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Berlinale-Blogger 2020
Eine literarische Legende und eine australische Durchstarterin

Elisabeth Moss und Odessa Young in "Shirley"
Elisabeth Moss (links) und Odessa Young in "Shirley" | © 2018 LAMF Shirley Inc.

Elisabeth Moss glänzt in diesem kompromisslosen und faszinierenden psychologischen Thriller als Horrorautorin Shirley Jackson – und die junge Australierin Odessa Young steht ihr in nichts nach.

Von Sarah Ward

Mit Spuk in Hill House aus dem Jahr 1959 verfasste Shirley Jackson einen der einflussreichsten Horrorromane, die je geschrieben wurden. Ihr fünftes Buch erzählt die Geschichte einer Gruppe Fremder, die an einer Studie in einem Herrenhaus teilnehmen, in dem es angeblich spukt. Ihre gespenstischen Zusammenstöße geistern dabei nicht nur durch die spannungsgeladenen Seiten des Texts, sondern inspirierten auch zwei Verfilmungen sowie eine gleichnamige Fernsehserie. Shirley, Josephine Deckers neuer Film über die Autorin, ist ebenfalls vom Buch geprägt. Auch wenn das Werk auf Susan Scarf Merrells fiktionalem Roman basiert und genau genommen auf Jacksons berühmte Kurzgeschichte Die Lotterie aus dem Jahr 1948 Bezug nimmt, kreist diese Beinahe-Filmbiografie ebenfalls um eine Wohnstätte voller Beklemmung und Qual.
 
Bewohnt wird dieses Heim von Jackson (Elisabeth Moss) und ihrem Mann Stanley Hyman (Michael Stuhlbarg), dank Stanleys Anstellung als Professor am Vermonter Bennington College. Es ist ein Ort, an dem sich die Luft zu verändern scheint, wie Stanleys neuer wissenschaftlicher Mitarbeiter Fred Nemser (Logan Lerman) und seine Frau Rose (Odessa Young) feststellen, als sie ihn 1964 betreten. Jackson, die mit ihrem nächsten Projekt ringt und zu Perioden düsterer Stimmung neigt, verlässt es selten. Rose, die gebeten wird, die Haushälterin zu spielen, während Stanley und Fred in der Arbeit sind, tut es ihr schon bald nach. Je mehr Zeit die sich anfangs feindselig gegenüberstehenden Frauen zusammen verbringen, desto mehr beeinflusst dies ihre übrigen Beziehungen.

Mehr als nur eine Filmbiografie

Indem sie eine ihrer eigenen Inspirationen auf die Leinwand bringt, bekennt Decker eine grundlegende Wahrheit: dass ein reines biografisches Drama über Leben und Tod Jackson niemals gerecht werden könnte. Stattdessen brennt Shirley die Sensibilitäten der Schriftstellerin in die Bilder selbst ein und folgt so ihrem beschwörenden, ätherischen und kühnen Beispiel, statt lediglich zu versuchen, ihr Leben nachzuzeichnen. Der Film glänzt als Charakterstudie, wobei Moss in der Rolle der unnachahmlichen, schmucklosen und geheimnisvollen Schriftstellerin ihre herausragende aktuelle Form weiterführt, die sie bereits in einer ganzen Reihe von Filmen unter Beweis gestellt hat – siehe: The Handmaid’s Tale: Der Report der Magd und Der Unsichtbare. Aber Shirley ist als Streifzug, der einen nicht in das Leben der häufig depressiven und dauerhaft agoraphobischen Literatin, sondern in ihren Geisteszustand und ihren anhand von Rose aufgezeigten Einfluss eintauchen lässt, womöglich noch schlagkräftiger. Michael Stuhlbarg und Elisabeth Moss in "Shirley" Michael Stuhlbarg spielt die Rolle von Jacksons Mann in "Shirley" | © 2018 LAMF Shirley Inc. Wie man bereits an ihrem vorhergehenden auf der Berlinale vorgestellten Spielfilm Madeline’s Madeline von 2018 sehen konnte, macht sich Decker nicht viel aus Standardkonventionen des Erzählens auf der Kinoleinwand; viel wichtiger ist es ihr, die Substanz ihrer Filmfiguren einzufangen, zu hinterfragen, was sie umtreibt, und dies dann auf ausdrucksvolle Art und Weise zu vermitteln. Zum Glück bleibt das nach Madeline’s Madelines Fokus auf komplizierten Beziehungen zwischen Frauen auch bei Shirley so. In einer klaustrophobischen Bildsprache mit vorwiegend geringer Tiefenschärfe schwelgend, die Jacksons abgeschottete Welt perfekt widerspiegelt, erzählt Decker die Geschichte einer Frau, die es wagte, gleichzeitig brillant und ganz sie selbst zu sein – etwas, das Frauen in den 1950er-Jahren, der Zeit des Films, ebenso wie heute nur selten erlaubt wird –, und der Seelenverwandten, die sie in Rose findet.

Eine herausragende Nebendarstellerin

Auch wenn Jackson den Titel des Films zu Recht so gewählt hat, hat Roses Geschichte nicht weniger Gewicht. In der Tat könnte man sich leicht vorstellen, dass nicht Scarf Merrell, sondern die Schriftstellerin selbst die Figur geschrieben hat. Und es ist ebenso leicht zu sehen, was die anfangs kühl-abweisende Leinwandversion der Autorin zu ihrem jüngeren, optimistischeren Hausgast (und Fan) hinzieht – und umgekehrt –, selbst wenn die beiden anfangs wie komplette Gegenteile wirken. Entscheidend ist hierfür, wie für Shirley insgesamt, Youngs schauspielerische Leistung. In ihren Händen beginnen sich die vielen Schichten von Rose von Anfang an aufzudröseln. Wir treffen sie erstmals bei der Lektüre von Die Lotterie an, einer Geschichte, die sie so mitreißt, dass sie sich Fred für ein schnelles Stelldichein in einer Zugtoilette schnappt, und entgegen der Wahrnehmung aller, einschließlich Stanleys und ihres eigenen Mannes, aber mit Ausnahme von Shirley, ist sie nie einfach nur die pflichtgetreue Hausfrau.
 
Seitdem Young für ihre Rolle in dem australischen Drama Die Wildente breites Lob einheimste, hat sie beachtliches Talent unter Beweis gestellt – eine Schauspielerin, die Zerbrechlichkeit und Vehemenz mit naturalistischer Leichtigkeit and emotionalem Flair in einem vielseitigen Paket zu vereinen versteht. Diese Kombination wurde ihr auch in dem gleichfalls australischen Film Looking for Grace abgefordert, und auch Shirley gehört auf diese Liste. Hier jedoch spielt sie eine junge Frau und keinen Teenager. Sie ist ebenso verletzlich und kämpferisch wie in ihren anderen herausragenden Rollen, aber ihre Darbietung weist eine spezielle Reife auf – und nicht zuletzt eine gewisse Durchschlagskraft, sodass Young in diesem Film, der sich zu einem visuell und emotional anregenden psychologischen Thriller entwickelt, mit ihrem überragenden Co-Star mehr als nur mithalten kann

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