Inklusion ohne Grenzen   3 min Inklusion ist …(un)praktisch?

Erwachsene und Kinder üben Tanz in einem Tanzstudio vor einem Spiegel. Ein Mann sitzt im Rollstuhl.
Aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen mit dem Erlernen und Aufführen von Tanz als Mensch mit Behinderung begann Ancy Alexander, Workshops für andere Menschen mit Behinderung unter dem Titel „Du denkst also, ich kann nicht tanzen?“ anzubieten. © Ancy Alexander

In einer Zeit, in der der Schein mehr zählt als der Sein, ist Inklusion eher ein Trend als eine gelebte Verpflichtung geworden. Menschen mit Behinderungen, die vermeintlich in diesen Kreisen willkommen sind, fragen sich, ob Inklusion wirklich mehr als nur leere Worte sind. Ancy Alexander untersucht, was es bedeutet, in einem Umfeld zu sein, das sich selbst als inklusiv bezeichnet, während es Menschen mit Behinderungen systematisch ausgrenzt.

Laut Weltgesundheitsorganisation (Stand März 2023) leben schätzungsweise 1,3 Milliarden Menschen weltweit mit einer schweren Behinderung. Ich möchte diese Zahl kurz erwähnen und später darauf zurückkommen.

Ich war etwas über vier Jahre alt, als bei mir eine partielle Zerebralparese diagnostiziert wurde. Die Erkrankung beeinträchtigte meinen Gang und mein Gleichgewicht. Für eine indische Familie der Mittelschicht, die Ende der 80er-Jahre in den Vereinigten Arabischen Emiraten lebte, fühlte sich das wie ein grausames Urteil an – eine körperlich behinderte Tochter.

Meinen Eltern wurde gesagt, dass man die Erkrankung kaum heilen könne. Man könne lediglich verhindern, dass sie sich durch regelmäßige Physiotherapie und körperliche Aktivitäten wie Schwimmen und Tanzen verschlimmert. So wurde mir Tanzen verschrieben – meine Eltern (und ich) ahnten damals noch nicht, dass es mich mein Leben lang begleiten würde.

Tanzen in Scham

Mit etwas über sechs Jahren begann ich meine Ausbildung bei dem weisen Guru (Sanskrit für Mentor, Meister), Melattur Sri S. Natarajan. Als Kind hasste ich es, vor meinen Klassenkameraden zum Tanzunterricht zu erscheinen, um mich zusätzlich aufzuwärmen. Ich hasste es, immer wieder dieselben Schritte zu üben. Ich hasste es, zu Hause zu üben, worauf meine Mutter aber achtete.

Ich wiederhole: hasste es, denn heute, als Tänzerin, Choreografin und Kursleiterin für kreative Bewegung, weiß ich, dass es ein Luxus ist, so etwas zu hassen. Alles, was ich zwischen sechs und zehn Jahren als langweilig und frustrierend empfand, ist etwas, das viele Menschen mit Behinderungen gar nicht erst kennenlernen.
 
Lange bevor Inklusion zum Trend wurde, lernte ich Tanz und Leben von einem Lehrer, der den Fokus auf die Möglichkeiten von beharrlichem Training legte, anstatt mich ins Abseits zu drängen. Was ich in diesem jungen Alter verinnerlichte – dass Anwesenheit, Training und Übung unerlässlich sind – sollte später die Grundlage meines heutigen Engagements für Inklusion bilden.

Als ich in der Schule Interesse bekundete, der Tanzgruppe beizutreten, hieß es: „Verschwende nicht deine Zeit.“ In den 90er-Jahren waren Regelschulen kein Ort für Schüler*innen mit körperlicher Behinderung, die ihr Talent entdecken wollten. Damals wurden Schulen in den VAE weder für die Aufnahme von Schüler*innen mit Behinderungen ausgezeichnet noch dafür gewürdigt, geschweige denn für deren außerschulische Förderung.

Inklusion...überall

Inklusion ist heute allgegenwärtig und unübersehbar. Angesichts der steigenden Zahl von Menschen mit Behinderungen möchten Regelschulen und Universitäten als bevorzugte Einrichtungen für Studierende mit unterschiedlichen Behinderungen wahrgenommen werden. Bis Anfang der 2000er-Jahre wurden Studierende mit Behinderung nur dann aufgenommen, wenn sie den akademischen Anforderungen gerecht werden konnten. Ohne eine Assistenzlehrkraft, die sich viele Familien nicht leisten konnten, mussten die Studierenden selbstständig zurechtkommen und möglichst wenig „Störung“ verursachen.

Heute sieht die Welt ganz anders aus: Bildungseinrichtungen bezeichnen sich stolz als inklusive Lernumgebungen für neurodivergente und körperlich beeinträchtigte Studierende. Sie riskieren sogar Kritik, wenn sie Studierende aus der Gruppe der Menschen mit Behinderungen ablehnen.

Dieser Wandel ist maßgeblich dem Engagement von Eltern zu verdanken, die jahrelang gegen bestehende Strukturen ankämpften und mit Geduld und Beharrlichkeit bewiesen, dass ihr Kind mit Behinderung, auch ohne außergewöhnlichen IQ, einen Platz im Klassenzimmer verdient.

In den letzten Jahren habe ich als Dozentin für Kommunikationswissenschaften an Universitäten in den VAE erfreulicherweise vor jedem Semester Listen mit Studierenden mit Behinderungen erhalten. Viele Hochschulen haben mittlerweile auch spezialisierte Abteilungen für diese Studierenden eingerichtet.

Viele dieser Institutionen übersehen jedoch einen wichtigen Aspekt: Lehrkräfte mit Behinderung. Eine inklusive Schule oder Universität macht sich gut auf einem Prospekt oder einer Website. Aber was ist mit den Lehrkräften, die sich in früheren Systemen und Arbeitsumgebungen behaupten mussten, lange bevor Inklusion zum Schlagwort wurde?

