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Bosna i Hercegovina

Bodo Kirchhoff
Erinnerungen der Verflüchtigung

Der autobiografische Roman von Bodo Kirchhoff  ist eine Erinnerung an das Leben und eine Hommage an die Liebe, wenngleich eine bittersüße. Das Buch lebt von seiner Vielschichtigkeit – und ist an vielen Stellen kaum zu ertragen.

Von Eva Fritsch

Kirchhoff: Dämmer und Aufruhr © © Frankfurter Verlagsanstalt Kirchhoff: Dämmer und Aufruhr © Frankfurter Verlagsanstalt
Bodo Kirchhoffs Roman Dämmer und Aufruhr: Roman der frühen Jahre ist eine Geschichte der Trennungen und der Abschiede. Vor allem aber ist der Roman eine bittersüße Hommage an das Heranwachsen und das Entdecken der Liebe. Liebe, die über den Erzähler hereinbricht, Liebe, die ihm entzogen wird und schließlich die basalste aller Lieben, die Mutterliebe, die im Falle Kirchhoffs auch ödipale Züge birgt.

Der Roman beginnt sogleich mit dem Blick auf vergangene Zeiten, auf das vielbeschworene „Früher“: „Wer spricht da, wenn einer von früher erzählt, auf sein erstes Glühen in der Kindheit blickt, wessen Stimme macht hier den Anfang, sagt Es war einmal – ein unvergesslicher gültiger Alpensommer.“ Der, der sich erinnert, stellt sich also zugleich in Frage und nimmt in der erinnernden Position die Beobachterrolle ein. Eine Fotoaufnahme aus dem Jahr 1952 dient als Unterstützung: „[….] und oberhalb des Sees ein Gasthof mit Gewölbegang, davor zwei Liegestühle auf fetter Wiese, in einem, das Gesicht verdeckt, ein Kind mit Sonnenhut, im anderen die noch junge Mutter, tagelang seine Allmächtige.“

Das beschriebene Kind ist der junge Bodo. Seine Mutter, die „Allmächtige“, verbringt gemeinsam mit ihm Urlaubstage in Kitzbühel. Was als „das Kind“ oder an anderen Stellen als „er“, also mit einer gewissen Distanz zum Geschehenen geschildert wird, gerät an manchen Stellen wiederum zum „ich“. Fließende Übergänge sind dies, die ein vielschichtiges Bild entstehen lassen: Braucht es die Distanz, um sich zu erinnern, um Verdrängtes beim Namen zu nennen?

Blick auf die Vergangenheit

Der Roman verbindet auf faszinierende Art und Weise verschiedene Zeitebenen miteinander: Da ist der Autor, der in der Jetzt-Zeit in den Urlaubsort an der italienischen Küste fährt, an dem seine Eltern 1958, vor ihrer Scheidung, glückliche Tage verbrachten. Im Hotelzimmer, in dem auch seine Eltern wohnten, beginnt der Erzähler zu schreiben; als Anhaltspunkte für seine Erinnerungen dienen ihm abermals Fotos und Aufzeichnungen seiner Mutter. Hier versucht er, der Beziehung seiner Eltern nachzuspüren, versucht, sie zu verstehen und schreibend zu erfassen; all dies hat fast den Anschein einer Therapie.

Während sich der Erzähler an diesem für die Eltern so besonderen Ort aufhält, erinnert er sich an seine Kindheits- und Jugendjahre, aber nicht nur an diese: Er zeichnet die letzten Lebensmonate der fast 90-jährigen Mutter nach; bei seinen Besuchen in ihrem Pflegeheim konfrontiert er sie wiederum mit seinen Erinnerungen, an die „Verflüchtigungen“ seiner Eltern, die nach der Trennung in verschiedenen Städten leben; das Kind ist in einem Internat am Bodensee untergebracht.

Die Verflüchtigung begleitet den Erzähler bis ins Erwachsenenalter. Als Student vergräbt er sich oft tagelang in seiner Dachwohnung: „Ein jeder verflüchtigt sich, auch die jetzt alten Kinder, der Sohn in ein verschlungenes Schreiben, die Tochter in ein labyrinthisches Haus, bei beiden ist es das Verschwinden in einem Projekt der Vollendung […]; es ist der Schnittpunkt der Geschwister, aufgewachsen mit Eltern, die sich wieder und wieder verflüchtigt haben, die Kinder darin geschult, jedes leichte Anzeichen zu erkennen.“

Bild eines Lebens und Bild der Zeit

Das Thema der Verflüchtigung wird am Ende des Romans erneut aufgegriffen. Die Eltern, die schweigen, zu Lebzeiten und posthum, leben jedoch in der Erinnerung weiter: auf einem Bild, das der Erzähler an dem italienischen Urlaubsort geschenkt bekommt. Darauf zu sehen ist ein junges Paar, an eine Brüstung gelehnt, mit Blick aufs Meer. Der Erzähler meint darin seine Eltern zu erkennen; es mit seiner Erinnerung zu verbinden, die jeder Verflüchtigung standhält: „[…], nur das Plakat, das mich an sie denken lässt, spricht; es hat wie jedes Bild das letzte Wort.“

Die strukturelle Besonderheit des Romans auf der einen und der Wechsel der Erzählperspektiven auf der anderen Seite machen Kirchhoffs autobiografischen Text zu einem Wagnis, zu einem Erlebnis und zu einer erschütternden Lektüre. Erschütternd deshalb, weil die beschriebenen Missbrauchsszenen im Internat, das Kirchhoff besuchte, teilweise nur schwer zu ertragen sind. Als Junge wurde der Autor vom Chorleiter des Internats sexuell missbraucht; bis heute kann Kirchhoff, so schreibt er, deshalb den Klang mancher klassischer Musikstücke nicht ertragen.

Der Autor erschafft mit seinem Roman nicht nur einen Lebensrückblick, eine Verknüpfung seiner eigenen Geschichte mit der seiner Eltern, sondern auch ein zeitgeschichtliches Bild. Er führt den Leser ein in emotionale Wirren der Nachkriegszeit, in die Gefühle des Verlusts, des ewigen Mangels, den seine Eltern erleben und zeitlebens nicht zu durchbrechen scheinen. Als Leser wird man aber auch Teil einer Generation, die Kirchhoff als Student in Frankfurt in den 1970er-Jahren mitprägt. All dies macht den Roman zu einer Lektüre, die einen mitnimmt, die beglückt – und die alles andere als eine literarische Verflüchtigung bleiben sollte.
 
Rosinenpicker ©   © Goethe-Institut / Illustration: Julia Klement
Kirchhoff, Bodo: Dämmer und Aufruhr. Roman der frühen Jahre.
Frankfurt: Frankfurter Verlagsanstalt, 2018. 480 S.
ISBN: 978-3-627-00253-4

Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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