Christen in der Corona-Krise  Pavel Kollár: „Wir können versuchen, uns mit uns selbst zu treffen“

Pavel Kollár Foto: © privat

Wie lebt ein evangelischer Dorfpfarrer in Zeiten des Coronavirus?

Mein alltägliches Leben mit der angeordneten sozialen Distanzierung hat sich nicht sehr verändert. Wie auch zuvor begegnen mir Menschen auf der Straße, wie zuvor bleiben wir stehen und reden kurz miteinander, auch wenn es so ist, dass das Thema jetzt ein anderes ist. Vorher hatte jeder seine eigenen Sorgen oder irgendeine wichtige Angelegenheit, jetzt ist das Coronavirus Thema Nummer eins. Und so erzählt jeder das, was er von jemand anderem gehört hat oder was er selbst dazu denkt, man redet davon, wie man diese Zeit erlebt. Man stellt sich die Frage, was das zu bedeuten hat, was vor sich geht und wie und wann es vorbei sein wird. Und ich höre zu.

Inwiefern hat sich Ihre Arbeit jetzt verändert?

Der Unterschied ist, dass ich jetzt keinen Religionsunterricht gebe und auch keine Gottesdienste halte. Ich habe also mehr Zeit zum Lesen, Beten, für eigene Studien und auch dafür, nach Möglichkeiten zu suchen, das zu kommunizieren, wofür ich hier bin. Zudem habe ich tagsüber Zeit, wenn ich mit denjenigen, mit denen ich das Wort Gottes teile, telefonisch oder per E-Mail kommuniziere. Und so hat mir auch eine Schwester eine ganz einfache Frage gestellt: Was werden Sie tun?

Und was haben Sie ihr geantwortet?

Ich weiß nicht mehr genau, was ich ihr damals geantwortet habe, aber jetzt weiß ich, was ich tun werde. Es ist mir ganz klar. Ich werde das tun, was ich bisher auch getan habe oder mich bemüht habe, zu tun: Das Evangelium verkünden, die frohe Botschaft eines liebenden und guten Gottes kundtun. Das Evangelium verändert sich nicht durch die äußeren Umstände. Auch nicht in Zeiten sozialer Distanzierung. Meine Berufung nehme ich wie einen Dienst wahr. Das, was ich mache, hängt gar nicht so sehr von der Umgebung ab, in der ich tätig bin. Und so erarbeiten wir jetzt für unsere Brüder und Schwestern Besinnungstexte, die ich vervielfältige und persönlich zustelle, damit ich auch so mit ihnen in Kontakt bin.

Was denken Sie über Gläubige, die die Bedrohung durch das Coronavirus nicht ernst nehmen?

Ich habe nicht das Gefühl, dass die Gläubigen in meinem Umfeld zu denen gehören, die die Situation auf die leichte Schulter nehmen und Empfehlungen ignorieren. Der Glaube an Gott ist kein Antibiotikum oder Medikament gegen irgendeine Krankheit. Ich distanziere mich von Behauptungen, dass Jesus im Grunde genommen physische Gebrechen heilt, dass er gar nicht anders kann und dazu eigentlich da ist. Das scheint mir doch eine sehr starke Einschränkung Gottes zu sein, wie ein großes Missverständnis.

Vielleicht ist das Ganze für manche eine Gelegenheit, ihren unerschütterlichen Glauben zu präsentieren, eine Haltung im Sinne von „Ich habe vor nichts Angst, wozu sollte ich mich an die Empfehlungen halten, Jesus, mein Doktor, hilft mir, wenn ich krank werde, er heilt mich.“ Das ist unerschütterlicher Glaube, aber an was und an wen? Das erinnert mich an eine der Versuchungen Jesu in der Wüste, die im Matthäus-Evangelium beschrieben wird. Als der Teufel zu ihm sagt: „Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich vom Tempel hinab, denn Gott befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt“, antwortet Jesus: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“

Ich respektiere das Wissen von Ärzten und Experten und halte mich an deren Empfehlungen, da ich davon überzeugt bin, dass diese während der Ausbreitung Virus richtig und kompetent sind.

Viele weltliche Intellektuelle sagen, dass das Ende der Welt, wie wir sie kennen, gekommen ist. Es werden Begriff wie Neustart oder neuer Anfang erwähnt. Sehen Sie in der Coronakrise auch irgendeine Chance für das Christentum?

Den Begriff Neustart kenne ich. Manchmal empfiehlt mein Computer mir das. Ein Neustart dient angeblich zur Behebung von Fehlern im Betriebssystem. Es können jedoch nur Fehler behoben werden, die noch nicht dauerhaft geworden sind. Die, die fest im System verankert sind, lassen sich nicht mehr beseitigen. Wenn Fehler dauerhaft sind, hilft ein Neustart nicht. Das System funktioniert nach dem Neustart vielleicht für eine Weile, aber weitere Probleme sind bereits abzusehen.

Wenn ich die jetzige Pandemie-Situation irgendwie interpretieren sollte, also was sie in der Beziehung zu Gott bedeutet, wie ich das wahrnehme, würde ich sagen, dass Gott uns auf unserem Weg gestört, für eine Weile aufgehalten hat, und es wurde uns gezeigt, dass nichts selbstverständlich ist. Dass wir nichts in der Hand haben, auch wenn wir immer so tun. Dass wir uns nicht in einer Sicherheit wiegen sollten, in der es unser einziges sinnvolles Ziel ist, unseren eigenen Plänen nachzugehen. Aber die Tatsache, dass uns all dies verdeutlicht wurde und wir diese Störung spüren und sie uns betrifft, das muss noch nichts heißen.

Dadurch muss sich noch gar nichts ändern. Denn das einzige, was die Mehrheit tut und worauf sie wartet, ist die Rückkehr zur Normalität, das heißt dorthin, wo wir vorher waren. Aber die Unterbrechung unseres Weges hat uns auch unsere Ratlosigkeit verdeutlicht. Wir haben mehr Zeit, wir können versuchen, uns mit uns selbst zu treffen – wenn wir es mit uns selbst wenigstens eine Weile aushalten. Versuchen können wir es, möglicherweise führt es zu interessanten Entscheidungen.
 

Pavel Kollár ist evangelischer Gemeindepfarrer der Kirchgemeinde Veľký Grob – Čataj.

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