Hegel und seine slowenischen Freunde
Hegel250
Die Ausstellung wurde vom Goethe-Institut Ljubljana in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach, der Baden-Württemberg Stiftung und der Stadt Ljubljana organisieret. Sie war vom 7. September bis 21. Oktober 2020 zu sehen und migriert jetzt (zum Teil) ins Netz. Kurator/in: Heike Gfrereis, Urban Šrimpf.
Ljubljana ist einzigartig, was die Intensität der Hegel-Forschung betrifft. Daher thematisiert die Ausstellung, wie die Gedanken des Philosophen in Slowenien Fuß fassten und sich ausbreiteten.
Videoaussagen von Slavoj Žižek, Alenka Zupančič, Mladen Dolar und Zdravko Kobe
Warum Hegel? Slavoj Žižek
Warum Hegel? Alenka Zupančič
Warum Hegel? Mladen Dolar
Warum Hegel? Zdravko Kobe
Das freie logische Spiel der Phantasie (und damit: unseres Ichs) in der Sprache ist Voraussetzung für das Dichten wie das Philosophieren. Alle Inhalte, über die wir nachdenken, kommen nicht aus der sinnlichen Wahrnehmung, sondern sie werden gedacht, ohne dass wir uns dabei konkrete Dinge vorstellen müssen. Wenn wir etwas mit Hilfe realer experimenteller Anordnungen begreifen, nähern wir uns dem Denken nur an: Wir bewegen mit den Dingen Gedanken in uns hin und her.
„Ich bin“, so hat das Hegel zugespitzt, „unmittelbar; aber so bin ich nur als lebendiger Organismus; als Geist bin ich nur, insofern ich mich weiß. Gnôthi seauton („wisse Dich“ – die Inschrift über dem Tempel des wissenden Gottes zu Delphi) ist das absolute Gebot, welches die Natur des Geistes ausdrückt. Das Bewusstsein aber enthält wesentlich dieses, dass ich für mich, mir Gegenstand bin.“
Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus (HD)
1809/10 entwirft Hegel den Paragraphen „Urtheilskrafft“ für den Unterricht am Nürnberger Gymnasium – ein zweispaltiges Papierlabor, in dem er konkret überprüfen kann, was er schreibt: „Das Urtheil ist die Beziehung zweyer Begriffsbestimmungen aufeinander, da die eine sich als Einzelnes zu einer anderen als dem Besonderen oder dem Allgemeinen oder als Besondere zu dem Allgemein verhält.“
Hegels Manuskript (HD)
Slavoj Žižek denkt Hegel weiter, indem er dessen Technik übernimmt, einen Gedanken beim Sprechen aus Gegensätzen heraus zu entfalten und immer wieder zu revidieren. Für diese Ausstellung hat er uns die Word-Datei eines Kapitels aus seinem im Juli 2020 erschienenen Buch Hegel in A Wired Brain zur Verfügung gestellt – eine digitale Demonstration dessen, was Žižek den „Parallax-Gap“ nennt: Es existieren verschiedene Ebenen nebeneinander, die in unserer Wahrnehmung miteinander agieren, aber in ihrem Wesen unterschiedlich bleiben.
Slavoj Žižek: Hegel in A Wired Brain (HD)
Eine Möglichkeit, sich Hegels Philosophie anzunähern, ist: sich auf eine seiner Fragen oder auch nur einen seiner Sätze oder gar nur eines seiner Wörter zu konzentrieren.
Zwei Beispiele:
Gibt es jederzeit und überall richtige Wahrheiten? Um das herauszufinden, rät Hegel zu einem Selbstversuch: 1. Ich schreibe den Satz “Das Itzt ist die Nacht“ oder einen anderen Satz, der mir wahr scheint, auf eine Karte. 2. Ich hänge diese Karte hier auf. 3. Ich lese den Satz auf der Karte nach einer halben Stunde wieder. Ist er dann noch wahr oder aber, wie das Hegel nennt, „schal“ geworden?
Judith Butler schreibt 1981 als Studentin in Yale eine Arbeit nur über das Wort „ist“. „Ist“ stellt sowohl eine Identität wie einen Unterschied her: „Itzt ist die Nacht“ kann nur gesagt werden, weil „Itzt“ gerade nicht identisch ist mit der „Nacht“.
Ausschnitte aus Judith Butlers Seminararbeit "Vindicating Ambiguity" (HD)
Jeder der Gäste denkt sich selbst dialektisch: der Philosoph Theodor W. Adorno kommt als Napoleon, mit Toga und Lorbeerkranz erscheint der Historiker Dolf Sternberger, mit einer afrikanischen Dämonenmaske aus Pappmaché der Ethnologe Eckart von Sydow und im Braunhemd der SA der Politiker Kurt Riezler, verheiratet mit der einzigen Tochter des Malers Max Liebermann, der den Einzug der Nazis durchs Brandenburger Tor zwei Wochen zuvor kommentiert hatte: „Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte“.
