Leben

Flüchtlinge willkommen in meiner WG

Foto: © Michal SikytaFoto: © Michal Sikyta
Die Biotechnologin Barbara hat den 24-jährigen Nicholas aus Nigeria bei sich aufgenommen. Foto: © Michal Sikyta

„Flüchtlinge willkommen“ heißt eine Initiative, die in Deutschland und Österreich Flüchtlinge in Wohngemeinschaften oder Privatunterkünfte vermittelt. Eine herzlichere Willkommenskultur soll dadurch etabliert werden. Verantwortlich dafür ist in Wien und Niederösterreich unter anderem ein junger Tscheche.

Warum können Flüchtlinge nicht einfach in WGs wohnen statt in Massenunterkünften, meist ohne direkten Kontakt zur Bevölkerung? In Österreich ist das seit Januar 2015 möglich, dank der Initiative „Flüchtlinge willkommen“.

Eine Gruppe Ehrenamtlicher rund um den tschechischen Studenten und Koordinator Michal Sikyta hat die Idee aus Deutschland übernommen. Vermittelt werden WG-Plätze, Zimmer in Familienhäusern oder andere private Wohnmöglichkeiten, hauptsächlich an Flüchtlinge, die sich in prekären Lebenssituationen befinden, erklärt der 25-Jährige. Das sind jene, die sich noch im Asylverfahren befinden, keine finanziellen Mittel haben und keine Sozialleistungen bekommen.

Sollte es allerdings gewünscht sein, dass sich der neue Mitbewohner finanziell beteiligt, kann auch an einen Mindestsicherungsbezieher vermittelt werden. „Flüchtlinge willkommen“ unterstützt bei der Finanzierung, arbeitet Konzepte dafür aus und bleibt auch nach dem Einzug mit den WGs in Kontakt. „Wir wollen verhindern, dass Probleme beim Zusammenleben entstehen. Wir fragen deshalb regelmäßig nach, ob alles gut funktioniert oder ob Unstimmigkeiten geklärt werden müssen“, erzählt Michal. Sind die Probleme zu groß, muss der Flüchtling ausziehen, und es wird eine andere Unterkunft oder WG gesucht. Bisher ist das nur eine theoretische Option. „Es hat noch keine Probleme gegeben“, erzählt Michal.

Foto: © Flüchtlinge willkommen
Das Team von „Flüchtlinge willkommen“ (obere Reihe in der Mitte: Michal Sikyta) Foto: © Flüchtlinge willkommen

Dreimal so viele Interessenten wie Wohnplätze

Derzeit arbeiten alleine in Wien rund 15 Freiwillige an dem Projekt, in jedem österreichischen Bundesland gibt es bereits eine Ansprechperson. Auch die Zahl der Vermittlungen steigt: 57 seit Januar, der überwiegende Anteil in Wien, aber auch in den anderen Bundesländern gibt es mindestens eine Wohngemeinschaft mit Flüchtlingen.

Der Bedarf ist groß. Bis Ende Juni gab es in Österreich 28.311 Asylanträge, mehr als im gesamten Jahr 2014 (28.027). Mehrheitlich wurde Asyl von Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak beantragt, wie aus dem Asylbericht des Innenministeriums hervorgeht. Von Januar bis Ende Juni wurden 17.472 Statusentscheidungen nach dem Asylgesetz getroffen, in 34 Prozent der 2015 bisher behandelten Fälle wurde Asyl gewährt.

Dieser Anstieg ist auch bei „Flüchtlinge willkommen“ zu spüren. Derzeit gibt es rund dreimal so viele interessierte Flüchtlinge für einen WG-Platz wie angebotene Zimmer. Aber auch die Hilfsbereitschaft steigt. Im August wurden 300 Zimmer angeboten, bis Mai waren es nur 55. Zusammengearbeitet wird mit NGOs, die Flüchtlinge für das Projekt vorschlagen. Die Mundpropaganda unter den Asylwerbern funktioniere aber auch erstaunlich gut, erklärt Michal.

