Rassismusdiskurs in Brasilien Freiheit und ihre Bedeutung

Freiheit und ihre Bedeutung © Moisés Patrício

Sind Schwarze Menschen in Brasilien tatsächlich frei? Historikerin Luciana Brito wirft einen Blick auf die Folgen der Sklaverei, die bis heute Spuren in der brasilianischen Gesellschaft hinterlassen haben. Es zeigt sich: Der Kampf um Freiheit für alle ist noch nicht vorbei.  

Im Jahr 1988 feierten Presse und Zentralregierung in Brasilien den hundertsten Jahrestag der Abschaffung der Sklaverei mit einer Reihe von Veranstaltungen, Gedenkfeiern, Werbekampagnen und anderem mit dem Anspruch, die am 13. Mai 1888 dekretierte „Freiheit“ der Schwarzen Bevölkerung Brasiliens zu begehen. Dabei fiel auf, dass die Feierlichkeiten zum Jubiläum der Abschaffung der Sklaverei hauptsächlich Prinzessin Isabella von Brasilien in den Mittelpunkt stellten, die Tochter des damaligen Kaisers Pedro II. (Anmerkung der Redaktion: die als Verkünderin des Erlasses zur Sklavenbefreiung gilt). Ihr, der Prinzessin, habe die brasilianische Schwarze Bevölkerung ihre Freiheit zu verdanken und müsse die Dankbarkeit dafür möglichst öffentlich und auf vielfältige Art zeigen. Ein Narrativ von vielen, das die Behauptung einer angeblichen „Rassendemokratie“ verstärkt, hinter der sich aller Offensichtlichkeit zum Trotz der Rassismus, der in Brasilien so große Ungleichheiten hervorruft, verstecken kann.

Das unvollendete Projekt

Gegen die Feierlichkeiten und die Version der Geschichte, nach der die Befreiung der Schwarzen allein dem Wohlwollen der weißen Prinzessin zu verdanken sei, entwickelte die Schwarze Bewegung Brasiliens eine eigene Lesart des von ihr als unvollendet betrachteten Freiheitsprojekts. Im Mai 1988 kam es im gesamten Land zu Demonstrationen „gegen die Farce der Sklavenbefreiung“. Es war der Versuch der Schwarzen Bewegung Brasiliens, die Version der Geschichte zu hinterfragen, in der das Handeln und der Protagonismus Schwarzer Frauen und Männer negiert wird, die im Brasilien der Sklaverei selbst für ihre eigene Freiheit kämpften.

Als Farce wurde die Sklav*innenbefreiung auch insofern entlarvt, als bereits ein Tag nach dem Erlass die Schwarze Bevölkerung Brasiliens ohne bezahlte Arbeit, Gesundheitsversorgung, Bildung, Zugang zu Grund und Boden dastand und es keine Pläne gab, diesen nun freigelassenen Personen Lebensbedingungen als vollwertige Bürger*innen zu ermöglichen.

Nach der Sklav*innenbefreiung lebten sie in einer Zwischenwelt, einem widersprüchlichen Zustand, der in der Praxis wenig mit vollwertiger Staatsbürgerlichkeit zu tun hatte: War das Leben Schwarzer Personen vorher geprägt von Versklavung, war es nun strukturellem Rassismus unterworfen, der das Leben der Menschen sowohl in ihrem Alltag unter ungleichen gesellschaftlichen Bedingungen traf als auch in Form von politischen Maßnahmen, welche die Kriminalisierung und Beschneidung der Rechte Schwarzer Frauen, Männer und Kinder bedeutete. Für die Schwarze Bevölkerung Brasiliens ist Freiheit also weiterhin etwas, das sich noch im Aufbau befindet und Resultat ständiger Kämpfe.

