Bicultural Urbanite Brianna
Monumentale Erinnerung

Entwurf des neuen Denkmals „Bürger in Bewegung“
Entwurf des neuen Denkmals „Bürger in Bewegung“ | © Milla & Partner

Berlins lang erwartetes Denkmal an die friedliche Revolution von 1989 wird endlich gebaut. Die riesige interaktive Skulptur wird ihren Platz neben dem kürzlich zu neuem Leben erweckten Berliner Schloss auf der Museumsinsel finden und so zur jüngsten Erweiterung einer Stätte werden, die für ihr Ringen um Deutschlands politisches Gedächtnis berühmt ist.

Von Brianna Summers

Die Berliner Museumsinsel wird bald mit einem weiteren Stück Geschichte aufwarten können. An dieser symbolträchtigen Stätte am Fluss wird derzeit ein riesiges schalenförmiges Denkmal zu Ehren derjenigen gebaut, die an der friedlichen Revolution beteiligt waren, die 1989/90 das ostdeutsche Regime zu Fall brachte. Das Denkmal „Bürger in Bewegung“ soll nicht nur derjenigen gedenken, die ihre Stimme für demokratische Rechte und Freiheiten erhoben, sondern ist auch eine Mahnung an die Deutschen, am Gewonnenen festzuhalten.

Nach mehr als einem Jahrzehnt Debatte, wie der Wiedervereinigung am besten zu gedenken sei, wurde für die Suche nach einem geeigneten Entwurf ein Wettbewerb ausgeschrieben. Sieger*innen waren der Stuttgarter Designer Johannes Milla und die Berliner Choreografin Sasha Waltz, deren Vision aus einer riesigen Schale bestand, die mehreren Hundert Personen Platz bietet. Wenn sich genügend Menschen auf einer Seite der Schale versammeln, senkt sich die gesamte Struktur wie eine riesige Wippe langsam in diese Richtung. Diese allmähliche Verlagerung versinnbildlicht die Macht einer Mehrheit, Bewegung und Wandel zu initiieren. Auch wenn der offizielle Name des Denkmals „Bürger in Bewegung“ lautet, frage ich mich, ob ihm die Deutschen nicht bald einen Spitznamen verpassen werden, etwa Die Große Schüssel oder Die Große Wippe, wie das die Australier*innen gerne tun. Museumsinsel, Berlin Museumsinsel gehört zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der deutschen Hauptstadt | Foto: Alana Harris / Unsplash

Ein geschichtsträchtiger Schauplatz


Die Insel, auf der das Denkmal entsteht, trägt seit langem die Last zahlreicher Schichten historischer und politischer Symbolik. Die Stätte ist mit der Märzrevolution von 1848, der Gründung des Deutschen Kaiserreichs im Jahr 1871 und der Verkündung der Weimarer Republik im Jahr 1918 assoziiert und beherbergte in den 1970er- und 80er-Jahren das ostdeutsche Parlamentsgebäude. Nicht zuletzt wurde im nahegelegenen Kronprinzenpalais 1990 der Einigungsvertrag unterzeichnet. Langeweile scheint hier jedenfalls nie aufzukommen.

Bei den jüngsten architektonischen Turbulenzen auf der Insel ging es um ein Tauziehen zwischen Deutschlands preußischer und sozialistischer Geschichte. 1950 wurde das vom Krieg verwüstete Berliner Schloss, ein Symbol des preußischen Militarismus, von der DDR abgerissen. Nach vier Monaten und 19 Tonnen Dynamit war das Schloss verschwunden. Für eine Rettung war nicht genug politischer Wille vorhanden, zudem hätte eine Restaurierung 32 Millionen DDR-Mark gekostet und die sozialistische Regierung hatte andere Prioritäten. Die windgepeitschte Fläche, auf der das Schloss einst stand, wurde in Marx-Engels-Platz umbenannt und unterstrich so zusätzlich, wer jetzt das Sagen hatte und wo die Zukunft des Landes lag. Das freie Gelände wurde als Exerzierplatz genutzt, bis 1976 der Palast der Republik fertiggestellt war. Dieses kastenförmige „Volkshaus“ mit seinen bronzegetönten, gespiegelten Fenstern diente als ostdeutsches Parlamentsgebäude und enthielt zudem Restaurants, Galerien, ein Theater und eine Bowlingbahn. Abriss der Überreste des Palasts der Republik, 2008 Abriss der Überreste des Palasts der Republik, 2008 | © Brianna Summers

VON DER INSEL GEWÄHLT


Allerdings währte dieser Palast nicht annähernd so lange wie sein Vorgänger. Nach der Wiedervereinigung diskutierten die Deutschen emsig, ob das Gebäude gerettet oder abgerissen werden sollte, womit auch ausradiert würde, was manche für eine politisch unliebsame Erinnerung hielten. Gleichzeitig setzte eine Debatte über die Aussicht ein, das Berliner Schloss wiederaufzubauen. Welcher Geschichte letztlich an diesem Ort auch gedacht werden würde, zunächst galt es eine umfangreiche Gefahrstoffbeseitigung durchzuführen, da das Gebäude über 5000 Tonnen Asbest enthielt.

2003 stimmte der Bundestag schließlich dafür, die Überreste des sozialistischen Gerippes zu beseitigen. Ich persönlich finde es sehr schade, dass der Palast der Republik nicht in irgendeiner Form beibehalten wurde. Ob man will oder nicht, die DDR ist ein bedeutender Teil der deutschen Geschichte und einer, der es verdient, sich an ihn zu erinnern. Der Abriss des Plattenbau-Monstrums dauerte ganze zwei Jahre, da Dynamit wegen Asbestresten und der umliegenden Gebäude nicht infrage kam.

EIN POSTMODERNISTISCHER TRAUM


Die Südfassade des rekonstruierten Berliner Schlosses Die Südfassade des rekonstruierten Berliner Schlosses | Credit: Paul Hermann / Unsplash Der nächste Sieg im Ringen um das politische Gedächtnis auf der Insel wurde 2007 verzeichnet, als der Bundestag den Bau einer Nachbildung des Berliner Schlosses absegnete. Dieser postmodernistische Traum ist als Humboldt Forum bekannt: Drei Seiten des Baus lassen die barocke Pracht des preußischen Originals wiederaufleben, während die vierte Seite aus einer grauen Betonplatte besteht, die über ihre moderne Innenarchitektur hinwegtäuscht. Im Inneren findet sich keine Spur des üblichen königlichen Prunks – das Humboldt Forum ist ein modernes Museum, das Berlins Sammlungen von ethnologischen Artefakten und asiatischer Kunst beherbergt.

Dieses preußische Pastiche bringt uns zurück zur Großen Schüssel. Die neueste Schicht des Museumsinsel-Kuchens wird derzeit auf der Westterrasse des Humboldt Forums gebacken, wo sie auf einem massiven Sockel ruhen wird, der einst eine Statue von Kaiser Wilhelm zur Schau stellte (bis die Ostdeutschen sie abservierten). Von hier oben werden Tourist*innen bald den Sonnenuntergang bestaunen können, während sie ganz nach dem Willen der Massen langsam auf und ab wippen.

„Bürger in Bewegung“ soll Anfang 2022 eröffnet werden.

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