Agrarökologische Praktiken Eine neue Art zu Leben

Daniel, ein Mitglied der FPDT, gräbt die Erde um, die für den Damm gebraucht wird. Foto (Detail): © Brenda Anayatzin Ortiz

Atenco ist eine Gemeinde, deren Geschichte von der Trockenlegung des mexikanischen Zentrallands geprägt ist. Heute steht sie für den Schutz des Wassers, der Landwirtschaft und des Lebens in allen seinen Ausprägungen. Dies ist ein Rundgang der Organisation „Volksfront zur Verteidigung der Erde“, bei dem wir mehr über die agrarökologischen Praktiken in diesem Landstrich lernen können. 

Es dämmert. Wir erreichen San Salvador Atenco im Nordosten des Bundesstaates Estado de México, wo wir uns mit César del Valle treffen, Anführer der Volksfront zur Verteidigung der Erde (Frente de Pueblos en Defensa de la Tierra). Die Volksfront ist eine Organisation von Landwirten, die sich vor etwa 20 Jahren zusammengetan haben, um sich gegen die Enteignungen zu wehren, die im Rahmen eines ihnen aufgezwungenen Flughafenprojekts und den nachfolgenden Baumaßnahmen stattfanden. Im Laufe des Tages wollen wir herausfinden, in welchem Zusammenhang Widerstand und Ernährungssouveränität zu den sozio-ökonomischen Problematiken Mexiko-Stadts stehen, der großen Nachbarin des Regierungsbezirks. Außerdem möchten wir die agrarökologischen Praktiken kennenlernen, welche die Gemeinden in dieser Gegend zum Inbegriff einer Strategie zur Verteidigung des Lebens an sich gemacht haben.    

Alles beginnt und endet im Hinterhof

Wir parken vor dem Haus von Césars Eltern, Ignacio und Trinidad. Sie sind Mitbegründer*innen dieser Bewegung und äußerst großzügige Gastgeber*innen. Wir betreten das Haus und gehen sofort weiter, hinaus in den Hof, wo César bereits auf uns wartet. Die Kochplatte wird erhitzt, der Frühstückstisch gedeckt.

Über dem Hof erstreckt sich der Morgenhimmel, der langsam aufhellt. Im Zentrum steht ein Gewächshaus, in dem Gemüse angebaut wird und Samenkörner aufbewahrt werden, die sich im Laufe mehrerer Erntezyklen an die vorherrschenden Bedingungen angepasst haben. Die Eier aus dem Hühnerstall stillen den ersten Hunger, daneben stehen ein paar Milchziegen. In einem der Beete wachsen Heilkräuter: ein Zitronenstrauch, Lavendel, Mexikanische Heckenkirsche und Rautengewächse. Es gibt Limetten, Cedrat und Pflaumenbäume. In der Wärme der aufgetürmten Komposthaufen tummeln sich mikroskopische Lebensformen. Die Frühstücksgäste, Lehramtsstudierende der Escuela Normal in Hidalgo, bringen Krüge, Gläser und verschiedene Gerichte herbei. Hier entfaltet sich ein ländlicher Mikrokosmos, der sich außerhalb des Hofes über die gesamte Region erstreckt: Himmel, Erde, Pilze, Bakterien, Pflanzen, Tiere und menschliches Leben verbinden sich zu einem Geflecht, das auf Gegenseitigkeit beruht.              
 
