Biodiversität Verlust von Ökosystemen und Ausbruch von Krankheiten

Nach der rasanten Abholzung von Regenwald für Palmölplantagen wie hier auf Borneo wurde ein Anstieg an Malaria-Erkrankungen festgestellt. Foto (Detail): Zoonar | Georg A © picture alliance

Es gibt viele Anzeichen dafür, dass der Verlust von Biodiversität in Ökosystemen einen direkten Einfluss auf die Entstehung von Krankheiten wie COVID-19 haben könnte. Ein Teil der Lösung besteht darin, im Großen wie im Kleinen nachhaltige Praktiken zu erlernen und umzusetzen.

Wir Menschen zerstören in alarmierender Geschwindigkeit Ökosysteme. Mit dem Verlust der Biodiversität verlieren wir auch die sogenannten Ökosystemleistungen, d.h. die vielen Formen, in denen die Natur das menschliche Leben unterstützt. Dazu gehört die Verringerung der Luftverschmutzung, die Temperaturregulierung, die Filterung und Reinigung von Wasser und die Bestäubung von Pflanzen. Zusätzlich zum Verlust dieser Leistungen könnten die Abholzung von Wäldern oder die Verschmutzung der Meere weitere negative und direkte Auswirkungen auf das menschliche Leben haben, wie den Ausbruch von Infektionskrankheiten.

In den meisten Ökosystemen leben Viren, Bakterien, Pilze und Parasiten, die Krankheiten bei Menschen hervorrufen können. Das bedeutet aber nicht, dass natürliche Umgebungen zwingend Infektionsherde oder Risikoorte für Menschen sind Ganz im Gegenteil: Ein gesundes Ökosystem, beispielsweise ein Wald, der nicht einschneidend durch den Menschen verändert wurde, hat gegen die meisten dort lebenden Mikroorganismen „Abwehrkräfte” entwickelt. Ein Ökosystem mit großer Artenvielfalt ist widerstandsfähiger gegen die Auswirkungen mikrobieller Erreger, denn es ist wahrscheinlicher, dass einige Lebensformen des Ökosystems bereits Resistenzen gegen Krankheiten entwickelt haben. In einem gesunden Ökosystem folgt auf das Verschwinden einer resistenten Art eine neue, die ihren Platz einnimmt.  Was geschieht aber im gegenteiligen Fall, in einem nicht gesunden, degradierten oder zerstörten Ökosystem?

Wenn ein Ökosystem nicht gesund ist, sei es durch den Verlust von Biodiversität, den Verlust von Lebensraum, Veränderung der Bodennutzung, Verschmutzung oder durch die Invasion exotischer Arten, dann sind diese Biotope und die darin lebenden Arten vermutlich anfälliger für Krankheitserreger.

Mehr als zwei Millionen Menschen an zoonotischen Krankheiten gestorben

Der Ausbruch von Krankheiten gehört zur Geschichte der Menschheit. Doch mir kommt es so vor, als gäbe es immer mehr für den Menschen gefährliche Erreger, die zu immer häufiger auftretenden Krankheiten führen.  Diese Wahrnehmung hat einige Wissenschaftler*innen wie Kate Jones vom University College London oder Andrew P. Dobson von der Princeton University zu der Hypothese veranlasst, dass es einen Zusammenhang zwischen der Zerstörung von Ökosystemen und deren Artenvielfalt und neu auftretenden Krankheitserregern geben könnte.

Teams aus Tierärzt*innen, Naturschutzbiolog*innen und Ökolog*innen versuchen, den Zusammenhang zwischen der landwirtschaftlichen Nutzung der Natur durch den Menschen und dem Auftreten von Infektionskrankheiten zu verstehen. So hat beispielswiese die EcoHealth Alliance mehrere Projekte entwickelt, um das Auftreten von Infektionskrankheiten unter dem Gesichtspunkt des Naturschutzes in zentralen Ökosystemen zu verhindern. Während des „Predict“-Projektes wurden rund 140.000 Proben von Wildtierarten in Bangladesch, der Elfenbeinküste, der Demokratischen Republi Kongo, China, Ägypten, Indien, Indonesien, Jordanien, Liberia, Malaysia und Thailand, die als hochgefährdet gelten, gesammelt, um eine Datenbank von Viren zu erstellen, mit der Absicht, dass diese im Falle einer Infektion des Menschen schneller identifiziert werden können. Ein weiteres Projekt widmet sich der Untersuchung von Ökosystemen aus der Perspektive des Wildtier- und Wildpflanzenschutzes, um zu verhindern, dass mikrobielle Erreger durch Wirte, wie den Menschen, die Wälder verlassen und nahe gelegene Wohnsiedlungen erreichen und damit möglicherweise die nächste Pandemie auslösen.

