Marisas Kampf

Foto: © 2013 ASCOT ELITE Filmverleih GmbH

Der Film „Kriegerin“ – Von dem Mut, sich dem eigenen Weltbild zu stellen

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Alina Levshin beeindruckt als Marisa mit ihrer schauspielerischen Leistung. Foto: © 2013 ASCOT ELITE Filmverleih GmbH

Auf ihrem T-Shirt steht „Nazibraut“, mit dem nächsten Tattoo will sie Adolf Hitler auf ihrem Schulterblatt verewigen. Sie ist gerade mal zwanzig Jahre jung, aber ihr Leben läuft völlig aus dem Ruder.

Rechtsradikal und gewaltbereit rast Marisa durch ihren Alltag. Alles ist scheiße. Der geliebte Landser-Großvater stirbt, ihr Freund Sandro sitzt im Gefängnis. Die Nerven liegen blank – aber die Gewalt, die hat Marisa sowieso im Blut. Zusammen mit ihrer Clique verprügelt sie Asiaten, schreit „Heil Hitler“ auf offener Straße, säuft, provoziert. Ihr Hass richtet sich gegen jeden: Die Mutter, Ausländer, Juden, Bullen. Auch die fünfzehnjährige Svenja, die ihrem bürgerlichen Elternhaus entkommen will und Marisa als Idol auserkoren hat, ist anfangs vor Marisas Wut nicht sicher.

Tagsüber jobbt Marisa als Aushilfe im Supermarkt ihrer Mutter. Dort trifft sie eines Tages auf Razul, einen afghanischen Asylbewerber, der sich zu seinem Onkel in Schweden durchschlagen will. Beim ersten Mal weigert sich Marisa zwar noch, „so was“ zu bedienen. Doch mit der Zeit entwickelt sich eine Verbindung zwischen den beiden. Dabei sind ihre Begegnungen anfangs von Marisas Feindseligkeit und Razul starrköpfiger Friedlichkeit geprägt. Ohne viele Worte, mit gebrochenem Englisch und vorsichtigen Blicken bringen die beiden das Eis allmählich zum Schmelzen. In einer Szene sitzen die beiden in Razuls Unterkunft auf dem Teppich, trinken Tee aus Konservengläsern. Razul bietet Marisa dazu ein Bonbon an und erklärt ihr, sie müsse zuerst das Bonbon in den Mund nehmen, dann trinken. Eine Andeutung von Kulturaustausch? Marisa kommt jedenfalls ins Grübeln. Ihre Welt steht auf dem Kopf. Ihre Wut richtet sich immer mehr gegen die eigene Gruppe – nicht ohne Konsequenzen. „Man muss für alles bezahlen und gerade stehen für den Dreck, den man gemacht hat“, das hat der Großvater ihr mitgegeben. Nun wird der Spruch für sie zur bitteren Realität.

David Wnendts Debütfilm Kriegerin gleicht stellenweise einer Dokumentation, so realistisch und mitreißend wirken die Szenen. Der Rechtsradikalismus im Alltag ist zwar teils versteckt, aber omnipräsent. Marisas Arm ziert zum Beispiel der Slogan „14 words“ in Anlehnung an die Parole des US-Faschisten David Lane: „We must secure the existence of our people and a future for white children“ („Wir müssen die Existenz unseres Volkes und die Zukunft für die weißen Kinder sichern.“). Auf Sandros Motorhaube klebt ein eisernes Kreuz, „100% Deutsch“ steht darauf. Und Marisa schenkt er eine Kette mit Thorshammer. Auch das Unwissen über diese Codes der Neonazi-Szene wird thematisiert: So verteidigt Svenja zu Hause ihr neues Tattoo als politisches Statement – ihrer Mutter erschließt sich die Bedeutung dennoch nicht: „Politische Aussage? Das ist `ne 88.“ [Die Zahl 88 steht in der Neonazi-Szene für die Abkürzung HH: „Heil Hitler“. „H“ ist der achte Buchstabe des deutschen Alphabets. Anm. d. Red.]

„Das hier ist nicht nur gespielt“

Authentizität wird im Drehbuch groß geschrieben. Personen, Kostüme, der Umgang miteinander – all das scheint dem wahren Leben entsprungen zu sein. Der rote Schriftzug „Haut ab“, der an einen Plattenbau in der Ausländersiedlung geschmiert wurde, lässt schmerzhafte Erinnerungen an tagespolitische Ereignisse wachwerden. Und die Asylbeauftragte, die scheinbar gefühllos den hilflosen Razul abfertigt („No call?“ „No call.“) zeigt eindringlich nicht nur die Sprachbarrieren, die Asylbewerber zu überwinden haben. Durch die fast durchgehenden Nahaufnahmen auf Kopfhöhe und das leichte Wackeln der Handkamera ist es, als würde der Zuschauer die Geschehnisse mit seinen eigenen Augen sehen. Es gibt keine besonderen Einstellungen, keine spannenden Perspektiven. Die Landschaften und Szenenbilder wirken trist, leer, farblos. Kein technischer Firlefanz, keine ausgefallenen Locations lenken von dem Drama auf der Leinwand ab. Kurze Clips in Handyqualität erinnern an schockierende Originalaufnahmen, wie sie immer wieder im Internet auftauchen.

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Marisa und ihr Freund Sandro, Foto: © 2013 ASCOT ELITE Filmverleih GmbH

Drehbuchautor Wnendt lässt seine Protagonistin nicht klischeehaft ihre Fehler einsehen und zum guten Engel mutieren. Nein, sie sträubt sich anfangs immens gegen den eigenen Sinneswandel, innerlich und äußerlich. Dabei beeindruckt Alina Levshin als Marisa mit ihrer schauspielerischen Leistung und das Drehbuch mit seinem Sinn für Balance. Aggression und Hass wechseln sich mit vorsichtiger Zärtlichkeit und liebevollen Details ab. In einem Moment gießt Marisa die Zimmerpflanzen, will ihre Mutter in der Küche umarmen. Im nächsten Moment muss sie die brutale Festnahme von Sandro mit ansehen.

Wnendt ist mit seinem Film auf der Suche nach den Ursachen des heutigen, alltäglichen Rechtsradikalismus. Die Charaktere taumeln scheinbar orientierungslos zwischen dem Bedürfnis nach Halt und dem nach Anerkennung hin und her, ihr Hass hat etwas Hilfloses. Während Svenjas Fall zeigt, wie einfach es ist, in die Szene hinein zu rutschen, sieht man an Marisa, wie schwer es ist, wieder herauszukommen. Die scheinbare Perspektivlosigkeit der Jugendlichen berührt und schockiert, ebenso die Ignoranz der älteren Generationen. Ein beeindruckender, zu Recht ausgezeichneter und noch dazu wichtiger Film, der viele Fragen stellt, aber nur wenige beantwortet. Für einen Streifen, der als Diplomarbeit eingereicht wurde, hat Kriegerin eine Wucht, von der sich der Zuschauer danach erst einmal erholen muss. Mit der Zeit trifft es einen dann wie ein Faustschlag: Das hier ist nicht nur gespielt. Das hier gibt es tatsächlich in meinem Land.


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November 2013
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