Brasilien war das letzte Land auf dem amerikanischen Kontinent, das die Sklaverei offiziell beendete – erst 1888, noch nach der Abschaffung in den USA im Jahr 1865 und in Kuba im Jahr 1886. Gleichzeitig verbreitete sich bis heute in manchen Teilen der brasilianischen Gesellschaft die als wahr angenommene Legende, die brasilianische Sklaverei sei im Vergleich zu der in den Vereinigten Staaten insgesamt sanfter gewesen. Tatsache ist, dass Brasilien in 400 Jahren transatlantischen Sklav*innenhandels die meisten versklavten Personen empfing: 40 Prozent der insgesamt circa fünf Millionen aus Afrika auf den amerikanischen Kontinent verschleppten Personen. Zum Vergleich: In die USA waren es rund 400.000 afrikanische Personen im Zuge des transatlantischen Menschenhandels (gemäß der Website Slave Voyages). Bis 1888 war Brasilien tatsächlich komplett abhängig von Sklav*innenarbeit. Erst ganz gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann die kaiserliche Regierung, die brasilianische Gesellschaft „weißer“ zu machen – das sogenannte branqueamento –, welches die Einwanderung von Europäer*innen als bezahlte Arbeiter*innen förderte.

Wege aus der Ungleichheit

Zudem schuf das brasilianische Strafgesetzbuch von 1890 unmittelbar nach der Sklav*innenbefreiung Maßnahmen zur Kriminalisierung des Alltags Schwarzer Personen. Rassistische Ungleichheiten sind nicht alleiniges Erbe der Sklaverei, sondern das Ergebnis von ständigen politischen Maßnahmen zur Förderung dieser Ungleichheit, durch die Schwarze Personen entrechtet und kriminalisiert werden. Capoeira wurde ebenso kriminalisiert wie religiöse Ausdrucksformen afrikanischer Prägung oder jedwede Tätigkeit, die keine Arbeit war – etwa, sich auf der Straße aufzuhalten, bestimmte Formen des Tanzes oder volkstümlicher Gesang. All das war gesetzlich als „Herumtreiberei“ erfasst und somit als Vergehen gebrandmarkt.

Die ersten gesellschaftlichen Organisationen afrikanischer Personen auf brasilianischem Boden gehen bereits auf das Ende das 16. Jahrhunderts zurück: Quilombos, Siedlungen von Personen, die sich der Sklaverei entzogen hatten, gemeinsam mit Indigenen und armen Weißen. Das etwa ein Jahrhundert bestehende Quilombo Palmares ging als am längsten andauernde Siedlung dieser Art in die brasilianische Geschichte ein. Als Versuch einer sich alternativ zur Kolonie konstituierenden Gesellschaft, wie es die Historikerin Beatriz Nascimento ausdrückt, bildete Palmares einen wichtigen Bezugspunkt für die Erfahrung eines Lebens in Freiheit und Gemeinschaft. Für Beatriz Nascimento stellt diese afro-brasilianische Form gesellschaftlicher Organisation, in der sich afrikanische soziale, kulturelle und politische Bezüge mischen, auch noch im 21. Jahrhundert für die afro-brasilianische Bevölkerung ein wichtiges Erbe dar, nämlich die Lehre von der Möglichkeit einer eigenen Lebensweise.

Mit der Möglichkeit eines Erwerbs der Freiheit, wie sie die Gesetze der Kolonie und später des brasilianischen Kaiserreichs vorsahen, kam es zu einer eigenen wirtschaftlichen Betätigung von afrikanischen und afro-brasilianischen Frauen als sogenannte ganhadeiras, die Handel auf der Straße betrieben. Der Erwerb der eigenen Freiheit konnte Jahre, manchmal Jahrzehnte in Anspruch nehmen und war an weitere Bedingungen durch die  jeweilige Herrschaft geknüpft.

Fragiler Wert

Das Verständnis des Begriffs Freiheit war durchaus unterschiedlich konnotiert und bewegte sich auf unterschiedlichen Ebenen und gehorchte unterschiedlichen Faktoren und Bedingungen. Auch eine freigelassene Frau konnte unter bestimmten Umständen noch an die Gefangenschaft gefesselt sein, wenn ihre Kinder weiterhin versklavt waren. Ebenso konnte die Freiheit einer versklavten Person auf Kosten der Versklavung anderer erkauft werden. Der Tausch der eigenen Freiheit für den einer versklavten Person war ein von den Gesetzen des Kaiserreiches anerkanntes und nicht ungewöhnliches Verfahren.

