Interview 5 plus 1 Mit der Stimme vielfältig erzählen

Tora Augestad
Tora Augestad | Foto: ©Åsa Maria Mikkelsen

In der Reihe 5 plus 1 befragen wir Schriftsteller, Musiker, Filmemacher und andere. Diesmal: Die norwegische Sängerin Tora Augestad.

Tora, du singst in Konzerthäusern, Opern und Theatern in ganz Europa und vor allem in Berlin. Was bedeutet die deutsche Hauptstadt für dich – würdest du sagen: „Ich bin ein Berliner?“
 

Ich würde sagen, dass ich "Wahl-Berlinerin" bin, weil ich mich dazu entschieden habe in Berlin zu wohnen. Ich fühle mich schon auf eine Weise wie eine Berlinerin nachdem ich dort zehn Jahre gelebt habe.  Man ist sehr in das deutsche Theater und auch in das Leben hier eingebunden, da ich seit 2010 mit dem schweizerischen Regisseur Christoph Marthaler zusammenarbeite.
 
Eine der wichtigsten Kulturstätten der Stadt, die Volksbühne auf dem Rosa-Luxemburg-Platz, ist ebenfalls ein wichtiger Ort für dich als Sängerin. Im vorigen Winter arbeitetest du u.a. med Christoph Marthaler mit dem Stück „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“, das im Programmheft als „eine Reihe glücklicher Umstände“ oder eine Art Geisterstunde beschrieben wird. Kannst du etwas über deine Rolle erzählen und die Vorstellungen dort?
 
Ich habe bei der Volksbühne seit 2015 bei drei Saisons und Inszenierungen mitgewirkt. Das erste Stück hieß "Tessa Blomsted gibt nicht auf". Die Geschichte dreht sich im Grunde um das Online-Dating und es ist eine herrliche Mischung von älterer Musik – John Dowland, Thomas Campion, Henry Purcell mit Schlager aus den Siebzigern, wie Elfi Graf "Herzen haben keine Fenster", "Am schönsten ist es zu Hause" – ein wirklich herrlicher Mix. Dieses Theaterstück stellte auf eine gewisse Weise meinen Durchbruch in Berlin dar und es war eine fantastische, unterhaltsame Rolle. Danach arbeitete ich am Stück "Hallelujah, ein Reservat", welches von der DDR erzählt. Das gesamte Bühnenbild war eine Kopie von Ausschnitten aus dem Plänterwald in Berlin. Das Stück handelt vom seltsamen Dasein des Menschen: Eine Gruppe an Leuten, welche auf eine gewisse Weise dazu verdammt ist an einem Ort zu bleiben, welchen sie sich selber vermutlich nicht ausgesucht hätten. Aber schließlich entscheiden sie sich dennoch dafür.
Es war eine Vorstellung mit viel Countrymusik, Bluegrass und wir sangen auch ein Lied von Edvard Grieg: "En svane" (deutsch: "Ein Schwan"). Die letzte Vorstellung, "Bekannte Gefühle", war Marthalers Abschiedsvorstellung. Für mich ging es sehr darum Künstler zu sein, jemand, der die Kunst ausübt. In den ersten Minuten kamen alle Darsteller in verschiedenen Kartons herein, "als ob wir Kunststücke waren", welche aus- und wieder eingepackt wurden. Das Stück thematisiert in vielerlei Hinsicht das Theater – wie soll das Theater sein? Ich spielte eine von mehreren Rollen. Es war ein Stück, welches sehr von Kammermusik geprägt war, ich würde nicht sagen, dass wir besondere Hauptrollen hatten. Fast alle waren gleich wichtig.
 
Fachleute rühmen deine Vielfalt – dein Repertoir umfasst die Oper, Kabarett und Jazz, während die meisten deiner Kolleginnen und Kollegen sich vor allem auf ein Gebiet konzentrieren. Einfach gefragt: Wie bekommst du das alles unter einen Hut?
 
