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Wetter und die defekte Beziehung zwischen Mensch und Landschaft

Blick auf Longyearbyen, Spitzbergen, Svalbard.
Svitlana Lavrenchuk | Svitlana Lavrenchuk

Bei ihrer Exkursion nach Spitzbergen beobachtete Raumdesignerin und Architektin Svitlana Lavrenchuk, dass Landschaften als Erweiterung der Identität der Menschen gesehen werden können. In diesem Artikel setzt sie sich mit dem Einfluss anthropogener Aktivitäten und kolonialer geopolitischer Gewalt auf das Wetter auseinander.

Von Svitlana Lavrenchuk

"Ich bin nicht von hier. Und ich bin von hier. Ich lebe jetzt schon seit 25 Jahren hier. Vor ein paar Wintern wollte ich zurück auf das norwegische Festland, aber dann kamen die Sonne, das Licht und die Farben. Und dann kam der Schnee. Und dann wieder die Sonne. Wie könnte ich weggehen?" (Henningsen).

Während meiner kürzlichen Exkursion nach Longyearbyen, Spitzbergen, hatte ich das Glück, in eine Realität einzutauchen, in der Land nicht als reiner Vermögenswert betrachtet wird, sondern vielmehr als Erweiterung der Identität der Menschen und als roter Faden, der die Bewohner von Longyearbyen mit ihrem Erbe verbindet. Nachdem ich sieben Tage auf 78 Grad Nord verbracht hatte, änderte sich meine eigene Definition von Wildnis und es weckte mein Interesse an unserer Beziehung zur Umwelt.

Kohlenwasserstoffverschmutzung des Oberflächenwassers im Ogoniland. Kohlenwasserstoffverschmutzung des Oberflächenwassers im Ogoniland, Mazen Saggar, 2010 für UN Environment.

Territorien als Science-Fiction-Landschaften

Die Landschaft kann nicht als Hintergrund unserer Existenz gelesen werden, denn sie formt uns, und sie wird von uns geformt. Die Orte, die der Mensch bewohnt, spiegeln neben einem dauerhaften Fußabdruck auch die Zeitlichkeit unserer Existenz wider. Die westliche kapitalistische Existenzweise hat ein Muster von Raubbau, Erschöpfung, Extraktion, Ungleichheit, Gier, Ungerechtigkeit und Abkopplung normalisiert. Sie spielte eine große Rolle bei der Herausbildung der gegenwärtigen Formen der Landnutzung. Die Umweltbedingungen, die auch als Wetter bezeichnet werden, werden durch anthropogene Aktivitäten und koloniale geopolitische Gewalt beeinflusst.

Die gegenwärtigen extraktiven Modi der Existenz oder vielleicht auch extraktive Modi des Todes formen Territorien des ökologischen Exils, die Science-Fiction-Landschaften ähneln. Im Kontext der gegenwärtigen Umweltzerstörung sind die lebensfeindlichen Wetterbedingungen ein Symptom für eine gestörte Beziehung der Menschen zum Land.

DIE WELT ALS NETZWERK VON BEZIEHUNGEN

Die Landschaft von Ogoniland ist ein komplexes Netzwerk aus Flüssen, Sümpfen, Bächen, Lagunen und Mangroven. Schlecht gewartete Ölinfrastruktur durchbricht diese zerbrechliche und empfindliche Landschaft. Während die Ölverschmutzung das Leben im Delta erstickt, bedrohen extreme Wetterereignisse die Lebensgrundlage der Ogoni-Bevölkerung. Der Mangrovenwald, der für die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts im Ökosystem unverzichtbar ist, hält den schweren Schäden nicht stand, die durch den Zustrom von Wirbelstürmen, Hurrikans und Tsunamis verursacht werden - ein weiterer Beweis dafür, wie schnell sich das Klima verändert. Wie der nigerianische Architekt, Aktivist und Autor Nnimmo Bassey es ausdrückte: "Die Ölförderung hat die Menschen effektiv vom Boden entwurzelt.

Schwere Verschmutzung in Port Harcourt - Nigeria. UN Environment. Schwere Verschmutzung in Port Harcourt - Nigeria. UN Environment.

Im aktuellen Kontext des ökologischen Wandels stellen sich vielfältige Fragen rund um die Nachhaltigkeit. Dr. Carmody Grey warf die vielleicht grundlegendste Frage von allen auf: "Was ist es, das die Menschheit erhalten will?' - ist einfach eine Beziehung: das Gedeihen aller Beziehungen, die das Leben auf der Erde ausmachen." Die Tiefenökologie, die von dem norwegischen Bergsteiger und Philosophen Arne Naess initiiert wurde, basiert auf der Anerkennung des inhärenten Wertes aller Lebewesen, unabhängig von ihrem instrumentellen Nutzen für menschliche Bedürfnisse. Das Konzept der Ökologie ist verblüffend einfach: Ökologie ist die Wissenschaft der Beziehungen. Die Welt als ökologisch zu sehen bedeutet, sie als ein Netzwerk von Beziehungen zu sehen.

Wetterereignisse als Zeichen der Umwelt

Geht der Umweltschaden an Orten mit tief verwurzelten Verbindungen zur Landschaft über die Quantifizierung der Menge an ausgelaufenem Öl und zerstörten Hektar Land hinaus? Kann man behaupten, dass das Volk der Ogoni seine Identität und das Gefühl der Zugehörigkeit verliert?

Durch meine Forschungen und meine Arbeit am Ogoniland-Projekt begann ich, Wetterereignisse als lebenswichtige Zeichen der sich ständig verändernden und fließenden Umwelt zu sehen. Der aktuelle Stand der Technik bezüglich Software und Daten ermöglicht es uns, Wettermuster und Extremereignisse zu analysieren und vorherzusagen. Die Daten geben uns auch die Möglichkeit, die Ursache solcher Ereignisse forensisch zu rekonstruieren und das defekte Verbindung in unserer Beziehung zur Umwelt zu finden. Vielleicht können wir anfangen, das Wetter nicht als ein natürliches Phänomen zu sehen, das sich unserer Kontrolle entzieht, sondern eher als ein lebendes Leuchtfeuer, das die Auswirkungen der anthropogenen Aktivitäten verfolgt.


BIBLIOGRAPHIE

Grey, Carmody. Ansprache an die britische, französische und italienische Botschaft beim Heiligen Stuhl. 2020.

Henningsen, Stein. Interview auf einem Schiff nach Pyramiden, Svalbard. 2018.

Naess, Arne. Ökologie der Weisheit. Penguin Random House, 2016.

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