Nur weil wir diese Systeme überlebt haben, wird von uns erwartet, dass wir weiterhin „überdurchschnittlich“ sind und dabei die institutionellen Abläufe so wenig wie möglich beeinträchtigen?

Viele Menschen mit Behinderung geben zwar an, keine Anpassungen zu benötigen, aber ist das eine Ausrede, um einfache Dinge wie barrierefreie Parkplätze, regelmäßige Gespräche oder die Frage nach Verbesserungsmöglichkeiten zu verweigern? Wahre Inklusion

Während Inklusion in Bildung und Wirtschaft der VAE immer wichtiger wird, verzichten viele neurodivergente und körperlich beeinträchtigte Menschen darauf, Unterstützung in Anspruch zu nehmen – aus Angst, als weniger kompetent oder lästig zu gelten. Schließlich ist nicht jeder ein Stephen Hawking, dessen Genialität die Welt bewunderte.

Die Einstellung von Menschen mit sichtbaren Behinderungen ist für Unternehmen zu einem einfachen Weg geworden, empathisch und inklusiv zu wirken. Man vergleiche nur die Anzahl der Menschen mit Behinderungen im Kundenkontakt mit der Anzahl in Führungspositionen. Menschen aufgrund ihrer Behinderung einzustellen und fähige Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen, die einen wertvollen Beitrag leisten, sind zwei verschiedene Dinge. Symbolpolitik ist keine Inklusion.

Auch Auftrittsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen bei Unternehmens- oder Kulturveranstaltungen sind zu einer sichtbaren Form der Inklusion geworden. Doch bedeutet Bühnenpräsenz gleichbedeutend mit echter Teilhabe? Das Stigma, ein Kind mit Behinderung zu haben, ist in vielen Gemeinschaften immer noch tief verwurzelt. Dies mag der Grund sein, warum viele Eltern jede Gelegenheit nutzen, die ihnen eine Trophäe, eine Urkunde oder einen Moment im Rampenlicht verspricht. In diesem Streben nach Sichtbarkeit wird oft die Bedeutung systematischer, regelmäßiger Weiterbildung in jedem Fachgebiet übersehen.

Hier muss die Diskussion über symbolische Inklusion vertieft werden. Bühnenpräsenz ohne Schulung bedeutet Sichtbarkeit, nicht Entwicklung. Ein Foto oder Video in sozialen Medien kann eine Repräsentation sein, aber keine Stärkung. Eine Rampe an einem Ort schafft Zugang, aber keine Chancen. Sinnvolle Inklusion erfordert Investitionen in Zeit, Ressourcen, Schulungen und langfristiges Engagement. Alles andere birgt die Gefahr, Behinderung auf ein visuelles Symbol unternehmerischer oder gesellschaftlicher Sympathie zu reduzieren.

Staatliche und private Rehabilitations- und Freizeitzentren für Menschen mit Behinderungen sowie konsulatsnahe Unterstützungsgruppen wie Prerana unter dem Dach des indischen Konsulats in Dubai gibt es schon lange. Doch im Vergleich zu vor nur 15 Jahren gibt es in den VAE heute deutlich mehr Unterstützung für Familien und Betreuer*innen von Menschen mit Behinderungen, die gemeinnützige Organisationen und gemeinschaftsbasierte Initiativen wie Team Angel Wolf, FAME, Heroes of Hope und G3Enable gründen und betreiben möchten, um nur einige zu nennen.

Gemeinschaft ist zwar unerlässlich, hat aber auch dazu geführt, dass immer mehr Unternehmen, darunter auch Einrichtungen der darstellenden Künste, dieses Zugehörigkeitsgefühl für Marketing- und CSR-Zwecke (gesellschaftliche Unternehmensverantwortung) nutzen.

Es gibt keinen Ersatz für Training und Übung in irgendeiner Kunstform oder Sportart. Die Vorteile regelmäßigen Übens überwiegen die Bühnenpräsenz bei Weitem. Genau das versuche ich in den adaptiven Tanzworkshops zu vermitteln, die ich seit 2019 leite. Es ist nicht einfach, denn wir leben in einer Welt, die von kurzlebigen Musik- und Choreografietrends geprägt ist – von eingängigen Schritten, die man sich durch das wiederholte Ansehen kurzer Videos aneignet.

In diesem Umfeld mag Tanzen zu weniger populärer Musik, das Erlernen adaptiver Choreografien und die Erforschung kreativen Ausdrucks im Vergleich zu den Auftrittsmöglichkeiten und der Präsenz in den sozialen Medien, die Unternehmen und Gemeinschaften bieten, langweilig erscheinen. Für Menschen mit Behinderungen reichen symbolische Angebote nicht aus.

Sinnvolle Möglichkeiten zur Teilhabe, zum Training und zur Weiterentwicklung in Bildung, Beruf und Kunst sind unerlässlich. Wenn Galas und Spendenaktionen allein den Hunger beenden könnten, müsste niemand auf der Welt hungrig schlafen gehen. Rampen und Aufführungen sind zwar wünschenswert, reichen aber nicht aus, um auch nur teilweise die Inklusion der rund 1,3 Milliarden Menschen mit Behinderung auf diesem Planeten zu gewährleisten. Inklusion kann nur dann erreicht werden, wenn die am stärksten Betroffenen – Menschen mit Behinderung – respektvoll und verantwortungsbewusst an der Gestaltung der Entscheidungen beteiligt werden, die ihr Leben beeinflussen. Der Preis dafür ist nicht ihre Teilhabe, sondern der gesellschaftliche Wille zur Veränderung.