Bildende Kunst gegen das Vergessen: Tiago Sant’Ana hält mit seinen Installationen die Erinnerung an koloniale Architektur und Artefakte in seiner Heimat Brasilien wach. Schwarz-Weiß-Kontraste verwendet er dabei besonders häufig.
Aus der Serie „Refino“, Videoperformance von Tiago Sant’Ana (2017) in der ehemaligen Oiteiro-Zuckermühle, Terra Nova, Bahia.
| © Tiago Sant’Ana
Tiago Sant’Ana beschäftigt sich in seiner Kunst – Fotos, Videos, Performances – häufig mit Zucker als zentrales Motiv von Schwarz-Weiß-Bildern zum Thema Sklaverei in Brasilien: weißer Zucker hergestellt von Schwarzen, erst von afrikanischen Sklav*innen und dann von deren versklavten Nachkommen, den Afrobrasilianer*innen. „Ich hatte schon immer große Probleme mit dem Begriff ‚postkolonial‘, weil er impliziert, dass es ein ‚post‘ gibt, also eine Zeit nach dem Kolonialismus, oder dass das Koloniale möglicherweise der Vergangenheit angehört“, erklärt der brasilianische Künstler im Latitude-Chat zum Thema „Leben wir wirklich im Zeitalter des Postkolonialismus?“. Tiago Sant’Ana: „Wir wissen, dass es das Postkoloniale nicht gibt, weil wir immer noch unter Bedingungen leben, die das koloniale Systeme fortschreiben und updaten.
Im heutigen Brasilien gehen viele davon aus, dass die Bereiche Kunst und Bildung die Vorstellungen der Bevölkerung verändern können. Ich glaube, dass Kunst und Bildung im mikropolitischen Bereich wirksam sind, weil sie Subjektivitäten verändern.“
Schuhe als Symbol
Analog zum Material Zucker als Sinnbild für die Geschichte Brasiliens verwendet Tiago Sant’Ana in seiner Kunst häufig die Kombination aus nackten Füße und Schuhen: nackte Füße schwarzer Menschen, die ihre Schuhe über der Schulter tragen. Was es damit auf sich hat, erklärt Lilia Moritz Schwarcz in ihrem Artikel „With Sugar und without affection“ über die Ausstellung Casa de Purgar von Tiago San't Ana 2018 im Bahia Art Museum in Salvador und im Imperial Palace in Rio de Janeiro:„In Brasilien waren Schuhe immer eine Möglichkeit, die Sklaven von freien Menschen zu unterscheiden. Die Behinderung bestand nie aus einem geschriebenen Gesetz, sondern bestand durch die unbestrittene Kraft des Brauchs. Tatsächlich wurden den Gefangenen Schuhe verboten, die, egal wie gekleidet sie waren, ob sie nun Haus-, Bergbau- oder Stadtsklaven waren, immer mit den Füßen auf dem Boden, auf dem Zement der Städte, nahe dem Dreck dargestellt wurden. Der Mangel war so groß, dass kurz nach dem 13. Mai 1888, dem Datum der formalen Abschaffung der Sklaverei durch Brasilien, Zeugen sagten, dass viele in die Geschäfte eilten, um die gewünschten Objekte zu kaufen. Da ihre Füße jedoch an die täglichen harten Routinen gewöhnt waren, wuchsen in kürzester Zeit Blasen und Schwielen. Und so wurden viele Freigelassene gesehen, glücklich und stolz, die über ihre Schultern Schuhe trugen, die durch ihre Schnürsenkel aneinander gebunden waren, als wären sie Trophäen der Freiheit. Und das waren sie ... starke Symbole. Die Schuhe wurden zum Synonym für Freiheit.“
Januar 2020