Mehrsprachigkeit im Zeitalter der KI
Warum Deutschunterricht heute wichtiger ist denn je
Wer heute eine Fremdsprache lernt, tut dies unter völlig anderen Umständen als noch vor zehn Jahren. Übersetzungsapps übersetzen ganze Gespräche in Echtzeit, Künstliche Intelligenz formuliert Texte in zahlreichen Sprachen und internationale Kommunikation scheint technisch einfacher denn je geworden zu sein. Umso drängender wirkt die Frage, die sich wie ein roter Faden durch die DaF-Konferenz des Goethe-Instituts Tokyo im Juli 2026 zog:
Warum sollten Menschen überhaupt noch Fremdsprachen lernen?
Die Antwort darauf fiel überraschend klar aus. Gerade weil Maschinen heute immer besser übersetzen können, gewinnt das menschliche Potenzial von Sprache an Bedeutung; Denn Sprache ist eben nicht nur ein Werkzeug zur Informationsübertragung, sondern eng mit Identität, Kultur und Wahrnehmung verknüpft. Wenn man eine Sprache lernt, lernt man nicht einfach neue Wörter. Man lernt, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten und entdeckt, wie Menschen in anderen Gesellschaften denken, kommunizieren und Beziehungen gestalten. Auch die Rolle der Lehrkräfte erlebt hier einen Wandel und besteht zunehmend darin, nicht nur sprachliche Kompetenz zu fördern, sondern auch interkulturelles Verständnis, Reflexionsfähigkeit und Dialogkompetenz zu entwickeln.
Somit ist Mehrsprachigkeit weit mehr als die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Sprachcodes zu wechseln. Sie ist eine Form kultureller Kompetenz, eine wichtige Ressource für das Leben in einer vernetzten und vielfältigen Gesellschaft und ein wesentlicher Beitrag zur Verständigung in einer Zeit globaler Herausforderungen.
Zwischen Rückgang, Aufbruch und Dialog: Wie der Sprachunterricht sich verändert
Die Deutschdidaktik in Japan befindet sich derzeit in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Zwar zeigen aktuelle Erhebungen einen Rückgang sowohl der Deutschlernenden als auch der Zahl der Lehrkräfte, gleichzeitig wächst die Bedeutung standardisierter Sprachnachweise. Prüfungen wie das Goethe-Zertifikat werden von immer mehr Institutionen anerkannt und in akademische Anerkennungsverfahren eingebunden. Zugleich bleiben das Interesse an Deutschland und der deutschen Sprache sowie die Motivation zum Sprachenlernen weitgehend konstant. Auf der Konferenz wurde mehrfach betont, dass die Zukunft der deutschen Sprache in Japan nicht allein an Zahlen gemessen werden sollte. Viel entscheidender sei die Frage, welchen Beitrag der Deutschunterricht für die Entwicklung der Lernenden leisten kann. Dabei rücken kommunikative Fähigkeiten, authentischer Sprachgebrauch sowie die Möglichkeit, sich selbst auszudrücken und mit anderen in Austausch zu treten, zunehmend in den Vordergrund.Diese Entwicklungen spiegeln zugleich aktuelle Bildungsdiskussionen in Japan und international wider. Im Fokus stehen verstärkt Kompetenzen wie kritisches Denken, Problemlösungsfähigkeit, Kooperation und Reflexion. Auch das japanische Bildungsministerium hebt in seinen Überlegungen zur Weiterentwicklung des Fremdsprachenunterrichts hervor, dass die Bedeutung des Sprachenlernens nicht allein in der Beherrschung sprachlicher Strukturen liegt. Vielmehr soll es dazu beitragen, kulturelle Unterschiede zu verstehen, die eigene Perspektive zu reflektieren und Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Sprache wird damit zunehmend als Werkzeug verstanden, um über gesellschaftliche Fragen nachzudenken, unterschiedliche Sichtweisen kennenzulernen und in Dialog zu treten. Die Frage lautet im Unterricht daher nicht mehr nur: „Wie bildet man einen korrekten Satz?“, sondern zunehmend: „Was möchte ich überhaupt sagen?“
Wer gelernt hat, zwischen Sprachen und Kulturen zu wechseln, entwickelt zudem ein stärkeres Bewusstsein für unterschiedliche Perspektiven und Ambivalenzen. Damit wandelt sich auch die Rolle der Lehrkräfte: Sie fördern nicht mehr nur sprachliche Kompetenz, sondern durch Konzepte wie dem dialogischen Lernen zunehmend auch interkulturelles Verständnis, Reflexionsfähigkeit und Gesprächskompetenz und unterstützen Lernende dabei, Sprache, Kultur und digitale Medien kritisch und verantwortungsvoll zu nutzen.
Von links nach rechts: Stefan Biedermann, Tatsuya Ohta, Miki Ikoma, Goro Christoph Kimura
Was nun KI für den Deutschunterricht bedeutet
Gerade im Umgang mit neuen Technologien werden solche Fähigkeiten sowie Mehrsprachigkeit an sich zu Schlüsselkompetenzen. So überrascht es nicht, dass sich ein wesentlicher Teil der Konferenz der Frage widmete, wie Künstliche Intelligenz nun das Fremdsprachenlernen verändert und welche Chancen und Herausforderungen sich daraus für den Deutschunterricht ergeben. In einem Alltag, in dem Übersetzungssysteme immer leistungsfähiger werden und die Rahmenbedingungen des Fremdsprachenlernens verändern, muss daher weniger die Frage im Mittelpunkt stehen, ob KI das Sprachenlernen per se überflüssig macht, sondern welche neuen Kompetenzen dadurch zunehmend an Bedeutung gewinnen und wie diese erfolgreich vermittelt werden können.Lehrkräfte sind zunehmend gefordert, Lernende beim reflektierten Umgang mit KI zu begleiten und sie dabei zu unterstützen, die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen solcher Werkzeuge zu erkennen. Medienkompetenz wird damit zusätzlich zu interkultureller Kompetenz zu einem weiteren festen Bestandteil des Fremdsprachenunterrichts. Ziel bleibt es, KI als Hilfsmittel für das Lernen zu nutzen, ohne den Erwerb eigener sprachlicher, interkultureller und kommunikativer Kompetenzen aus dem Blick zu verlieren. Zugleich kann KI die Lehrkräfte bei der Planung, Organisation und Materialerstellung unterstützen und so neue Freiräume für die Gestaltung von Lernprozessen schaffen.
Die Zukunft des Deutschen liegt in seiner Relevanz
Die DaF-Konferenz 2026 hinterließ deshalb einen insgesamt optimistischen Eindruck. Es herrschte Einigkeit darüber, dass Deutschunterricht auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen kann und wird. Seine Bedeutung wird jedoch weniger über die reine Sprachvermittlung erfolgen als über seinen Beitrag zur Gesamtbildung des Menschen.Die Arbet des Goethe-Instituts mit vielfältigen Programmen wie PASCH, internationalen Austauschprojekten und neuen dialogischen Unterrichtsformen zeigen bereits, in welche Richtung sich die Entwicklung bewegen könnte: weg von der Vorstellung des Fremdsprachenunterrichts als reinem Wissensfach und hin zu einem Lernraum für Begegnung, Reflexion und gesellschaftliche Teilhabe.
Konferenz „Perspektive DaF in Japan“