Tillich Einladung (HD)
„Der Mensch kann sich Dinge, welche nicht wirklich sind, vorstellen, als wenn sie wirklich wären.“ Diesen Gedanken aus Hegels Vorlesungen über die Ästhetik greift Hermann Hesse im Sommer 1932 als Motto für seinen geplanten Roman Das Glasperlenspiel auf: „Nichts ist notwendiger den Menschen vor Augen zu stellen, als gewisse Dinge, deren Existenz weder beweisbar noch wahrscheinlich ist, welche aber eben dadurch, daß fromme und gewissenhafte Menschen sie gewissermaßen als seiende Dinge behandeln, dem Sein und der Möglichkeit des Geborenwerdens um einen Schritt näher geführt werden.“
Hesse, der entgegen des Wunsches seiner Eltern nicht wie Hegel, Hölderlin und Schelling als Student der Theologie nach Tübingen kam, sondern als Buchhandelslehrling, sucht sich seine eigene Stiftgemeinschaft: Die Freunde Josef Feinhals und Franz Schall erfinden über Jahre hinweg für das Glasperlenspiel-Motto eine lateinische Übersetzung, angeblich das Original eines spätmittelalterlichen und natürlich ebenfalls erfundenen Autors Albertus Secundus. Sogar eine Handschrift mit Mäusefraßspuren will Feinhals in seinem Archiv entdeckt haben. Die drei behandeln das Motto, als sei es ein echter lateinischer Text, der am Ende nur noch abgetippt werden muss.
Hesses Motto aus "Glasperlenspiel" (HD)
Ein Jahr zuvor, 1919, schreibt Kafka einen Brief an seinen Vater, der auf Hegels Gedanken anspielt: „Du hast mich letzthin einmal gefragt, warum ich behaupte, ich hätte Furcht vor Dir. Ich wusste Dir, wie gewöhnlich, nichts zu antworten, zum Teil eben aus der Furcht, die ich vor Dir habe, zum Teil deshalb, weil zur Begründung dieser Furcht zu viele Einzelheiten gehören, als dass ich sie im Reden halbwegs zusammenhalten könnte. Und wenn ich hier versuche Dir schriftlich zu antworten, so wird es doch nur sehr unvollständig sein, weil auch im Schreiben die Furcht und ihre Folgen mich Dir gegenüber behindern und weil überhaupt die Grösse des Stoffs über mein Gedächtnis und meinen Verstand weit hinausgeht.(…) Ottla habe ich in ihrem Eigensinn unterstützt und während ich für Dich keinen Finger rühre (nicht einmal eine Theaterkarte bringe ich Dir), tue ich für Freunde alles.“
Kafka schickt den Brief nie ab. Hegels Überlegungen bleiben bei ihm Theorie.
Kafkas Brief (HD)
Er selbst dachte ab und zu auch zeichnend, wie hier in seinen Notizen zur Naturphilosophie (© Staatsbibliothek zu Berlin) sowie im Entwurf seiner Nürnberger Vorlesung zu Urteilskraft.
Hegels Zeichnungen (HD)
Hegel, der anders als Goethe die Welt durch logisches Denken und nicht durch das Studium der Natur durchdringen wollte, sollte mit dem Glas ausprobieren, wie die Brechungen des Lichts unsere Farbwahrnehmung verändern und wie ein und dasselbe in gegenteilige Effekte kippen kann – bei direkter Beleuchtung färbt der gelbe Streifen für uns das weiße Tuch gelb und das schwarze blau.
Ob Hegel diese optische Dialektik je ausprobiert hat, ist nicht bekannt. Allerdings führt er in seiner Reihe von Beispielen für schöne Dinge auch Farbmischungen an: „Reingezogene Linien, die unterschiedslos fortlaufen, nicht hier- oder dorthin ausweichen […]. Die Reinheit des Himmels, die Klarheit der Luft, ein spiegelheller See, die Meeresglätte erfreuen uns von dieser Seite her“. Ebenso die Farbe Grün, die zwar aus Gelb und Blau gemischt wird, aber diese Gegensätze „neutralisiert“ und „auslöscht und so „wohltuender und weniger angreifend als das Blau und Gelb in ihrem festen Unterschiede“ ist.
Goethes Hegel-Glas (HD)
Hinzu kommen vage, imaginäre und überzeichnete Hegel-Bildnisse, unmittelbare Abdrücke (wie die Tintenkleckse in seinen Manuskripten) und indirekte Spuren (wie das Kreuz, mit dem sein Schüler David Friedrich Strauß Hegels Tod in der Mitschrift seiner Vorlesung Die Geschichte der Philosophie in Auszügen markiert: „Am 14. Nov. Abends ist Hegel an der Cholera gestorben.“).