  • O amanhecer ilumina a estufa no quintal da família Del Valle, onde César, líder da Frente Popular em Defesa da Terra (FPDT), nos mostra alguns frutos. © Brenda Anayatzin Ortiz
    O amanhecer ilumina a estufa no quintal da família Del Valle, onde César, líder da Frente Popular em Defesa da Terra (FPDT), nos mostra alguns frutos.
  • César del Valle nos explica o papel que as sementes nativas desempenham no projeto agroecológico que ele desenvolve em Atenco. © Brenda Anayatzin Ortiz
    César del Valle nos explica o papel que as sementes nativas desempenham no projeto agroecológico que ele desenvolve em Atenco.
  • Amarrados, os tomates amadurecem sob o sol de Atenco. © Brenda Anayatzin Ortiz
    Amarrados, os tomates amadurecem sob o sol de Atenco.
  • Part of the energy and food chain, the family’s chickens provide their eggs free of hormones and other substances used by the poultry industry. © Brenda Anayatzin Ortiz
    Part of the energy and food chain, the family’s chickens provide their eggs free of hormones and other substances used by the poultry industry.
  • The ideas, practices and efforts involved in this agroecological initiative are embodied in a plate of food. © Brenda Anayatzin Ortiz
    The ideas, practices and efforts involved in this agroecological initiative are embodied in a plate of food.
  • César del Valle points to the location of the spot called El Paríso (“Paradise”). The perimeter fence of the New International Airport of Mexico is seen in the background. © Brenda Anayatzin Ortiz
    César del Valle points to the location of the spot called El Paríso (“Paradise”). The perimeter fence of the New International Airport of Mexico is seen in the background.
César überreicht uns eine Handvoll Samenkörner: violetter Mais, Rettich, Tomaten, Salat, Möhren. Diese Samen, so sagt er, werden ausgesäht, behütet, genährt und geerntet und sind damit die Lebensgrundlage der Region. Die Nahrungsmittelproduktion richte sich nach der Größe der Hinterhöfe und der Parzellen sowie der Entfernung zwischen den Dörfern. Nicht bedient werde die Nachfrage der großen Märkte, die Hunderte Kilometer entfernt sind. Die agrarökologischen Praktiken, die wir erlernen möchten, beruhen laut César nicht unbedingt auf der landwirtschaftlichen Produktion mittels pflanzlichen Düngers und dem gleichzeitigen Anbau von Kulturen, was als Alternative zur Monokultur und der Verwendung von chemisch-synthetischen Mitteln gilt. Wenn es nämlich dabei allein um die Produktion gehe, so stellt er heraus, so könnten auch diese Praktiken einen enormen Energieverbrauch nach sich ziehen, der mit dem der Agrarindustrie vergleichbar sei.

In Atenco hingegen – und in einigen wenigen anderen Gegenden Mexikos – experimientiert man mit anderen Anbautechniken, deren Schwerpunkt darin liegt, eine Landschaft in all ihren Dimensionen und in ihrer Beziehung zu anderen Lebensformen zu sehen: ein Boden mit ganz bestimmten Eigenschaften, die anliegenden Siedlungen, der Nahrungsbedarf, einzigartige Bewässerungsbedingungen und aktuelle Konflikte, denen man entsprechend begegnen muss.

Magen und Herz sind voll, als wir das Haus verlassen und uns auf die Felder begeben.

Arbeiten am See Xalapango: Die Stadt ergießt sich über die Felder

Allmählich wird die Luft von der aufgehenden Sonne erwärmt. Außerhalb von San Salvador Atenco wird die Landstraße von Feldern gesäumt. Der Mais wächst bis zu drei Meter in die Höhe. Die Pflanze biegen, wiegen und vereinen sich im Wind. Die Flüsse wurden in Betonkanäle umgeleitet und fließen nun parallel zur Straße. Als wir uns unseren Weg weiter durch die Felder bahnen, sehen wir von Weitem eine riesige Mauer aus Stahlbeton, die eine Barriere zu den teils unter Wasser stehenden Gebiete des Texcoco-Sees darstellt.

Die Mauer umgrenzt das Gebiet des Neuen Internationalen Flughafens (NAIM). Eine der ersten Amtshandlungen des derzeit regierenden Präsidenten Andrés Manuel López Obrador war es, das Bauvorhaben 2018 nach einer Volksabstimmung zu stoppen. Die Absperrung zeichnet eine scharfe Linie in den Horizont und unterbricht den Fluss der Autos, die sich wie wir ihren Weg über den Grund eines Sees bahnen, der seit Jahrzehnten als ausgetrocknet gilt.

