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Bosna i Hercegovina

Benjamin von Stuckrad-Barre
Mit Tempo und gutem Timing

Viele halten Benjamin von Stuckrad-Barre für einen guten Autor. Und das ist er auch. Aber in erster Linie ist er ein guter Beobachter. Denn bevor sich Geschichten aufschreiben lassen, muss man genau beobachten. Das kann Stuckrad-Barre wie kaum ein Zweiter.

Von Jakob Rondthaler

Ich glaub, mir geht's nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen © © Kiepenheuer & Witsch Ich glaub, mir geht's nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen © Kiepenheuer & Witsch
Aus Stuckrad-Barres Beobachtungsgabe entstanden Romane wie sein Debüt Soloalbum, worin ein Musikjournalist selbstmitleidig seinen Liebeskummer verarbeitet. Daraus entstanden aber auch große Reportagen und Porträts, die Stuckrad-Barre in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. Einige davon sind in diesem Sammelband vereint, der den schönen Titel trägt: Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen. Viele der Texte sind schon mehrere Jahre alt.

Männer und Madonna

Für diese Reportagen begegnete Stuckrad-Barre Menschen, und korrekterweise muss man sagen: Er begegnete Männern. Denn unter den von ihm porträtierten Persönlichkeiten – dazu zählen Schriftsteller, Schauspieler und Sportler –, ist tatsächlich nur eine einzige Frau, und die hat Stuckrad-Barre lediglich aus der Ferne gesehen: Madonna, bei einem ihrer Konzerte.

Klar, das Buch wirft einen Blick zurück und steckt dabei eben in den Neunziger- und Nullerjahren fest, ließe sich Stuckrad-Barres Auswahl verteidigen – aber so krass männerdominiert war die Popkultur auch in diesen Jahrzehnten nicht.

Am besten ist Stuckrad-Barre, wenn er nah dran ist. Wenn er die Peinlichkeiten seziert, die passieren, wenn Menschen aufeinandertreffen. Einmal beschreibt er, wie unbeholfen er und der Schauspieler Christian Ulmen – eigentlich langjährige Freunde – sich verhalten, wenn sie sich begegnen: „Schon die Begrüßung war uns, wie immer, misslungen. Wir verhakten uns seltsam unentschiedenen ineinander, aneinander vorbei.“ Oder wenn er erzählt, dass Christian Ulmen bei der Weihnachtsfeier seiner eigenen Produktionsfirma vor lauter Unvermögen keine Rede hielt. Im Auto, nach der Feier – Ulmen ist „verärgert über die eigene Stoffeligkeit“ –, beobachtet Stuckrad-Barre: „Geschwind drehte er das Radio laut, viel zu laut, und tat so, als erkenne er das dort gerade gespielte Lied.“ Das sind Momente, Peinlichkeiten, die jede und jeder so oder ähnlich schon erlebt hat – und die fast wehtun beim Lesen, weil man sich so gut an das Gefühl dabei erinnert.

„Absichtsvoll dumm sein“

Toll sind auch die Texte, in denen Stuckrad-Barre, wie schon in seiner 2016 erschienenen Biografie Panikherz, offen über sich selbst schreibt. Etwa darüber, wie er sich einst mit seiner damaligen Freundin gemeinsam ein Tattoo stechen ließ. Tattoos sind eigentlich uncool: „subkutane Haltungs-Post-its“, „Spickzettel für Ihrerselbstunsichere“. Aber solche Stil-Codes – die dem Popliteraten Stuckrad-Barre sonst wichtig sind –, zählen nicht mehr, da er verliebt ist: „Über das Wetter der folgenden Wochen jedenfalls ist mir nichts bekannt. Der Himmel war egal, denn es war bei uns hier unten plötzlich so – ja, wie eigentlich? So, dass ich kein Wort dafür kenne. Aber neuerdings – und zwar für immer, doch, doch! – eine Abkürzung.“

Immer wenn es persönlich wird in seinen Texten, überzeugt Stuckrad-Barre am meisten. Er formuliert mit Tempo, gutem Timing und einem oft ironischen Unterton, der durch Großbuchstaben gelegentlich demonstrativ verstärkt wird. Das ist gut lesbar und wirkt nie arrogant – auch weil Stuckrad-Barre sich nicht über andere erhöht, sondern als Fan schreibt. Und wenn er sich also sanft lustig macht über eines seiner Idole, fällt das auch zurück auf ihn, den Autor, der dem Idol ja bedingungslos verfallen ist: Denn Fan sein, das heißt, „absichtsvoll dumm sein, und es macht solch einen Spaß!“. Und das merkt man seinen Texten an.
 
Rosinenpicker ©   © Goethe-Institut / Illustration: Julia Klement

Stuckrad-Barre, Benjamin von: Ich glaub,
mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal
irgendwo hinlegen
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2018. 305 S.
ISBN: 978-3-462-05181-0

Vrh