt ihn, seine Freunde lassen die Clubszene hinter sich, und sein Leben als Raver steht plötzlich still. Vom Nachtleben, das ihm endlich das Gefühl der Zugehörigkeit gab, ist nichts mehr übrig, wenn Deutschland die Wiedervereinigung erlebt, das Internetzeitalter auftaucht, und die Geschichte auf das Jahr 2000 zueilt.
Micks und Gabriels Geschichten sind nicht verflochten, sondern in zwei deutliche Hälften aufgeteilt. Nach der Erzählung von Mick in der dritten Person, entfaltet sich Gabriels Geschichte in der ersten Person. Durch seine pragmatische, nüchterne und oft verachtende Erzählweise, zeichnet Thomae ein klares Bild eines ehrgeizigen, zielstrebigen Architekten. Gabriel gibt sich Mühe, einen perfektionierten Ruf seines Lebens aufrechtzuerhalten, und ist entschlossen, nicht von Klischees der schwarzen Männlichkeit eingesperrt zu werden: Ironischerweise verkörpert er stattdessen die Effizienz, die akribische Ordnung und die unverblümte Ehrlichkeit des stereotypischen (weißen) Deutschen. Der Kern des Romans wird von Gabriel explizit gemacht: „Ich lasse mich nicht eingruppieren. Weiße suchen sich aus, was sie etwas angeht und was nicht, und dieses Privileg beanspruche ich auch für mich.“ Mit ihren Figuren stellt Thomae die Vielfältigkeit schwarzer Männlichkeit dar, und trotz den Fehlern der Brüder war es erfrischend, dass ihr Leben in den überwiegend weißen Kreisen, in denen sie sich bewegten, nicht vom Impostor-Syndrom bestimmt wurde.
Es ist schwierig, ein so umfassendes Buch in einer Rezension ausreichend zu skizzieren. Dieser Roman wird durch seine Figuren getragen: Es bietet einen aufschlussreichen Einblick in die Art und Weise, wie ihre Identität sie prägt und ihre Auslegung der Ereignisse beeinflusst. Ich habe es sehr genossen, in die Geschichte von Mick und Gabriel einzutauchen. Manchmal habe ich es auch sehr genossen, sie zu hassen. Ruth Ahmedzai Kemp übersetzt die Menschlichkeit und den Humor von Brüder mit großem Geschick und hinterlässt einen bleibenden Eindruck bei den Leser*innen.
Durschnittliche Lesezeit: 5–6 Minuten