Bald stellen wir allerdings fest, dass der See sehr wohl existiert, wenn auch in anderer Form, und dass er dank der Aktionen der Bewohner rund um seine Ufer auch weiterhin überdauern wird. César erinnert uns an die Bedeutung des Namens „Atenco“ in Nahuatl: „am Rande des Wassers“.
  • Die Geräuschkulisse der Seenlandschaft ist von Vögeln und Moskitos geprägt. © Brenda Anayatzin Ortiz
    Die Geräuschkulisse der Seenlandschaft ist von Vögeln und Moskitos geprägt.
  • Nur wenige Meter vor der Mauer füllt sich das Flussbett wieder mit Wasser. © Brenda Anayatzin Ortiz
    Nur wenige Meter vor der Mauer füllt sich das Flussbett wieder mit Wasser.
  • Daniel, ein Mitglieder der FPDT, betrachtet das Land und die Wasserlandschaften an den Ufern des Flusses Papalotla. © Brenda Anayatzin Ortiz
    Daniel, ein Mitglieder der FPDT, betrachtet das Land und die Wasserlandschaften an den Ufern des Flusses Papalotla.
  • Tonhaltige Erde voller Mineralstoffe. © Brenda Anayatzin Ortiz
    Tonhaltige Erde voller Mineralstoffe.
  • Im Gebiet rund um Atenco regeneriert sich die Gewässerlandschaft. © Brenda Anayatzin Ortiz
    Im Gebiet rund um Atenco regeneriert sich die Gewässerlandschaft.
  • César del Valle und Daniel tragen eine Plane, die für die Konstruktion des Dammes gebraucht wird. © Brenda Anayatzin Ortiz
    César del Valle und Daniel tragen eine Plane, die für die Konstruktion des Dammes gebraucht wird.
Trotz der Unterbrechung der Bauarbeiten hat das Flughafenprojekt (in seinen verschiedenen Ausprägungsformen) schon seit zwanzig Jahren tiefe Spuren in der Seenlandschaft von Texcoco hinterlassen. Diese Landschaft setzt sich nicht nur aus der ausgedehnten Mulde zusammen, die früher mit Wasser gefüllt war, sondern beinhaltet auch das gesamte
Gewässersystem und die ökologischen Besonderheiten, die die vorherrschenden Landschaftsformationen überhaupt erst ermöglichen: die Berge, Abhänge, fruchtbaren Uferregionen und all die Lebewesen, die dort ihr Zuhause finden. Der See ist von entscheidender Bedeutung für die Erhaltung der Lebensweisen in der Region und der angrenzenden Metropole.
   
Die Mauer, die asphaltierten Flächen und Landebahnen behindern die temporäre Überflutung des Landes durch Wassermassen aus den Flüssen Papalotla, Xalapango und Coxcacoaco, die aus den höheren Gebieten in Tepetlaoxtoc abfließen. Das Wasser ist mit Mineralien aus dem Flussbett angereichert, die den Boden auf den Feldern fruchtbarer machen und sich dann in Seen, Tümpeln und Sümpfen absetzen. Gewässerlandschaften wie Texcoco Norte, Xalapango oder das Sumpfgebiet von San Juan bieten ein Mikroklima, das das Bestehen der regionalen Landwirtschaft ermöglicht. Sie vermindern die Luftverschmutzung und stellen einen Lebensraum für verschiedene Vogelarten, Wassertiere und Pflanzen.

Vonseiten des Bundesstaates Hidalgo wird diese Gegend aber systematisch trockengelegt, um die verlassenen Ruinen des Bauprojekts nicht zu gefährden.

Anhand des Flughafens und anderer Bauvorhaben, die Immobilienspekulationen, Enteignungen, Trinkwasserableitung und die Entstehung von Steinbrüchen zur Folge haben – an dieser Stelle sei bemerkt, dass rund um Texcoco bereits über 60 illegale Minen gemeldet wurden, die sich bis zu 50 Meter tief in die Berghänge graben – hat sich Mexiko-Stadt wie eine Art Ölfleck über die Felder ausgebreitet. Das System zur Ableitung der Flüsse verstärkt diesen Effekt, denn die benötigten Seen können so kaum noch entstehen. Was aber, fragen wir uns, würde geschehen, wenn die Felder sich über die Stadt ausbreiteten?

Wir erreichen den See Xalapango, wo uns bereits weitere Mitglieder der FPDT erwarten. Mittels einer von vielen gemeinschaftlich von den Einwohnern der Dörfer Atenco, Nexquipayac und Tepetlaoxtoc organisierten Aktionen werden sie versuchen, das Wasser des unteren Flussverlaufs zu stauen und damit den Äckern und Ökosystemen der Region neues Leben einzuhauchen. Wir füllen Sandsäcke und schichten sie auf. Der so entstehende Damm soll die Wassermassen zurückhalten und in eine andere Richtung ableiten, damit sie in der Umgebung bleiben.

Jetzt, da wir uns dieser Aktion anschließen und das Gewicht der Erde zusammenschaufeln, in Säcke packen und es auf unseren Rücken von einem Ort zum anderen bewegen, begreifen wir, dass zu dem Konzept der Ernährungssouveränität viel mehr gehört als nur der Weg vom Feld zum Esstisch: man muss immer verschiedene Regionen, Wasserläufe und Lebensformen in Betracht ziehen. Es ist keine leichte Aufgabe, die Bewässerung der Felder und die ideale Bodenfeuchte für die agrarökologischen Anbautechniken zu gewährleisten. Allmählich verstehen wir, dass Stadt und Land nicht einfach nur Orte  sind, sondern vielmehr verschiedene – sich manchmal überschneidende – Beziehungsformen zwischen einer Region und den dort vorherrschenden Lebensbedingungen.  

