Zwischen Büchern und Bildschirme  Über die Umbrüche in unseren Lesegewohnheiten

 “Ruptur und Blockade”
“Ruptur und Blockade” Lula Ricardi, 2016/2020

Es ist heute kaum vorstellbar, dass sich ein Leser in seinem Lieblingssessel für Stunden ohne Unterbrechungen in die Lektüre eines Buches vertieft. Wahrscheinlicher ist, dass dieser Leser alle paar Seiten von einer Nachricht auf seinem Handy oder einem anderen digitalen Signal abgelenkt wird. Und dennoch bleibt die Kunst des Lesens lebendig.

Laut einer aktuellen Studie der Organisation Iberoamerikanischer Staaten, die in Zusammenarbeit mit dem Regionalzentrum für Leseförderung in Lateinamerika und der Karibik durchgeführt wurde, zeigt sich bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen gleichzeitig eine Vorliebe für Papier und die starke Präsenz digitaler Lektüre, wofür das Handy das am häufigsten benutzte Gerät ist.

Doch wie verändern Bildschirme den Akt des Lesens und das kritische Denken? Und auf welche Weise wird sich das Lesen weiterentwickeln? Diese Fragen haben wir den argentinischen Schriftstellern Mempo Giardinelli und Martín Kohan gestellt.

Kohan sagt, die Lesegewohnheiten veränderten sich, „wie so viele andere Dinge, aufgrund der Möglichkeit, stets einen Laptop bei sich zu haben und mit dem Internet verbunden zu sein. Es geht nicht mehr nur um das Lesen auf E-Book-Readern (mit Leuchtdisplays, die wie Buchseiten aussehen), sondern um andere Zugänge zu Texten, die dann auf dem Handybildschirm gelesen werden.“

Die Beharrlichkeit der alten Technologie namens Buch

Kohan meint, er könne keine Aussage dazu liefern, welche Modalitäten des Lesens vorherrschen würden, er weist jedoch darauf hin, dass es „einen Aspekt zu berücksichtigen gibt, und dieser ist die relative Beharrlichkeit dieser alten Technologie namens Buch.“

„Vergleicht man es beispielsweise mit dem Musikhören – das sich so stark verändert hat, dass sogar das Objekt ‚Platte‘ als in sich geschlossenes Werk in die Krise geraten ist – oder mit dem Filmschauen – statt ins Kino zu gehen, um die Erfahrung mit anderen zu teilen, bleibt man bei sich zu Hause – oder mit der deutlichen Abkehr von der gedruckten Tageszeitung, spielt das Buch trotz allem weiterhin eine wichtige Rolle. Wenn es ums Lesen geht, ist es weiterhin ein präsentes und beliebtes Objekt.“

Giardinelli wiederum, der vor dreißig Jahren eine Stiftung für Leseförderung in der Provinz Chaco im Nordosten Argentiniens gegründet hat, die er heute noch leitet, sagt: „Ich könnte nicht genau sagen, welche Gewohnheiten sich verändert haben, aber es hat sich etwas verändert, und heute wie damals lesen Leser und Nichtleser nicht.“

Die Umbrüche in unseren Lesegewohnheiten sind „ohne Zweifel Teil der aktuellen Kultur. Ich glaube, dass heute im Allgemeinen weniger gelesen wird sowohl im Verhältnis zu dem, was veröffentlicht wird, was wahnsinnig viel ist, als auch in Bezug auf die für mich offensichtliche Tatsache, dass die jüngeren Generationen deutlich weniger lesen als die vorhergehenden“, konstatiert er.

„Was sich gut nachvollziehen lässt, schließlich wurde das Fernsehen geschaffen, um abzulenken, zu beeinflussen und auch zu täuschen. Das Fernsehen ist nichts weiter als das Instrument oder Verfahren eines zwingenden Systems, mit dem sich auf sehr wirksame Weise soziale Kontrolle und Manipulation ausüben lässt“, warnt Giardinelli. Und er fügt hinzu: „Es liegt auf der Hand, dass sich das Verhältnis zum Lesen und zu Texten verändert hat und sich von Generation zu Generation weiter verändern wird, und ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht sein wird, aber ich gebe zu, dass ich nicht sonderlich optimistisch bin.“

Kohan denkt, dass es uns mit dem Lesen genauso geht „wie mit vielen anderen Dingen, wie mit Fernsehsendungen, Gesprächen mit Freunden etc. Es fällt uns immer schwerer, uns lange auf ein- und dasselbe Thema zu fokussieren, selbst wenn es uns interessiert.“

