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Bosna i Hercegovina

Milena Michiko Flašar
Pantoffelheld

Ein Pensionist probt den Rollenwandel. Für die Agentur „Happy Family“ spielt er mal einen Opa, der seinen Enkel liebt, mal einen schweigsamen Ehemann. Ganz nach dem Willen der Kundschaft.

Von Holger Moos

Herr Kato spielt Familie © © Verlag Klaus Wagenbach Herr Kato spielt Familie © Verlag Klaus Wagenbach
„Der Ruhestand steht dir schlecht. Deine Frau hat bestimmt bald die Schnauze voll von dir. Gib Bescheid, wenn es so weit ist. Ich werde dich vertreten“, sagt ein Obdachloser zu einem frisch pensionierten älteren Herrn. Dieser Pensionist schlüpft aber in Milena Michiko Flašars neuem Roman Herr Katō spielt Familie bald selbst in verschiedene Vertretungsrollen. Flašar, die als Tochter einer Japanerin und eines Österreichers in St. Pölten aufwuchs und heute in Wien lebt, hat ihren neuen Roman wie ihren Vorgänger Ich nannte ihn Krawatte (2012) in Japan angesiedelt. Der Ort bleibt anonym, die Figuren namenlos. Auch den Namen der Hauptfigur erfährt man nicht. Der titelgebende Herr Katō ist nur eine der Rollen, die der gerade Verrentete annimmt.

„Herr Katō" wird von seiner Frau täglich vors Haus geschickt. Er solle eine Runde drehen, um seine Knochen in Schwung zu halten. Sie selbst entdeckt das Tanzen wieder, besucht einen Kurs und schwärmt vom Tanzlehrer. Im Haus selbst erwarten ihn neben seiner Frau, von der er sich nicht mehr wahrgenommen fühlt, nur seine geliebten Pantoffeln und ein Alltag, dessen Herausforderungen darin bestehen, ein Radio zu reparieren oder sein Frau dazu zu bewegen, zugenähte Hosentaschen aufzutrennen. Ihm beginnt das ziellose Spazierengehen zu gefallen, auch wenn er dabei ins Grübeln gerät.

Wo ist der Mensch zu Hause, im Spiel oder in seinen Pantoffeln?

Eines Tages führt ihn einer seiner Spaziergänge auf einen Friedhof, wo er sich unbeobachtet wähnt und geradezu ausgelassen zunächst eine Affen und anschließend einen Balletttänzer imitiert. Eine junge Frau beobachtet ihn, spricht ihn an und bringt ihn dazu, als „Stand-in“ in ihrer Agentur „Happy Family“ zu arbeiten und bestimmte Rollen im Leben anderer Menschen zu spielen. Sie nennt sich Mie – ebenfalls nur ein Rollenname. Wie sie wirklich heißt, verrät sie ihm nicht. Als Lüge will Mie ihr Geschäft mit der Simulation von Wirklichkeit keineswegs verstanden wissen. Nicht um Verfälschung der Wahrheit gehe es, sondern um deren Berichtigung. Dieses Geschäftsmodell ist in Japan übrigens nicht ungewöhnlich, dort gibt es mittlerweile Agenturen, die „schöne, coole Menschen an[bieten], mit denen man sich für soziale Netzwerke fotografieren lässt“ (diepresse.com).

Die Grenzen zwischen dem so genannten wirklichen Leben und den Rollenspielen werden im Laufe des Romans immer fließender. Die faszinierende und geheimnisvolle Mie tut ihr Übriges, um den alten Herrn aus seinen gewohnten Bahnen zu werfen. Herr Katō weiß nicht, wo er mehr er selbst ist: in seinem echten oder in den gespielten Leben. Manchmal fühlt sich das Spiel wirklicher an als die vermeintliche Wirklichkeit. Und am Ende führt er ein imaginiertes Gespräch mit Mie, in dessen Verlauf er zu der Einsicht kommt: „Es ist alles nur Fake.“

Sanft und humorvoll, mit einem Hang zur Tragikomik

Flašar blickt in ihren Romanen gerne auf gesellschaftliche Außenseiter, sie ist dabei sanft und humorvoll, mit einem Hang zur Tragikomik. Herr Katō weiß etwa um sein Dasein als Pantoffelheld: „Seine Pantoffeln. Sobald er in sie hineinschlüpft, ist er zu Hause“, heißt es an einer Stelle. Und gegen Ende: „Ein jeder Mensch, denkt er flüchtig, hat seine Pantoffeln.“ Auf den letzten Seiten ist das Buch eher versöhnlich, und die Suche nach der richtigen Rolle im Leben scheint gefunden. Es braucht dazu nur etwas Whiskey, Rosen und ein Ticket nach Paris.
 
Rosinenpicker ©   © Goethe-Institut / Illustration: Julia Klement

Flašars; Milena Michiko
Herr Katō spielt Familie.
Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 2018. 169 S.
ISBN 978-3-8031-3292-5

Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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