Der Ackerboden lebt

Es ist bereits später Nachmittag. In der Nähe des Sees sehen wir die Felder der Familie Del Valle, wo sich die Samenkörner des violetten Maises bereits zu ausgewachsenen Pflanzen entwickelt haben. Die Maiskolben sind durch die Blätter hindurch sichtbar. Wir bewegen uns durch die Ackerfurchen, immer darauf bedacht, nicht auf die dort wachsendenen Gräser und Kräuter zu treten.  
  • Mitglieder der FPDT, Lehramtsstudierende und Freunde der Volksfront füllen Sandsäcke.  © Brenda Anayatzin Ortiz
    Mitglieder der FPDT, Lehramtsstudierende und Freunde der Volksfront füllen Sandsäcke.
  • Das Feld der Familie del Valle hebt sich aufgrund der dort angebauten nationalen Maissorten deutlich von den angrenzenden Parzellen ab.  © Brenda Anayatzin Ortiz
    Das Feld der Familie del Valle hebt sich aufgrund der dort angebauten nationalen Maissorten deutlich von den angrenzenden Parzellen ab.
  • Der violette Maiskolben ist durch die Blätter hindurch sichtbar. © Brenda Anayatzin Ortiz
    Der violette Maiskolben ist durch die Blätter hindurch sichtbar.
  • Auf dem Feld entdecken wir weiße Schmetterlinge und andere Bestäuber. © Brenda Anayatzin Ortiz
    Auf dem Feld entdecken wir weiße Schmetterlinge und andere Bestäuber.
  • Am Nachmittag werden wir von Nieves Rodríguez fürstlich bewirtet. Es gibt Huauzontle-Samen im Eiermantel mit Wasserfliegen-Eiern, oft als Mexikanischer Kaviar bezeichnet, und Mole. © Brenda Anayatzin Ortiz
    Am Nachmittag werden wir von Nieves Rodríguez fürstlich bewirtet. Es gibt Huauzontle-Samen im Eiermantel mit Wasserfliegen-Eiern, oft als Mexikanischer Kaviar bezeichnet, und Mole.
Dank verschiedener, von César und seiner Familie eingesetzten Techniken hat sich die salpeterhaltige Erde dieser Felder im Laufe der Jahre allmählich in fruchtbaren Boden verwandelt. Sie haben sich das nährstoffreiche Wasser der Flüsse zunutze gemacht, Unkraut gezielt zwischen die Pflanzen gesetzt, den Kot aus dem hauseigenen Stall als Dünger verwendet und Melasse, Panela, Honig oder Asche eingesetzt, um die Wurzeln zu stärken. Diese Techniken werden weitergegeben, angepasst und verfeinert, je nachdem, ob der Ackerboden mit gesünderen Pflanzen, größeren Früchten und nährstoffreicherer Nahrung reagiert. Sie werden mit anderen Dörfern geteilt, schreiben sich ein in die Falten der Hände und der Erde. Dieses Wissen verbindet sich mit dem der Küchen und Baustellen und den Kenntnissen, die aus der Wiederherstellung von Ökosystemen und im sozialen Widerstand entstehen. Auch die Vermehrung von Mikroorganismen trägt zu diesem Austausch bei: Actinobakterien, Hefepilze und Mycorrhiza (Pilzwurzeln) versorgen die Erde mit Kalium, Phosphor und Stickstoff.

So gesehen ist die Agrarökologie also nichts Neues und kein von Menschen erdachter Prozess. Es handelt sich vielmehr um eine Art zu leben, bei der beständig zwischen verschiedenen Spezies verhandelt wird, holistische Praktiken eingesetzt und die Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft gestärkt werden. Die traditionellen Kenntnisse müssen bewahrt und mit neuen vermengt werden, die durch die Ausbreitung der Städte, die Umweltzerstörung und die Minenaktivitäten gewonnen werden, welche den Bewohnern von ländlicheren Gegenden das Leben schwer machen. 
       
Bevor wir den Rückweg in die überladene Großstadt antreten, wühlen sich unsere Finger in die feuchte Erde voller mikrobiologischer Lebensformen. Während wir den Sonnenuntergang betrachten, danken wir César für diesen langen Tag in Atenco. Zum Abschied pflücken wir ein Radieschen, das wie der Abendhimmel leuchtet. In der Stadt, in der die Supermärkte nur so aus dem Boden sprießen, schmecken es ganz anders.

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