Hegel selbst dürfte die Frage nach dem Aussehen eines Philosophen für unwichtig erklärt haben: Das Äußere sei „absolut zufällig für das selbstbewußte Wesen“, Schädel und Geist haben nichts miteinander zu tun. In der Philosophischen Propädeutik erläutert er am Beispiel der Bilder den Unterschied zwischen Vorstellen und Denken: „In der Vorstellung haben wir eine Sache vor uns auch nach ihrem äußerlichen, unwesentlichen Dasein. Im Denken hingegen sondern wir von der Sache das Äußerliche, bloß Unwesentliche ab und heben die Sache nur in ihrem Wesen hervor. Das Denken dringt durch die äußerliche Erscheinung durch zur inneren Natur der Sache und macht sie zu seinem Gegenstand. Es läßt das Zufällige einer Sache weg. Es nimmt eine Sache nicht, wie sie als unmittelbare Erscheinung ist, sondern scheidet das Unwesentliche von dem Wesentlichen ab und abstrahiert also von demselben.“
Kreuz in einer Vorlesungsmitschrift (HD)
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© Biblioteka Jagiellonska Krakau
Hegel/Hölderlin/Schelling: Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus (1796/98)
Die erste Idee ist natürl. d. Vorst. von mir selbst, als einem absolut freien Wesen. Mit dem freyen, selbstbewußten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt – aus dem Nichts hervor – die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung aus Nichts – Hier werde ich auf die Felder der Physik herab steigen; die Frage ist diese: Wie muß eine Welt für ein moralisches Wesen beschaffen seyn? Ich möchte unsrer langsamen an Experimenten mühsam schreitenden – Physik, einmal wieder Flügel geben. … So – wenn die Philosophie die Ideen, die Erfahrung die Data angibt, können wir endl. die Physik im Großen bekommen, die ich von spätern Zeitaltern erwarte. Es scheint nicht daß die jezige Physik einen schöpferischen Geist, wie der unsrige ist, od. seyn soll, befriedigen könne. …
Übersetzung: Zdravko Kobe -
© Biblioteka Jagiellonska Krakau
Hegel/Hölderlin/Schelling: Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus (1796/98)
Von der Natur komme ich aufs Menschenwerk. Die Idee der Menschheit voran – will ich zeigen, daß es keine Idee vom Staat gibt, weil der Staat etwas mechanisches ist, so wenig als es eine Idee von einer Maschine gibt. Nur was Gegenstand der Freiheit ist, heist Idee. Wir müßen also auch über den Staat hinaus! – Denn jeder Staat muß freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln; u. das soll er nicht; also soll er aufhören. Ihr seht von selbst, daß hier alle die Ideen, vom ewigen Frieden u.s.w. nur untergeordnete Ideen einer höhern Idee sind. Zugleich will ich hier d. Principien für eine Geschichte der Menschheit niederlegen, u. das ganze elende Menschenwerk von Staat, Verfaßung, Regierung, Gesezgebung – bis auf die Haut entblösen. Endl. kommen d. Ideen von einer moral. Welt, Gottheit, Unsterblichkeit – Umsturz alles Afterglaubens, Verfolgung des Priesterthums, das neuerdings Vernunft heuchelt, durch d. Vernunft selbst. – Die absolute Freiheit aller Geister, die d. intellektuelle Welt in sich tragen, u. weder Gott noch Unsterblichkeit ausser sich suchen dürfen.
Übersetzung: Zdravko Kobe -
© Biblioteka Jagiellonska Krakau
Hegel/Hölderlin/Schelling: Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus (1796/98)
Zulezt die Idee, die alle vereinigt, die Idee der Schönheit, das Wort in höherem platonischem Sinn genommen. Ich bin nun überzeugt, daß der höchste Akt der Vernunft, der, indem sie alle Ideen umfast, ein ästhetischer Akt ist, und daß Wahrheit und Güte, nur in der Schönheit verschwistert sind – Der Philosoph muß eben so viel ästhetische Kraft besizen, als der Dichter. Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsre Buchstaben-Philosophen. Die Philosophie des Geistes ist eine ästhetische Philos. Man kan in nichts geistreich seyn – selbst über Geschichte kan man nicht geistreich raisonniren – ohne ästhetischen Sinn. Hier soll offenbar werden, woran es eigentl. den Menschen fehlt, die keine Ideen verstehen, – und treuherzig genug gestehen, daß ihnen alles dunkel ist, sobald es über Tabellen u. Register hinausgeht.
Übersetzung: Zdravko Kobe -
© Biblioteka Jagiellonska Krakau
Hegel/Hölderlin/Schelling: Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus (1796/98)
Die Poësie bekömmt dadurch e. höhere Würde, sie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war – Lehrerin der Menschheit; denn es gibt keine Philosophie, keine Geschichte mehr; die Dichtkunst allein wird alle übrigen Wissenschaften u. Künste überleben. Zu gleicher Zeit hören wir so oft, der große Hauffen müße eine sinnliche Religion haben. Nicht nur der große Hauffen, auch der Philosoph bedarf ihrer. Monotheismus der Vernunft u. des Herzens, Polytheismus d. Einbildungskraft u. der Kunst, dis ists, was wir bedürfen!
Übersetzung: Zdravko Kobe -
© Andreas Jung
Hegel-Zitat in Josephs Kosuths Installation Beschriebene Maßnahmeam Stuttgarter Hauptbahnhof (seit 1993).