Tata Ronkholz war eine der ersten Studentinnen in der renommierten Fotografieklasse unter der Leitung von Bernd und Hilla Becher an der Kunstakademie Düsseldorf. Zu ihren Kommiliton*innen gehörten Candida Höfer, Axel Hütte, Thomas Ruff und Thomas Struth, Namen von mittlerweile renommierten und weltweit bekannten Künstler*innen. Seltsamerweise erhält das Werk von Tata Ronkholz erst jetzt international die gleiche Anerkennung wie das ihrer Kommiliton*innen. Die Retrospektive Entworfene Welt: mit den Augen von Tata Ronkholz (1940–1997), die vom 14. Februar bis zum 21. Juni 2026 im Huis Marseille zu sehen sein wird, ist die erste umfassende Hommage an die vielseitige Künstlerin Tata Ronkholz.
Objektiv-dokumentarische Fotografie
Tata Ronkholz war Fotografin, Produktdesignerin und Innenarchitektin. Ihre Fotoserien stehen in der Tradition der objektiven, dokumentarischen Fotografie, einer Strömung, die das Künstlerpaar Bernd und Hilla Becher deutlich geprägt hat. Auch Ronkholz' Werk zeichnet sich durch klare Kompositionen, einen seriellen Ansatz und einen dokumentarischen Stil aus, der sich auf architektonische Strukturen und Alltagsarchitektur konzentriert. Mit ihrer Großformatkamera schuf Ronkholz scharf umrissene und realistische Fotos, in denen die Motive im Mittelpunkt standen und nicht so sehr der individuelle Stil der Künstlerin. Schwarz-Weiß dominiert, obwohl es auch Farbfotos gibt, denn Ronkholz suchte auch Anschluss an die künstlerische Farbfotografie, die in den 1970er und 1980er Jahren in Deutschland aufkam. Sie lehne sich hiermit an die New Color Photography an, die von den amerikanischen Fotografen Stephen Shore und William Eggleston geprägt wurde.
Kioske und kleine Läden
Tata Ronkholz wurde vor allem durch ihre eindrucksvolle Fotoserie von Kiosken (Trinkhallen) und kleinen Läden bekannt. Hier hielt sie Momente fest, die typisch für die urbane Kultur des Alltags waren. Diese Fotos entstanden zwischen 1977 und 1985 vor allem im Ruhrgebiet, aber auch in Köln, Düsseldorf, Leverkusen und Krefeld. Das Foto Trinkhalle, Köln-Nippes – mit seinen Kaugummi- und Zigarettenautomaten und der Werbung für Eis und Zeitungen – ist beispielsweise ebenso unterhaltsam und faszinierend wie die Boutique, Köln-Mülheim, wo laut Aushang neben Kleidung auch Schallplatten verkauft wurden. Die Fotos zeigen, wie sehr sich Produkte, Dekorationen und Werbung im öffentlichen Raum verändert haben. Durch die Wahl der Motive zeigt Tata Ronkholz' Werk indirekt soziale, kulturelle und wirtschaftliche Veränderungen und lässt erkennen, wie Menschen ihre Umwelt gestalten.
Eine weitere wichtige Werkserie widmet sich Industrietoren, die Ronkholz zwischen 1977 und 1985 fotografierte. Die nüchternen Schwarz-Weiß-Bilder dieser Tore mit ihren Gittern und Gitterwerken bieten einen Blick ins Innere von Industriegebieten. Die Tore fungieren als Trennlinie zwischen privatem und öffentlichem Raum, zwischen Innen und Außen, zwischen Aktivität und Ruhe. Die Ästhetik dieser fast abstrakten Bilder verleiht alltäglichen Motiven eine neue Bedeutung.
1979 begann Ronkholz gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Thomas Struth eine beeindruckende Dokumentarserie über den Rheinhafen von Düsseldorf. Ausgangspunkt war die geplante Neugestaltung dieses Hafenareals mit seiner reichen Geschichte, das in seiner ursprünglichen Form als städtebaulich und architektonisch bedeutendes Industriegebiet galt. Ihr Ziel war es, den Hafen in seiner Gesamtheit zu dokumentieren, mit den Gebäuden, den technischen Anlagen und den betrieblichen Strukturen. In sorgfältig komponierten Bildern hielten sie Fassaden, Innenräume, Silos, Lagerhäuser, Kräne und Hafenbecken fest, bevor diese ganz oder teilweise verschwanden oder grundlegend verändert wurden.
Zwischen 1961 und 1965 studierte Tata Ronkholz an der Werkkunstschule Krefeld (Akademie für angewandte Kunst) mit dem Schwerpunkt Möbeldesign und arbeitete anschließend bis 1977 als freischaffende Designerin. Auch dieser Teil von Ronkholz' Œuvre wird in dieser Ausstellung beleuchtet, unter anderem mit Abbildungen von Möbeln und Lampen mit geometrischen Formen sowie Entwürfen für Büro- und Cafeteria-Möbel. Ronkholz' Entwürfe zeichnen sich durch klare Formen und funktionale Eleganz aus. Zu sehen sind auch ihre frühen Fotos von architektonischen Details, die 1975–1976 in Italien und Frankreich entstanden sind. Darin zeigt sich auch ihre starke Affinität zu Aspekten der „gestalteten Welt” in verschiedenen Bereichen des Lebens.
Buch
Zur Ausstellung erscheint der Katalog Tata Ronkholz: Gestaltete Welt. Eine Retrospektive (2025, Schirmer/Mosel Verlag GmbH) mit Texten in deutscher und englischer Sprache. Erhältlich im Museumsshop von Huis Marseille (49,90 €).