Das Lesegerät selbst lenkt uns ab

Kohan sagt, „es geht es nicht um einen Gegensatz zwischen Buch und Bildschirm, sondern darum, dass wir ständig von Geräten abgelenkt werden. Sie fordern unsere Aufmerksamkeit nicht nur dann, wenn wir wollen und uns für eine Ablenkung entscheiden, sondern auch, wenn wir uns konzentrieren wollen.“ Kohan, der an der Universität von Buenos Aires lehrt, fügt hinzu: „In dieser Hinsicht halte ich die Lektüre am Handy durchaus für problematisch, denn die ablenkenden Faktoren gehen vom selben Gerät aus, auf dem wir versuchen, uns zu konzentrieren.“

„Ich arbeite mit Studierenden, die etwa zwanzig Jahre alt sind, und wenn diese Frage aufkommt, sagen sie, dass ihnen genau das passiert. Sie schätzen die Möglichkeiten, die durch neue Technologien eröffnet werden – und die ich, wenngleich etwas weniger, ebenfalls schätze –, aber sie leiden unter einer Situation, die ihnen gleichzeitig schadet.“

Auf die Frage, ob wir gerade eine Ära des fragmentarischen Lesens erleben, antwortet Giardinelli: „Meiner Meinung nach ist es unmöglich und unergiebig, das zu definieren. Das sogenannte fragmentarische Lesen gab es schon immer und wird es auch immer geben und hoffentlich immer mehr, denn das, was zählt, ist lesen, zum Lesen ermuntern, Freude am Lesen haben und neue Generationen damit anstecken. Wir befinden uns gerade in diesem Kampf, und ich glaube und möchte glauben, dass die Menschheit ihn gewinnen wird.“

Neue Formen des Lesens und des kritischen Denkens

Aber wird nicht in einem Ökosystem zerstreuter Lektüren die Möglichkeit zum kritischen Denken geschwächt? Für Kohan „selbstverständlich“, denn „es gibt kein kritisches Denken, ohne vorher einen Weg zu bewältigen, ohne die vorherige Anstrengung, den Text, den man liest, zu verstehen. Ich glaube, dass im Bildungsbereich manchmal vielleicht zu schnell zur kritischen Auseinandersetzung übergegangen und dem Textverständnis zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet wird. Ein zu schneller Einstieg in die Diskussion und Äußerung eigener Ideen aktiviert kein kritisches Denken, wenn kein Textverständnis erarbeitet wurde, worüber soll dann kritisch diskutiert werden?“, bekräftigt er.

Giardinelli glaubt seinerseits, dass „diese Möglichkeit von der Person abhängig ist. Gute Leser, ob jung oder alt, geben nicht auf. Und so scheint es mir, dass die Lesenden, die in ihrer Kindheit und Entwicklung gut unterstützt und gefördert wurden, immer mehr werden. Mehr an der Zahl und besser in ihren Fähigkeiten, und das finde ich großartig.“

Wie wird sich die Tätigkeit des Lesens in der Zukunft weiterentwickeln? Beide Schriftsteller zeigen sich vorsichtig optimistisch.

Kohan antwortet: „Ich weiß es nicht. Aber so, wie es scheint, gibt es auch unter jungen Menschen Anzeichen für Überdruss angesichts dieser Situation. Da könnte eine Hoffnung liegen.“ „Ich glaube, dass sich nicht viel verändern wird“, resümiert Giardinelli. „Lesen ist eine wunderbare Beschäftigung, die der Natur des Menschen und dem Wunsch, zu leben, zu schaffen, voranzukommen und zusammenzuarbeiten, zugutekommt, damit die Welt und das Leben Tag für Tag besser werden. Das ist keine kleine Aufgabe.“
Mempo Giardinelli wurde 1947 in Argentinien geboren. Er ist Schriftsteller, Journalist und Kulturschaffender. Zur Zeit der argentinischen Militärdiktatur verbrachte er mehrere Jahre im Exil in Mexiko. Er erhielt den angesehen Premio Rómulo Gallegos für seinen Roman Santo oficio de la memoria (1991) und gründete eine Organisation zur Förderung von Alphabetisierung und Bildung.

Martín Kohan wurde 1967 in Buenos Aires geboren. Er ist ein herausragender Schriftsteller, Essayist und Akademiker und lehrt Literaturtheorie an der Universidad de Buenos Aires und der Universidad Nacional de la Patagonia. Für seinen Roman Ciencias morales erhielt er den Premio Herralde de Novela 2007.

Das könnte auch von Interesse sein