Malaria, Zika, Dengue, Chikungunya und Gelbfieber sind durch Mücken übertragene Krankheiten, deren Auftreten in insbesondere subtropischen Regionen mit Abholzung des Waldes in Verbindung gebracht wurden. Frisch abgeholzte Gebiete bieten mit ihrer Kombination aus   Sonnenlicht, Wasser und warmen Temperaturen die ideale Brutstätte für krankheitsübertragende Moskitos. Dies wiederum gefährdet die in der Nähe lebende Bevölkerung. So ergab eine Studie aus dem Jahr 2009, dass sich durch die Abholzung der Wälder im peruanischen Amazonasgebiet und die damit verbundenen ökologischen Belastungen Anopheles darlingi-Larven – den Wirten des Malaria-Erregers – ansiedeln, wodurch sich das Malariarisiko für die Bevölkerung in der Region erhöht. Auch auf der Insel Borneo wurde nach schneller Abholzung für Palmölplantagen ein starker Anstieg von Malaria-Fällen registriert.  

Außerdem hat das International Livestock Research Institute bereits 2012 berichtet, dass mehr als zwei Millionen Menschen auf der Welt an zoonotischen Krankheiten gestorben sind, d.h. an solchen, die von Tieren auf Menschen übertragen werden, wie zum Beispiel AIDS, Ebola und der Nipah-Virus.

Auch Covid-19 von Tier übertragen?

HIV überwand zum Beispiel die Artengrenze, als es sich von Schimpansen auf den Menschen übertrug. Die gängigste Theorie besagt, dass Jäger das Virus bekamen, nachdem sie Primaten getötet und ihr Fleisch gegessen hatten. Den Erreger HIV, der potentiell die Immundefekterkrankung Aids auslösen kann, tragen zum gegenwärtigen Zeitpunkt weltweit circa 38 Millionen Menschen in sich. Ebola könnte auch durch engen Kontakt mit Organen, Blut und Sekreten infizierter Tiere, zum Beispiel Fruchtfledermäuse, Schimpansen, Gorillas, Affen, Antilopen oder Stachelschweine auf die menschliche Bevölkerung übertragen worden sein. Das Nipah-Virus, welches häufig eine Gehirnhautentzündung auslöst, wurde erstmals 1999 in Malaysia isoliert. Es wird angenommen, dass es von Fruchtfledermäusen auf Nutzschweine und anschließend von Schweinen auf Menschen übertragen wurde.

Wie Menschen erstmals mit dem neuartigen Coronavirus SARS-COV2, welches die Krankheit COVID-19 hervorruft, infiziert wurden, wissen die Wissenschaftler*innen noch nicht. Studien gelangen zu zwei Haupttheorien zur Herkunft des Virus. Die eine besagt, dass es durch einen tierischen Zwischenwirt von Fledermäusen auf den Menschen übertragen wurde, da es keine dokumentierten Fälle einer direkten Übertragung von der Fledermaus auf den Menschen gibt. Der zweiten Theorie zufolge wurde das Virus direkt auf den Menschen übertragen, befand sich eine Zeitlang unter Menschen ohne aufzufallen und entwickelte sich schließlich zu seiner derzeitigen pathogenen Form, innerhalb derer es weiter mutiert. Laut dieser Theorie könnte das Coronavirus von einem Schuppentier auf einen Menschen übertragen worden sein.

Wir sind für ein gesundes Ökosystem verantwortlich

Die vorgestellten Beispiele sollen vergegenwärtigen, dass das Auftreten von Krankheiten durch mikrobielle Erreger dadurch begünstigt worden sein könnten, wie die Menschen mit der Natur umgehen und die daraus hervorgehenden Umweltprobleme. Obwohl diesein der wissenschaftlichen Gemeinschaft noch umstritten ist, weisen die genannten Forschungen auf einen Zusammenhang hin. Das auslaugende und ausbeuterische Modell der natürlichen Ressourcen, einschließlich Urbanisierung, Bergbau, Abholzung, landwirtschaftliche Entwicklung und Wildtierhandel, hat zum Verlust der biologischen Vielfalt und in seiner Konsequenz zum jetzt in dieser Form auftretenden Klimawandel geführt.

Die Lösung besteht nicht einfach darin, Ökosysteme intakt und ohne Menschen zu erhalten, denn das ist unmöglich. Eine Antwort auf die wachsenden Umweltprobleme, die uns in immer größerem Ausmaß treffen, besteht darin, im Groβen und im Kleinen anwendbare nachhaltige Praktiken zu erlernen und umzusetzen. Es ist wichtig zu verstehen, dass eine direkte Verbindung zwischen der Gesundheit von Ökosystemen und der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Menschen besteht. Wir sind dafür verantwortlich den Planeten gesund zu halten, um unser Überleben und das aller anderen Arten zu sichern.  

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