Der kolumbianische Jurist und Intellektuelle Mauricio García Villegas spricht über sein Buch Antes de perder el juicio („Ehe wir den Verstand verlieren“), in dem er vor dem Höhenflug der Unvernunft warnt und zum Glauben an die Wahrheit aufruft. Ein Gespräch darüber, ob das, was wir „Westen“ nennen, gerade an sein Ende gelangt.
Es gibt viele Gründe, um alarmiert zu sein. Aber müssen wir in solchem Maß alarmiert sein wie Sie in Ihrem Buch?Es gibt ein Graffiti, das sagt: „Wenn Sie nicht besorgt sind, dann sind sie unaufmerksam.“ Wir leben in einem Moment der Hoffnungslosigkeit mit mehr als genug Gründen, um alarmiert zu sein: die Erderwärmung, die Schwächung des internationalen Rechts und der internationalen Organisationen, die Umwandlung der US-amerikanischen Demokratie in eine Plutokratie und die Gefahr, dass Technologie und Künstliche Intelligenz der Freiheit und Demokratie ein Ende bereiten. Zur gleichen Zeit gibt es Fortschritte, von sinkender Armut und steigender Lebenserwartung bis hin zu einem Technologieangebot, dass unseren Alltag erleichtert. Wäre alles, was uns widerfährt, schlecht, wäre es leichter, aus der Klemme zu kommen. Aber diese Mischung aus Gutem und Schlechtem stiftet Verwirrung.
Sie schreiben in Lateinamerika. Bedeutet das Ende des Westens auch einen Verlust für diese Region?
Ja, und zwar genau deshalb, weil das, was verlorengeht, nie ausschließlich im Besitz Europas war. In meinem Buch verteidige ich das Bestreben der Aufklärung, das heißt die Idee, dass wir dank der Vernunft die Wirklichkeit besser verstehen und somit freier sein können. Dieses Bestreben kam nicht erst mit den Europäern des 18. Jahrhunderts auf und gehört ihnen auch nicht. Es existierte in vielen Teilen der Welt, einschließlich Lateinamerika. Darum ist sein Verschwinden auch ein Verlust für uns.
Warum geht es verloren?
Dafür gibt es intellektuelle und materielle Gründe. Auf intellektueller Ebene wurden die Ideen der Aufklärung von ihren Feinden besiegt, angefangen bei den Romantikern des 19. Jahrhunderts, die in ihrem Kulturkampf gegen das Universelle und Rationale den Glauben durchsetzten, alles sei relativ, emotional, subjektiv, kulturell und historisch. Nietzsche, die Existenzialisten, die Postmodernen und heutzutage, so glauben viele, die Woken, sind ihre siegreichen Erben. Auf materieller Ebene wurde wiederum eine Moderne ohne Menschlichkeit durchgesetzt, vorangetrieben durch einen hedonistischen und frivolen Kapitalismus.
Erklären Sie bitte genauer, was Sie an der Moderne kritisieren.
Die Aufklärung sollte nicht mit der Moderne verwechselt werden. Die Aufklärung ist ein Freiheits- und Vernunftideal, die Moderne ein politisches und wirtschaftliches Projekt der europäischen Eliten. Und ich bin kein Befürworter dieses Projekts, zumindest nicht in der Form, wie es sich in Europa und den USA durchgesetzt hat, genauso wenig wie der Europäisierung Lateinamerikas. Das, wofür ich eintrete, ist bescheidener und fordernder. Es ist die Überzeugung, dass eine Gesellschaft, die im Gespräch ist und Argumente austauscht, weil sie nach Wahrheit strebt, eher ihre Probleme lösen wird als eine Gesellschaft, die alles als relativ und dem Zufall geschuldet betrachtet.
Sie sind nicht nur Autor, sondern haben als Forscher jahrzehntelang die Fragilität der Rechtsordnung untersucht. Was sehen Sie heute in diesem Bereich, was andere nicht sehen?
Hobbes hat es bereits vor vierhundert Jahren gesehen. Wenn niemand für Ordnung sorgt und Güter demjenigen gehören, der als Erster da war oder der am schlausten oder stärksten ist, werden die Menschen von Gier, Neid und Angst ergriffen. In einem sauberen Spiel zu verlieren wird akzeptiert und Punkt, aber in einem Kampf ohne Regeln zu wetteifern und zu verlieren, erzeugt Wut und Rachegelüste. Das ist, was wir heute erleben. In einer emotionalen, militanten und überempfindlichen Welt, in der es genügt, dass etwas gefühlt wird, um es für gut zu befinden, verliert das Recht von Tag zu Tag an Gewicht. Dies geschieht von außen, durch die Schwächung der internationalen Ordnung, und von innen, durch populistische Strömungen. Emotionen wollen die Regeln sprengen, und ein Mangel an Regeln schürt Emotionen. Diese beiden Pole ziehen sich an wie Magnete.
