Berlinale 2024  Südamerika in Berlin: Herausforderungen auf der Leinwand

„Oasis”. Regie: Tamara Uribe, Felipe Morgado. Chile 2024. Berlinale Forum
„Oasis”. Regie: Tamara Uribe, Felipe Morgado. Chile 2024. Berlinale Forum Foto (Detail): © Antonio Luco, Daniela Camino, MAFI

Von abgelegenen Gemeinschaften in den peruanischen Anden oder an der kolumbianischen Pazifikküste bis hin zu städtischen Räumen in Santiago und Medellín: Südamerikanische Filme auf der Berlinale beschäftigen sich mit drängenden Themen der Region.

Die Straßen der chilenischen Hauptstadt Santiago kommen in gleich zwei Produktionen auf die Leinwand. Oasis von Tamara Uribe und Felipe Morgado verfolgt den Erarbeitungsprozess einer neuen chilenischen Verfassung aus der Sicht mehrerer Filmschaffender des Kollektivs MAFI (Mapa Fílmico de un País / Filmkartografie eines Landes). Von den Protesten, die eine Möglichkeit zur Veränderung eröffneten, bis zu den Auseinandersetzungen und Verhandlungen um neue Gesetze stellt der Film das Verlangen der Chilenen – nach Garantien im Bereich der Bildung, mehr Rechten für die Urbevölkerung, Umweltschutz, Menschenrechten – dem Wunsch konservativer und neoliberaler Teile der Bevölkerung nach dem Erhalt ihrer Privilegien gegenüber. Der neu erarbeitete Verfassungstext war für fortschrittlich eingestellte Menschen bereits frustrierend. Dann wurden auch noch die vorgeschlagenen Änderungen mittels Volksabstimmung von der Bevölkerung mehrheitlich abgelehnt. Das Gefühl der völligen Niederlage findet seine perfekte Metapher in einer Szene des Films, in der zwei Hubschrauber mit Wassereimern versuchen, einen Waldbrand zu löschen.   

Liebe in der fragmentierten Stadt  

In dem ebenfalls chilenischen Film Al sol, lejos del centro (Towards the Sun, Far From the Center) von Luciana Merino und Pascal Viveiros, gezeigt im Wettbewerb um den Goldenen Bären in der Kategorie Kurzfilm, suchen zwei Frauen in weitgehend menschenleeren Straßen der Randbezirke von Santiago nach ihrem Platz an der Sonne und für ihre Liebe. Überwiegend aus der Vogelperspektive schwebt die Kamera durch ein Labyrinth von urbanen Fragmenten, die an den Roman Die unsichtbaren Städte von Italo Calvino erinnern. In gelblichen Aufnahmen, die zusätzlich digital unscharf bearbeitet wurden, erzeugt der Film eine nostalgische Sehnsucht nach etwas, das sich noch nicht ereignet hat.  

Vergessene Wünsche 

Die chilenisch-kolumbianische Co-Produktion La piel en primavera (Skin in Spring), der erste Spielfilm von Yennifer Uribe Alzate, spielt ebenfalls in der Peripherie einer Großstadt – diesmal Medellín.  Die Protagonistin Sandra tritt eine Stelle als Aufsicht in einem Einkaufszentrum an.  
 
 „La piel en primavera“ (Skin in spring). Kolumbien/Chile, 2024. Regie: Yennifer Uribe Alzate. Im Bild: Alba Liliana Agudelo Posada. Berlinale Forum 2024

„La piel en primavera“ (Skin in spring). Kolumbien/Chile, 2024. Regie: Yennifer Uribe Alzate. Im Bild: Alba Liliana Agudelo Posada. Berlinale Forum 2024 | Foto (Detail): © Monociclo Cine 

Auf ihrem täglichen Weg zur Arbeit begegnet sie dem Busfahrer Javier. Die Beziehung der beiden und ihr Verhältnis zu den neuen Arbeitskolleginnen, die zu Freundinnen werden, lassen in Sandra ihre vergessenen Wünsche neu aufkommen. Diese musste sie als alleinerziehende Mutter eines jugendlichen Sohns immer hintanstellen. Sehr zart und nah an der Person begleitet der Film Sandra auf ihrem Weg zu Befreiung und Autonomie.  

Afrikanische Rituale  

Ebenfalls sehr intimistisch im Ton ist die Handlung von Yo vi tras luces negras (I Saw Three Black Lights), eine kolumbianisch-mexikanische-französisch-deutsche Co-Produktion unter der Regie von Santiago Lozano Álvarez in der Sektion Panorama. Der Film spielt in einer afrikanisch-stämmigen Gemeinschaft in Aguaclara, einem Ort mitten im Dschungel der kolumbianischen Pazifikküste, und erzählt von der letzten Reise eines Mannes namens José de los Santos auf der Suche nach einem Ort, um in Frieden zu sterben.  
 
„Yo vi tres luces negras“ (I saw three black lights). Kolumbien/Mexiko/Frankreich/Deutschland 2024. Regie: Santiago Lozano Álvarez. Im Bild: Jesús María Mina. Berlinale, Panorama, 2024

„Yo vi tres luces negras“ (I saw three black lights). Kolumbien/Mexiko/Frankreich/Deutschland 2024. Regie: Santiago Lozano Álvarez. Im Bild: Jesús María Mina. Berlinale, Panorama, 2024 | Foto (Detail): © Christian Velasquez / Contravía Films 

José de Los Santos beherrscht die von seinen Ahnen, Nachkommen versklavter Afrikaner*innen, übernommenen Riten des Umgangs mit Toten und kümmert sich in seinem Alltag um die Leichen junger Menschen, die in Auseinandersetzungen zwischen bewaffneten Gruppen um illegalen Bergbau ums Leben gekommen sind. Als er in den Dschungel geht, um den Ort seiner Vorfahren zu finden und dort zu sterben, sieht sich José selbst der Gewalt und den Übergriffen dieser bewaffneten Gruppen ausgesetzt.  

Ungleicher Kampf 

Bergbau ist auch der Hintergrund der chilenisch-peruanischen Koproduktion von Franco García Becerra Raiz (Durch Felsen und Wolken) in der Sektion Generation. Der Film spielt in den peruanischen Anden und handelt von dem achtjährigen Feliciano, den vor allem die Möglichkeit einer Teilnahme Perus an der Fußballweltmeisterschaft begeistert.  
 
„Raiz“ (Through rocks and clouds).  Peru/Chile 2024. Regie: Franco García Becerra. Im Bild: Alberth Merma. Berlinale, Generation, 2024.

„Raiz“ (Through rocks and clouds). Peru/Chile 2024. Regie: Franco García Becerra. Im Bild: Alberth Merma. Berlinale, Generation, 2024 | Foto (Detail): © Johan Carrasco 

Feliciano hütet Alpakas in einer idyllischen Berg- und Seenlandschaft. Seine Lebensart und die seiner Familie und seiner Gemeinschaft sind jedoch durch ein Bergbauunternehmen, das sein Dorf unter Druck setzt, bedroht. Nachdem einige Alpakas, die einzige Einkommensquelle vieler Familien, getötet wurden, beschließen die Bewohner*innen, sich zusammenzutun und die Zufahrtsstraße zu dem Unternehmen zu blockieren. Das erhöht die Spannungen und lässt die Gefahr einer Auseinandersetzung zwischen höchst ungleichen Mächten aufscheinen.  

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