Umweltkrise und Kunst  Ein wichtiges Instrument des Widerstands

Erythroxylum coca
Erythroxylum coca © Erika Torres, 2019

Seit dem 19. Jahrhundert befassen sich lateinamerikanische Künstler in ihren Werken mit Umweltfragen - eine Diskussion, die verschiedene künstlerische Widerstandsbewegungen auf dem Kontinent beschäftigt.
 

Anfang des 19. Jahrhunderts brachte Alexander von Humboldt den sinkenden Pegel des Valencia-Sees in Venezuela mit der Abholzung in der Region in Verbindung. Es steht zu vermuten, dass dieser von dem preußischen Naturforscher hergestellte Zusammenhang Intellektuelle und Künstler seiner Zeit in Brasilien beeinflusst haben könnte, meint zumindest die Historikerin Claudia Mattos Avolese vom kunsthistorischen Institut der Universidade Estadual de Campinas. „Die Dürren und Wasserknappheit in der Stadt Rio de Janeiro befeuerten von den 1840er-Jahren  an Umweltdebatten in Institutionen wie dem Brasilianischen Historisch-Geografischen Institut (IHGB). Dort wurde die These aufgestellt, dass die für den Kaffeeanbau vorgenommenen Abholzungen die Wasserquellen beeinträchtigt hätten“, sagt die Wissenschaftlerin. „Einige Künstler aus dem Umkreis des IHGB engagierten sich damals in Brasilien in dieser Angelegenheit.“
 
Darunter war der im 19. Jahrhundert in Brasilien lebende französische Maler Félix-Emile Taunay, Gründungsmitglied des IHGB und zu der Zeit Direktor der Kaiserlichen Akademie der Schönen Künste in Rio de Janeiro. In seinem Gemälde Vista de um mato virgem que se está reduzindo a carvão (Blick auf einen Urwald, der zu Kohle wird) von 1843 zeigt er die durch wirtschaftliche Nutzung bedingte Abholzung. Für Claudia Mattos handelt es sich hier um den Ausgangspunkt einer Tradition in Brasilien, die über die Landschaftsmalerei Diskussionen um die Vereinnahmung des Bodens und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen sichtbar macht. Felipe Chaimovich, Kurator des Museums für Moderne Kunst (MAM) von São Paulo, sagt ebenfalls: „Heute lässt sich wegen der Umweltkrise, die wir gegenwärtig erleben, eine gewisse Dringlichkeit des Themas feststellen. Aber es ist in der brasilianischen Kunst seit dem 19. Jahrhundert präsent.”

Ökologie als Widerstand in der Diktatur

Als Expertin für brasilianische Kunst des 19. Jahrhunderts arbeitet Claudia Mattos derzeit am Projekt Arte, Ecologia e Engajamento Político no Brasil 1964-1985, über Kunst, Ökologie und politisches Engagement in Brasilien in den Jahren 1964 bis 1985, also zur Zeit der Militärdiktatur. „Mein Projekt versucht zu zeigen, dass künstlerisches Engagement in ökologischen Angelegenheiten ein wichtiges Instrument des Widerstands gegen das brasilianische Militärregime war“, sagt sie. Aufmerksam wurde sie auf die Zeit nach dem Militärputsch 1964 durch die Ausstellung Hileia Amazônica im Jahr 1972 im Kunstmuseum Museu de Arte von São Paulo (MASP), kuratiert von dessen damaligem Direktor Pietro Maria Bardi. Ziel der Ausstellung war eine kritische Betrachtung des Plano Nacional de Integração der Regierung unter General Emílio Garrastazu Médici, das zum Ziel hatte, zur Erschließung der Gegend Straßen in den Regenwald zu bauen, ohne jede Einbeziehung der lokalen Bevölkerung wie etwa der indigenen Yanomami. Die Ausstellung zeigte unter anderem Bilder von Yanomami aus dieser Zeit, von zwei in Brasilien ansässigen Fotografen, dem US-Amerikaner George Love und der Schweizerin Claudia Andujar, die bis heute eine Verfechterin der Rechte der Yanomami ist. Auch durch Claudia Andujars Engagement gelang es 1992, die Ausweisung des indigenen Territoriums der Yanomami in den Bundesstaaten Roraima und Amazonas zu erkämpfen.

Politischer Artivismus

„Die 1970er-Jahre waren vom Aufkommen der Umweltthematik weltweit geprägt, und Lateinamerika ist davon nicht unberührt“, sagt Júlia Rebouças, Mitkuratorin der 32. Biennale von São Paulo 2016 und der 9. Biennale des Mercosur 2013. „Da viele lateinamerikanische Länder damals unter dem Joch von Militärregierungen standen, verband sich die Umweltthematik mit anderen Themen, wie  dem politischen Aktivismus.“
 
In den 1970er-Jahren erlangt der Dichter, Komponist, Schriftsteller, Pädagoge und visuelle Künstler Bené Fonteles aus Pará Bekanntheit. Er nennt sich nicht zufällig „Artivist”. Fonteles schuf unter anderem auf der 19. Biennale von São Paulo von 1987 die Bewegung „Künstler für die Natur“ und beteiligte sich an der Ausweisung des Nationalparks Chapada dos Guimarães im Bundesstaat Mato Grosso 1989. Ein anderer wichtiger Name in diesem Zusammenhang ist der des 1921 in Polen geborenen brasilianischen Künstlers Frans Krajcberg, eine der ersten Stimmen gegen die Abholzung des Amazonaswalds, der in seinen Werken regelmäßig Materialien wie tote Baumstämme oder Baumrinde verwendete.
 
