Osman Kavala im Interview
Über kulturellen Austausch und Menschenwürde
Wie bleiben Sie während Ihrer Inhaftierung mit der Welt verbunden?
Osman Kavala: Ich kann jeden Tag Zeitung lesen und Fernsehen. Außerdem bekomme ich, wenn auch nur in begrenztem Umfang, Kopien von Artikeln aus internationalen Zeitschriften. Meine Frau sehe ich alle zwei Wochen, und diese Besuche bedeuten mir sehr viel. In meinem Alltag lese ich gern und höre viel Musik. Der staatliche Radiosender TRT 3 spielt westliche Musik, Klassik, Jazz, Rock aus den Sechziger- und Siebzigerjahren sowie Musik aus verschiedenen Teilen der Welt. So kann ich meinen Tag oft mit den Werken großer Komponisten beginnen.
Wenn ich draußen vor meiner Zelle meinen täglichen Spaziergang mache, kommen Spatzen angeflogen und fressen das Futter, das ich für sie auslege. Das hilft mir dabei, mich in der Isolation nicht ganz allein zu fühlen.
Hat sich Ihre Sicht auf die Kraft kultureller Arbeit während Ihrer Zeit im Gefängnis verändert?
Zivilgesellschaftliches Engagement und kulturelle Arbeit können viel dazu beitragen, dass demokratische Werte im Alltag gelebt und verankert werden, vor allem dort, wo Meinungsfreiheit und grundlegende Freiheitsrechte respektiert und rechtlich geschützt sind.
Leider haben sich die Bedingungen in meinem Land während meinerZeit in Haft verschlechtert. Wenn eine Staatsanwältin oder ein Staatsanwalt heute eine Aussage in einer kulturellen Veranstaltung oder in den sozialen Medien als „falsch“, „irreführend“ oder „hetzerisch“ einstuft, kann das schnell zu einem Gerichtsverfahren führen und nicht selten sogar zu einer Inhaftierung. Das erzeugt ein Klima der Einschüchterung.
Gleichzeitig gibt es ideologisch motivierte Angriffe auf bestimmte Formen der bildenden und darstellenden Kunst. Oft wird ihnen vorgeworfen, gegen die moralischen Werte der Gesellschaft zu verstoßen oder diese zu untergraben. Auch die sozialen Medien tragen leider nur selten zu einem sachlichen Austausch bei. Stattdessen sehen wir immer wieder herabwürdigende und stigmatisierende Äußerungen gegen Künstler*innen und Schriftsteller*innen, denen vorgeworfen wird, unkonventionelle Ansichten zu vertreten oder sich nicht den gesellschaftlichen Erwartungen anzupassen.
Was kann Kultur erreichen, was Politik nicht kann?
Mir ist klar, dass sich politische Probleme nicht allein durch kulturelle Initiativen lösen lassen. Kultur kann aber einen wichtigen Beitrag dazu leisten, Vorurteile abzubauen, gerade solche, die durch politische Debatten und gesellschaftliche Polarisierung noch verstärkt werden.
Kunst und Literatur helfen uns außerdem dabei, Empathie zu entwickeln und andere Perspektiven besser zu verstehen. Genau das fällt im politischen Raum oft schwer, weil dort häufig starke ideologische Überzeugungen aufeinandertreffen. Große Werke der Kunst und Literatur können Grenzen überwinden. Sie erinnern uns daran, dass wir trotz aller Unterschiede Teil derselben menschlichen Gemeinschaft sind.
Wenn das Goethe-Institut ein enger Freund von Ihnen wäre – was würden Sie ihm sagen?
Ich würde das Goethe-Institut natürlich als einen engen Freund bezeichnen. Und ich wünsche mir sehr, dass es seine Aktivitäten in meinem Land und in dieser Region weiter ausbaut.
Die europäischen Kulturinstitute sind heute vor allem in den großen Metropolen präsent, und dort findet auch der Großteil ihrer Arbeit statt. Ich glaube jedoch, dass sich durch flexible Kooperationen zwischen den Instituten und gemeinsam mit lokalen Organisationen viel mehr erreichen ließe. So könnten gemeinsame europäische Kulturprogramme entstehen, die auch Menschen in Regionen erreichen, die kulturell bislang weniger gut angebunden sind.
Mir ist bewusst, dass dafür auch die Unterstützung staatlicher Stellen notwendig ist. Aber gerade das Goethe-Institut könnte mit seinem großen Netzwerk und seiner langjährigen Erfahrung in internationalen Kooperationen eine wichtige Rolle dabei spielen, solche europäischen Programme auf den Weg zu bringen und mitzugestalten.