Selbst nach dem „Gesetz des Freien Leibes“, das nach 1871 geborenen Kindern versklavter Frauen die Freiheit gewährte, konnte die Freiheit in der Praxis weiterhin eingeschränkt sein. Das Gesetz legte fest, dass das als „unbedarft“ bezeichnete freie Kind noch bis zum 21. Lebensjahr unter der Vormundschaft der ehemaligen Herren ihrer Mütter oder des Staates verblieb. Dies führte dazu, dass viele Schwarze Frauen vor Gericht gingen, um die Ausübung ihrer Mutterschaft und die Vormundschaft für ihre – auf dem Papier – freien Kinder zu fordern. Auch dies ist ein Beispiel der Beschränkungen, denen Freiheit im sklavistischen System unterliegt.

Aus der Sklaverei und der Zeit unmittelbar danach bleibt die Lehre, dass individuelle Freiheit fragil ist, wenn sie unter einem gesellschaftlichen und politischen System gelebt wird, das Bürgerrechte und Staatsbürgerlichkeit nicht für alle gewährleistet. 2020 ließ der Tod des US-Amerikaners George Floyd, der weder der erste noch der letzte Fall von Polizeigewalt in der Welt war, die Debatte um die Lebensbedingungen Schwarzer Menschen auf dem amerikanischen Kontinent nach dem Ende der Sklaverei wieder aufflammen. Sind Schwarze tatsächlich frei?

Freiheit als gesellschaftliche Grundlage

In Brasilien kommen fast dreimal so viele Schwarze durch Gewalt ums Leben wie weiße Personen, und die Statistik zeigt, dass fast 80 Prozent der durch Feuerwaffen getöteten Menschen Schwarz sind. In Salvador, der Landeshauptstadt des Bundesstaates Bahia mit einer zu 80 Prozent Schwarzen Bevölkerung, tötet die Polizei nach einer Erhebung der Netzwerks der Beobachtungsstellen von Sicherheitsbehörden (Rede de Observatórios da Segurança) ausschließlich Schwarze Personen. Auch die Lebensbedingungen von Frauen sind unterschiedlich. Daten des brasilianischen Gewaltatlas zeigen, dass Gewalt gegen weiße Frauen sogar abgenommen hat, während Gewalt und Tötungsdelikte an Schwarzen Frauen in den vergangenen Jahren in Brasilien eine Zunahme erfuhren. Genauso ist Brasilien das Land, in dem weltweit am meisten transsexuelle Personen getötet werden, die zu 82 Prozent trans-Schwarze Personen sind, wie ANTRA, die Nationale Vereinigung von Travestis und Transsexuellen, feststellt.

Daten, die auf die Kluft der Ungleichheit zwischen Schwarzen und Weißen im Land hinweisen, zeigen auch, dass sich diese während der Pandemie weiter verschärft hat. Die COVID-19-Toten waren mehrheitlich Schwarze. Es waren auch meist Kleinkinder unter zwei Jahren von Schwarzen oder Indigenen, die einer COVID-19-Erkrankung zum Opfer fielen.

Eins der deutlichsten Beispiele dafür, dass Brasilien noch weit entfernt davon ist, Freiheit mit Bürgerrechten und Demokratie zu verbinden, sind die kürzlich vermehrt bekannt gewordenen Fälle von Hausangestellt*innen, die aus sklavereiähnlichen Arbeitsverhältnissen befreit wurden. In den vergangenen Jahren häufen sich die Meldungen über Frauen, die Jahrzehnte in Gefangenschaft arbeiten mussten ohne das Recht auf Entlohnung oder anderen arbeitsrechtlichen Schutz. Diese noch immer nicht bis in die Wohnungen der brasilianischen Elite gelangte Freiheit fesselt das Land weiterhin an die Zeiten der Sklaverei.

Freiheit als Grundlage menschlicher Zivilgesellschaft und Demokratie hat in Brasilien noch einen weiten Weg vor sich. Doch so wie konservative Bereiche der Gesellschaft ihre Forderungen nach Einschränkung von Rechten immer wieder erneuern, passen auch die sozialen Bewegungen, die sich für die Gewährleistung dieser Rechte einsetzen, ihre politischen Forderungen den aktuellen Bedingungen Schwarzer Personen, indigener und weißer Frauen, LGBTQI+ und prekärer Gemeinschaften in den Städten und auf dem Land an. Sie fordern die Verwirklichung des Traums, den bereits ihre Vorfahren träumten: eine erkämpfte, staatsbürgerlich garantierte, demokratische und umfassende Freiheit für alle Personen in Brasilien.

Das könnte auch von Interesse sein

Failed to retrieve recommended articles. Please try again.