Doch das Anprangern der Zerstörung des Amazonaswalds stand in den 1970er-Jahren nicht nur in Brasilien auf der Tagesordnung. Der kolumbianische Künstler Jonier Marín beispielsweise zeigte 1976 in der Pinakothek von São Paulo die Ausstellung Amazonia Report. Dort waren Arbeiten wie Sublinhados zu sehen, ein Manifest gegen den Genozid an Ethnien der Amazonasregion mit Ausschnitten aus Reportagen über die indigene Frage in brasilianischen Zeitschriften.

Lebensmittelindustrie und Agrobusiness

„Ungeachtet dessen, dass viele Regierungen diese Agenda derzeit vernachlässigen, ist die Umweltproblematik das weltweit drängendste Problem der Gegenwart, und den zeitgenössischen Künstlern ist diese Thematik nicht fremd“, sagt Cauê Alves, Kurator des Brasilianischen Museums für Bildhauerei und Ökologie MuBE. Ein Teilbereich dieser Diskussion heute ist der Ernährungsaktivismus, der im Werk des Künstlers Jorge Menna Barreto aus São Paulo zum Ausdruck kommt. Auf der 32. Biennale von São Paulo und in der Serpentine-Galerie in London war von ihm die 2016 erstellte Arbeit Restauro zu sehen. Dieses site specific bietet dem Publikum veganes Essen an und thematisiert so unterschiedliche Fragen rund um die Nahrungsmittelproduktion in der heutigen Welt, wie die Vereinheitlichung des Geschmacks durch die Nahrungsmittelindustrie, Naturzerstörung durch Agrobusiness und auch unsere eigene Rolle in diesem Kreislauf. „Es ist eine Diskussion, die beim eigenen Körper beginnt und schließlich die Umwelt erreicht“, betont Rebouças.
 
Die gleiche Frage bewegt die kostarikanische Künstlerin Lúcia Madriz, deren Arbeiten wie die Installationen Eres lo que comes (You are what you eat, 2009) oder Dinner Party (2018) mit Samen wie Mais, Reis oder Bohnen die gesellschaftlichen und ökologischen Schäden durch die landwirtschaftliche Nutzung von genetisch manipuliertem Saatgut betrachtet.
 

Dystopie und Neubewertung des Konzepts Natur

Als Organisator des Internationalen Seminars Kunst und Natur stellt der Kurator, Künstler und Dozent der Universität São Paulo (USP) Hugo Fortes fest, dass viele zeitgenössische Arbeiten eine kritische Haltung zum Verhältnis von Natur und Wissenschaft einnehmen. „Obwohl nicht immer ökologisch engagiert, versuchen diese Werke die Manipulation der Natur durch die Wissenschaft und die Entfernung des Menschen von der Natur in diesem Augenblick sichtbarer zu machen.“
 
Beatriz Lemos, Kuratorin aus Rio de Janeiro und Initiatorin von Lastro - Intercâmbios livres em arte, einem kollaborativen Projekt, das sich an Künstler aus Lateinamerika richtet, stellt Ähnliches fest. „Viele zeitgenössische Künstler, die lateinamerikanischen eingeschlossen, überdenken das eigene Konzept von Natur. Einige, wie  der in Holland lebende Ivan Henriques aus Rio de Janeiro, denken an eine dystopische Welt, in der es Natur nicht mehr gibt, es sei denn, sie wird neu erfunden.“

Ecuador und Mexiko

Es gibt in der zeitgenössischen Kunstszene auch Künstler, die sich lokalen Fragen zuwenden, um universelle Thematiken anzusprechen. Das ist laut Lemos bei dem Ecuadorianer Juan Carlos Leó der Fall, der im Augenblick die künstlerisch-technologisch-ökologische Reihe Cuando el río era río betreibt, die unter anderem eine Untersuchung des Wassers im Fluss Ambato in Ecuador zum Ziel hat.
 
Ein anderes Beispiel ist der visuelle Künstler und Ingenieur Fernando Palma Rodríguez aus Mexiko, der aus recyclingfähigem Abfall und anderen Materialien roboterhafte Skulpturen kreiert, die im vergangenen Jahr als Einzelausstellung mit dem Titel In Ixlti in Yollotl We the People im MoMa in New York gezeigt wurden. Neben seiner künstlerischen Arbeit steht Rodríguez an der Spitze der Nichtregierungsorganisation Calpulli Tecaldo, die sich für die Erhaltung der Ethnie Nahua einsetzt, der er selbst angehört. 2017 zeigte das Museum für zeitgenössische Kunst von Oaxaca in Mexiko mit Guex Liu, Kuu ñunro, Totlalhuan, Nuestra tierra, Our land, eine Retrospektive über das Werk des Aktivisten, der aus diesem Anlass erklärte: „Wir müssen umdenken beim Thema Konsum, unserer Technologie, unserer Wissenschaft. Es ist unsere Erde, und wir müssen sie lieben und schützen.“
 

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