Wolf Haas
Der Spinner und sein Depp
Ein Dreizehnjähriger kämpft gegen sein Übergewicht, um seiner ersten Liebe zu gefallen. Noch dazu muss er deren Freund, einen Fernfahrer, nach Griechenland begleiten. Ein wunderbar leichter Coming-of-age-Roman von Wolf Haas.
Von Holger Moos
Sein alkoholabhängiger Vater sitzt im „Irrenhaus“ ein und beeindruckt seinen Sohn dennoch, unter anderem mit seinem Lieblingsspruch: „Das letzte Hemd hat keine Taschen.“ Mit zwölf beginnt der Junge, an der örtlichen Tankstelle zu arbeiten. Da er „einen Kopf zu groß und 20 Kilo zu schwer und mehrere Watschen zu gescheit war“, füllt er den roten Shell-Mantel trotz seines geringen Alters gut aus.
Teheranfahrten während der Ölkrise
Die Geschichte spielt 1973, dem Jahr der ersten Ölkrise, in einem Kaff in der Nähe von Salzburg. An der Tankstelle trifft der Internatsschüler nicht nur „Teheranfahrer“ wie den elf Jahre älteren Tscho, sondern er erblickt auch bald die Frau, die sein Leben und seine Essgewohnheiten verändern sollte: „Noch nie hatte ich so ein Lächeln gesehen. Überhaupt noch nie so ein Gesicht. Diesem Gesicht sah man unzweifelhaft an, dass meine fensterputzerische und eiskratzerische Hingabe geschätzt und gewürdigt wurde.“ Dumm nur, dass jene Elsa zum coolen Tscho gehört.Der junge Held schafft es tatsächlich, sich mit Elsa anzufreunden und gibt ihr regelmäßig Englischunterricht. Doch auch Tscho kann diese Dienste gebrauchen und nimmt den Jungen als Übersetzer auf die nächste Fahrt nach Thessaloniki mit. Am Ende braucht Tscho gar nicht diese, sondern ganz andere Fähigkeiten des Heranwachsenden, um sowohl seine Vergangenheit als auch seine Zukunft zu meistern.
Kalorien als Hauptdarsteller
Kalorien sind weitere Hauptdarsteller des Romans. Auf seinem Weg ins Herz von Elsa säumen sie den Weg des jugendlichen Protagonisten wie die Sirenen die Routen antiker Steuermänner. Das Widerstehen der zahlreichen Versuchungen klappt allerdings eher mäßig.Als er mit Tscho quer durch den Balkan nach Griechenland fährt, sorgen Kalorienbomben wie Pizza oder Ražnjići mit Pommes dafür, dass er nicht vollkommen abgemagert zurückkehrt. Auch Beilagen werden nach Kalorien bewertet: „100 Gramm Gurke 12 Kalorien, 200 Gramm 24 Kalorien. Macht aber auch nicht satt! Ein Kilo Kartoffeln hat 800 Kalorien. Da könnte man sieben Kilo Gurken essen.“ Trotz allem zeigt die Waage am Ende der Reise eine überraschende Zahl an.
Nur den Mund bewegen
Der Roman ist gespickt mit lakonischen Lebenstipps. Manche sind ganz praktisch: „Das Gescheiteste im Leben ist, gar nicht zu singen und nur den Mund zu bewegen.“ Oder – schon etwas allgemeingültiger: „Der Mensch drängt in Krisenzeiten in die Mitte. […] So wie ich beim Schulausflug in der Mitte ging, denn hinten konnte man abgehängt werden, und vorne konnte einen der Lehrer in ein Gespräch verwickeln.“ Auch das Nachdenken an der Tankstelle, wie viel Freundlichkeit wohl angemessen ist, um noch glaubwürdig zu sein und Trinkgeld zu bekommen, führt zu einer ziemlich grundlegenden Einsicht: „Es war wahnsinnig schwierig im Leben, nicht in einen falschen Verdacht zu geraten.“ Und eines wird in dem Roman ebenfalls klar: Zwischen einem Spinner und einem Depp besteht ein himmelweiter Unterschied.Dass der namenlos bleibende Held an einer Stelle als der Sohn von Herrn Haas bezeichnet wird, öffnet der beliebten Frage, wie autobiografisch der Roman ist, natürlich Tür und Tor. Doch wie so oft bietet das keine wesentlichen Erkenntnisgewinne, es sei denn, man ist Autorengroupie und interessiert sich für dessen Privatleben. Doch egal, wie autobiografisch dieser Rückblick auf die Jugend nun sein mag, eines steht fest: „Rückwärts durch die Knie betrachtet war die Welt immer am schönsten.“
Hamburg: Hoffmann und Campe, 2018. 240 S.
ISBN: 978-3-455-00388-8
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