Von Caracas bis Gaza, Sie sehen heute das „Gesetz des Kallikles“ am Werk, also das Recht des Stärkeren. War die Nachkriegsordnung, die für den Westen so grundlegend war, nur eine Pause?
Im Lauf der Geschichte gab es neben dem Drang zu Dominanz immer auch einen zu Empathie. Mal war der eine stärker, mal der andere. Heute hat Dominanz wieder die Oberhand. Wie lässt sich das umkehren? Es fällt mir schwer, das zu sagen, aber manchmal braucht die Menschheit, genauso wie Individuen, eine Tragödie, um zur Besinnung zu kommen und sich der Arroganz zu entledigen, die sie in die Katastrophe geführt hat. Die alten Griechen glaubten, dafür sei die Göttin Nemesis zuständig. Wir müssen alles tun, um eine Tragödie zu verhindern, und auf eine wiederhergestellte Weltordnung setzen, getragen von einer humanistischen, demokratischen Kultur, die uns optimistischer in die Zukunft blicken lässt.
In Ihrem Buch erinnern Sie daran, dass Aristoteles einst sagte, Besonnenheit lerne man durch Nachahmung. Aber wen könnten wir in einer Welt voller Scharlatane und Sophisten nachahmen?
Es gibt Vorbilder, die nachahmenswert sind. Sie werden nur wenig gesehen. Oder vielmehr glaube ich, dass die meisten Menschen korrekt sind und ihre Aufgaben erfüllen. Und es gibt viel Tugend. Das kann man sehen, wenn man die Kultur der Regelmissachtung erforscht, ein Thema, mit dem ich mich jahrelang beschäftigt habe. Die meisten halten sich an die Regeln, aber die, die es nicht tun, werden mehr gesehen und richten größeren Schaden an. Wir müssen also den pflichtbewussten, tugendhaften Menschen mehr Sichtbarkeit geben. Das bedeutet, entgegen den Medien und sozialen Netzwerke vorzugehen, da das menschliche Gehirn auf Schlechtes und Schurken schließlich besser anspringt. Und natürlich nimmt Schlechtigkeit, wenn sie übertrieben wird, wie in einer selbsterfüllenden Prophezeiung zu.
Sie schlagen eine „militante Rationalität“ vor. Was macht ein militanter Rationalist, was einfach so nicht gelingt?
Ich will damit sagen, dass Rationalität ein Ideal ist, weshalb man einen langen Atem braucht, um sie zu erlangen, so wie man sich für Liebe einsetzt. Giordano Bruno hat das sehr gut erklärt: Liebe, die wirklich bewegt, ist weder die, die man bereits besitzt, noch die, die unerreichbar ist, sondern die, nach der man strebt. Mit Rationalität verhält es sich ähnlich. Man muss sich permanent anstrengen und selbstkritisch hinterfragen, um sich ihr anzunähern, ohne sie jemals ganz und gar zu besitzen. Naiver Optimismus ist ebenso zu vermeiden wie Defätismus. Was Letzteres betrifft, gibt es ein anderes Graffiti, das sagt: „Die Lage ist so schlecht, dass wir uns den Optimismus für bessere Zeiten aufheben sollten.“
Ihr Buch endet mit einem Gemälde von Bruegel: In einer Ecke stürzt Ikarus ins Meer, während die Bauern im Vordergrund mit ihrer Arbeit fortfahren. Was entgeht unserer Aufmerksamkeit, während wir davon besessen sind, dass das Ende der Welt bevorsteht?
Die langfristige Zukunft und die Ausdehnung der Welt. Wenn wir zu sehr auf das Vergängliche, Emotionale, Materielle und Punktuelle fixiert sind, sehen wir nicht, woher wir kommen, was wir erreicht haben, was wir sind, was wir wert sind und was weise ist. Wir sind mit einer überbordenden nützlichen Intelligenz ausgestattet, die uns vieles ermöglicht – uns schneller von A nach B bewegen, für Unterhaltung sorgen, Krankheiten überwinden, bequem leben –, die aber mit einem alarmierenden Mangel an Weisheit daherkommt, der uns daran hindert, uns als ebendie ausgeflippten Tiere wiederzuerkennen, die wir sind, und unsere kollektiven Probleme zu lösen. Bruegels Gemälde zeigt einerseits, wie schlecht es uns ohne diese kollektive Weisheit ergeht, und andererseits, dass die Welt morgen untergehen könnte, aber das Universum diesem Ereignis mit völliger Gleichgültigkeit beiwohnen würde wie diese Bauern auf dem Gemälde.