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Bosna i Hercegovina

Jakob Augstein
Unsere „digitalen Haustiere“

Wie können wir uns gegen Grenzüberschreitungen und Entmündigungen zur Wehr setzen, die im Namen der Digitalisierung geschehen? Das war die Hauptfrage eines Symposium zu Ehren des 2014 verstorbenen FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher.

Von Holger Moos

 Reclaim Autonomy - Selbstermächtigung in der digitalen Weltordnung © © Suhrcamp Verlag Reclaim Autonomy - Selbstermächtigung in der digitalen Weltordnung © Suhrcamp Verlag
Der nach dem Symposium von Jakob Augstein herausgegebene Sammelband Reclaim Autonomy – Selbstermächtigung in der digitalen Weltordnung weist große Namen auf wie etwa die Soziologin Saskia Sassen oder den Netzkritiker Evgeny Morozov. Yvonne Hofstetter, eine der 75 Initiatoren/-innen der Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union, beschreibt im ersten Beitrag die negativen Auswirkungen der sozialen Medien, die in die politische Verwahrlosung führen, indem Kommunikation auf virale Künstlichkeit und das Erzeugen von Erregungszuständen und Internet-Hypes reduziert werde. Facebook und Twitter seien lediglich „Werbeplattformen, die wir soziale Medien nennen“. Diese bevormunden den Bürger und setzen den Nutzerinnen und Nutzern nur das vor, was sie nach den Berechnungen der Algorithmen erwarten und ihre Meinungen bestätigen. So überzeugend die düstere Analyse, so schwach ist der Hoffnungsschimmer, den Hofstetter am Ende skizziert: Danach besteht die „Chance für die Demokratie“ darin, dass die Nutzer/-innen durch die „Kollateralschäden“ der Social Media-Werbeplattformen das Vertrauen in diese verlieren und sich abwenden werden.

Saskia Sassens Beitrag ist ein Exkurs zum algorithmengestützten Hochfinanzwesen. Die Digitalisierung trage zum Aufstieg der Ausbeutungslogiken bei. Deren Komplexität könne das räuberische Projekt leicht verschleiern. Die moderne Finanzwirtschaft erzeuge z.B. künstliche Engpässe, um sich selbst zu bereichern. Entscheidend sei dabei der systemische Charakter eines Finanzsystems, das sich immer mehr Wirtschaftsbereiche einverleibe. Sassen vergleicht dieses Finanzsystem mit einem Invasor, der „kommt, raubt und sich mit der Beute davonmacht“. Die Hoffnung, die laut Sassen bleibt, ist ebenfalls schwach, sie lautet: Selbstzerstörung eines per se zum Machtmissbrauch neigenden Systems.

Wie können wir unsere „digitalen Haustiere“ bändigen?

Constanze Kurz und Frank Rieger vom Chaos Computer Club untersuchen die Möglichkeiten, wie wir unsere „digitalen Haustiere“, so nennen sie die auf Algorithmen und künstlicher Intelligenz basierenden digitalen Helferlein, bändigen können. Ziel müsse es sein, wieder mehr Autonomie bezüglich der Verwendung unserer Daten zu gewinnen. Die Forderungen von Kurz und Rieger sind bekannt: Die Nutzung der riesigen Datenmengen durch die „Big Five“ Amazon, Apple, Facebook, Google und Microsoft solle von einer breiten Öffentlichkeit diskutiert, Geschäftsmodelle reguliert werden und die Datenkraken sollen zu mehr Transparenz hinsichtlich der eigenen Technologie verpflichtet werden. Die beiden Autoren/-innen enden mit dem Appell, jede/r möge die Macht der Digitalkonzerne durch verantwortungsvolles Handeln, d.h. wohl auch Verweigern, begrenzen.

Der Publizist Evgeny Morozov warnt vor den Folgen der datengetriebenen Wirtschaft. Der Weißrusse widerspricht der weit verbreiteten Ansicht, dass die Digitaltechnologie die Welt aus der Wirtschaftskrise führe oder gar ein postkapitalistisches Zeitalter einläute. Es sei kein Wunder, dass z.B. die Konzerne im Silicon Valley die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens unterstützen, denn: „Schließlich beherrschen sie kaum etwas so gut, wie die eigene Steuerlast zu minimieren, so dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht viel zur Finanzierung solcher ambitionierten Sozialprogramme beitragen werden.“ Eine zynische Lösung für diese im Wirtschaftsleben Überflüssigen habe ein Hightech-Unternehmer auch schon gefunden: Man solle ihnen allen einfach Virtual Reality-Brillen geben, mit denen diese Elenden den ganzen Tag zumindest in virtueller Glückseligkeit verbringen können.

Den Digitalunternehmen komme auch die staatliche Austeritätspolitik sehr zupass. So sei es nicht verwunderlich, wenn ein bankrottes Städtchen, das sich einen annehmbaren öffentlichen Nahverkehr nicht mehr leisten könne, stattdessen den privaten Transportservice Uber subventioniere, um seinen Bürgern wenigstens irgendeine günstige Transportmöglichkeit anbieten zu können. Je mehr Macht die großen Digitalkonzerne erlangen, desto größer ist für Morozov die Gefahr, dass das angestrebte postkapitalistische Zeitalter in einen neuen Feudalismus mündet.

Doch warum machen alle mit? Der Rechtswissenschaftler Wolfgang Hoffmann-Riem bietet eine schlüssige Erklärung. Dem Kunden werde zwar die Wahl gestellt, den Allgemeinen Geschäftsbedingungen zuzustimmen oder nicht, doch der Schein trügt. „Wer sich der modernen Kommunikationswelt aus beruflichen oder privaten Gründen nicht entziehen kann“, sagt der Jurist, muss sich „unterwerfen“.

Wie immer bei Sammelbänden haben nicht alle Beiträge das gleiche Niveau. So ist der Beitrag über die Blockchain-Technologie von Primavera de Filippi voller Redundanzen und in sprachlicher Hinsicht unnötig aufgeblasen. Nichtsdestotrotz bietet der Band gute Aus- und Einblicke auf bzw. in die neue digitale Weltordnung. Besonders überzeugend und beeindruckend sind für mich die Darlegungen von Morozov. Dessen Text kann man auf der Website von der Zeitung Freitag lesen.
 
Rosinenpicker ©   © Goethe-Institut / Illustration: Julia Klement

Augstein, Jakob (Hrsg.): Reclaim Autonomy -
Selbstermächtigung in der digitalen Weltordnung
Berlin: Suhrkamp, 2017. 189 S.
ISBN: 978-3-518-12714-8

Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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