Moderatorin wohnt mit jungem Syrer

© Flüchtlinge willkommenManche Flüchtlinge wollen eher in eine Studenten-WG, andere würden gerne bei Familien unterkommen, manche Vermieter möchten nur Frauen mit Kindern aufnehmen, auch wenn die überwiegende Mehrheit der Geflüchteten Männer ist. So gut es geht, werde versucht, auf die Wünsche einzugehen. „Wir versuchen, passende Mitbewohner zu finden und nehmen uns Zeit, mehr über die Menschen zu erfahren – über die Mieter und Vermieter“, so Michal. Deshalb und auch weil alle ehrenamtlich neben ihren Jobs oder dem Studium arbeiten, dauern einzelne Vermittlungen mehrere Tage, manchmal auch Wochen. Die „Geschichten“ der WGs können oft unterschiedlicher kaum sein.

Über „Flüchtlinge willkommen“ haben sich etwa Nicholas und Barbara kennengelernt. Nicholas kommt aus Nigeria, ist seit einigen Jahren in Österreich. Der 24-Jährige hat seinen Pflichtschulabschluss nachgeholt und mittlerweile eine Lehrstelle als Koch. Deutsch lernt er täglich, auch dank seinem neuen Umfeld. Barbara ist Biotechnologin, reist viel und hat deshalb ihre Couch angeboten.

Der 23-jährige Amin wohnt seit einiger Zeit bei Jürgen. Der Firmenchef hat den jungen Afghanen bei sich und seinem Sohn Laurin in seiner Villa in Wien-Penzing aufgenommen und ihn in einer privaten Waldorf-Schule angemeldet. „Flüchtlinge sind Menschen, die Angst haben. Ich habe schon lange überlegt, wie ich helfen kann“, erzählt Jürgen in einem Zeitungsinterview.

Elke Lichtenegger, eine der bekanntesten Moderatorinnen beim populären Radiosender Ö3, hat ebenfalls seit Kurzem eine Wohngemeinschaft. Sie hat Wael aus Aleppo, Syrien aufgenommen. Als sie ihren neuen Mitbewohner medienwirksam auf Facebook vorstellt, erhält sie viel Zuspruch, aber auch vereinzelt Hasspostings.

„Österreich offener für Flüchtlinge als Tschechien“

Michal Sikyta, Foto: © privatMichal bekommt eine geringe Aufwandsentschädigung für seine Tätigkeit, nebenbei arbeitet er in verschiedenen Studentenjobs, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Es motiviert ihn, wenn er dazu beitragen kann, die Situation für Flüchtlinge zu verbessern. Auch wenn es für ihn persönlich anfänglich „eigenartig“ war, sich als Tscheche für Flüchtlinge in Österreich zu engagieren.

Michal ist für das Bachelorstudium der Politikwissenschaften 2010 nach Wien gezogen. Derzeit arbeitet der gebürtige Prager hauptsächlich für das Projekt und studiert im Masterstudium Politikwissenschaft. Überrascht haben Michal in Österreich die positiven Rückmeldungen auf die Initiative, vor allem im Vergleich mit Tschechien. „Wenn ich so ein Projekt in Prag starten würde, bin ich überzeugt, dass es von der Gesellschaft heftig kritisiert werden würde“, glaubt er.

Die Offenheit der österreichischen Gesellschaft, vor allem die Bereitschaft, sich ehrenamtlich viele Stunden für Flüchtlinge zu engagieren oder Geld zu spenden, sei für ihn auch Motivation weiterzuarbeiten. Es gebe in Österreich Hasspostings, negative Stimmungen, auch aus der Politik, aber im Vergleich zu Tschechien seien diese gering. Michal findet für den Umgang mit Flüchtlingen in Tschechien klare Worte: „In der tschechischen Gesellschaft vermisse ich Toleranz, die Bereitschaft zu helfen und die Solidarität mit geflüchteten Menschen.“ Aber auch in Österreich müsse sich noch einiges verbessern.

Die bedarfsorientierte Mindestsicherung (BMS) ist eine Sozialleistung in Österreich. Sie besteht aus einer Bargeldleistung und einer unentgeltlichen Krankenversicherung. Die Mindestsicherung beträgt mindestens 827 Euro für Alleinstehende 12-mal pro Jahr. Personen in Lebensgemeinschaften bekommen den 1,5-fachen Betrag: 1.241,74 Euro.

Anspruchsberechtigte sind
* österreichische Staatsbürger,
* EU- beziehungsweise EWR-Bürger, die sich als Arbeitnehmer in Österreich befinden oder schon länger als fünf Jahre in Österreich wohnen,
* Drittstaatsangehörige, die bereits länger als fünf Jahre rechtmäßig in Österreich leben sowie
* anerkannte Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte ab Zuerkennung ihres Status.

Quelle: wikipedia

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
August 2015
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