Mich faszinieren die verschiedenen Möglichkeiten der Stimme und ich habe auch in vielen unterschiedlichen Genres gearbeitet. Das ist etwas, woran ich festhalten möchte. Ich glaube, es liegt auch daran, dass ich in zwei Haushalten mit getrennten Eltern aufgewachsen bin. Bei meiner Mutter und meinem Stiefvater bin ich in einem Umfeld mit Rock und Pop aufgewachsen. Und bei meinem Vater war es zeitgenössische und mehr klassische Musik. Ich mag auf eine gewisse Art beide Welten. Und ebenso merke ich, dass die unterschiedlichen Genres vieles voneinander lernen können. Gleichzeitig spüre ich, dass ich fast alles, womit ich mich beschäftige, meine Unterschrift trägt. Ich finde, es ist spannend vielseitig sein zu können. Ich glaube, es geht darum wie Du als Person bist, wie Deine Persönlichkeit ist. Ich denke, ich wäre als Künstlerin weniger glücklich geworden, wenn ich lediglich zeitgenössische Musik gemacht hätte. Und ich finde auch, dass man ein besserer Musiker wird, wenn man eine umfangreiche, breite Palette besitzt. Es geht um die Art und Weise wie Du der Musik mit Deinen stimmlichen Fertigkeiten eine Farbe verleihst. Selbstverständlich ist es zwischendurch eine Herausforderung, aber in erster Linie ist es etwas, das einem sehr viel gibt.
 
Nicht zuletzt reist du immer wieder in dein Heimatland Norwegen, wo du in Bergen geboren wurdest. In Norwegen hast du 2004 das Ensemble „Music for a While“ gegründet, gemeinsam mit norwegischen Musikern. Welche Rolle spielt „Music for a While“ in deinem Leben?
 
"Music for a While" ist mein "Herzenskind", mein Lieblingskind würde ich sagen. Wir haben drei Platten und es ist ein Ensemble, das ich unglaublich mag – sowohl als Menschen als auch als Musiker. Wir sind sehr viel auf Tournee und es war eine äußerst spannende Zeit. Auf unseren letzten beiden CDs erzählen wir auf eine klassische Weise von der Musik. Denn das Ziel ist es ja, das klassische Repertoire für ein neues Publikum zu öffnen. Aber eigentlich wollen wir nur eine Interpretation der Musik bieten, welche wir lieben. Ich beschäftige mich damit Dinge neu zu erzählen und ihnen zugleich vielleicht ein neues Kolorit zu verleihen, wenn man Glück hat. Wir haben die letzten Jahre auch in Deutschland gespielt und es waren fantastische Konzerte. Wir haben von den deutschen Medien sogar sehr gute Rezensionen erhalten.
Tora Augestad Foto: ©Åsa Maria Mikkelsen
 
Du präsentierst in beiden Ländern Gesangskunst. Natürlich ist Musik eine universelle Sprache, zugleich erlebt jeder wohl nationale Unterschiede. Gibt es deiner Erfahrung nach etwas, das typisch Norwegisch und typisch Deutsch ist, im Hinblick auf Bühnen, Festivals, Programme, Publikum und Kollegen?
 
In Norwegen haben die Künstler – meiner Auffassung nach – ein unglaublich hohes Niveau und es gibt hier einen sehr starken Tatendrang sowie kreativen Willen. Die Angst mit Konventionen zu brechen ist in Norwegen schwächer verbreitet als in Deutschland, denke ich. Zugleich mangelt es Norwegen an kultureller Bildung, da die meisten kein bewusstes Verhältnis zur Kunst besitzen. Der größte Unterschied zwischen Norwegen und Deutschland besteht nicht im Niveau dessen, was vorgestellt wird, sondern im Niveau, welches das Publikum mitbringt. In Deutschland begegnest Du Leuten, die verstehen womit Du Dich beschäftigst, unabhängig davon, ob es sich hierbei um Klangkunst, moderne Musik oder Avantgarde-Theater handelt. Somit kann es noch umso anspruchsvoller werden. Es wird mehr erwartet.
 
Plus 1:
Welchen anderen Beruf hättest du gerne gewählt, wenn du nicht Sängerin geworden wärst?

 
Als ich noch sehr klein war, wollte ich Schauspielerin werden und ich wäre es fast geworden. Ich arbeite schließlich sehr viel am Theater. Als ich älter wurde, wollte ich Chordirigentin sowie Musikpädagogin werden und in dem Bereich habe ich zehn Jahre lang gearbeitet. Vor zehn Jahren dachte ich darüber nach Psychologin zu werden. Ich zog es in Erwägung statt gänzlich auf die Musik zu bauen. Der Beruf erschien mir äußerst interessant.