Unterrichtspraktische Überlegungen Vom Sinn und Unsinn digitaler Medien

Klassische Medien sind passé.
Klassische Medien sind passé. | Foto: © Gabric – plainpicture/Millennium

Tipps für bestimmte Apps und andere digitale Medien gibt es viele. Wichtiger als die individuelle Anwendung sind aber grundsätzliche Erwägungen, in welchem Kontext solche Medien nützlich sind und wie sie am besten in den Unterricht zu integrieren sind. Ein Wegweiser, basierend auf Erfahrungen bei der IDT 2017.
 

Das Thema „Lehren und Lernen – digital unterstützt“ erfreute sich bei der Internationalen Tagung der Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer (IDT) 2017 in Fribourg sehr großer Beliebtheit. Allein die Tatsache, dass es die Sektion mit den meisten Beiträgen war, spricht Bände. Weltweit sind Lernende immer besser mit digitalen, internetfähigen Geräten ausgerüstet und ihr Zugang zu Wissen und damit auch zu Lernprozessen verändert sich durch die Nutzung mobiler Endgeräte. Diese immer kleiner werdenden Hochleistungscomputer begleiten uns überall und zu jeder Zeit, sie bestimmen unseren Alltag mehr und mehr. Deshalb fragen Lehrkräfte sich schon seit vielen Jahren, wie mit diesen Entwicklungen im Unterricht umzugehen ist. Vor- und Nachteile digitaler Medien sind nach wie vor für die Lehrkräfte des Fachs Deutsch als Fremdsprache ein kontroverses Thema. Bei der IDT gab es in Fribourg neue Anregungen und Vorschläge für den Unterricht.

Was versteht man unter digitalen Medien im Unterrichtskontext?

Digitale Medien sind „sehr vielseitig und nicht festgelegt auf eine bestimmte Art technischer Geräte. Es handelt sich vielmehr um eine sich ständig im Wandel befindende Kategorie“ (Müller/Serth 2012: 5). Wenn wir also von digitalen Medien im Fremdsprachenunterricht sprechen, können drei Kategorien unterschieden werden:
 
Werden digitale Medien eingesetzt, um Unterrichtsinhalte interessanter und mit aktuellen Informationen aufzubereiten? Also beispielsweise ein Medienwechsel vom Tageslichtprojektor zur Präsentation von Internetinhalten am interaktiven Whiteboard? Durch die Nutzung des Internets im Unterricht kann der Zugang zu deutschsprachigen Ländern ganz einfach geschaffen werden. Die Lernenden können sich unabhängig von ihrem Wohnort jederzeit einen tagesaktuellen Einblick verschaffen.

Ob am Whiteboard oder auf Papier: Zeichnen ist zeitlos. Ob am Whiteboard oder auf Papier: Zeichnen ist zeitlos. | Foto: © Maskot – plainpicture Oder wollen wir durch digitale Medien Übungen schöner und nachhaltiger darstellen, sie so verpacken, dass sie für die Lernenden motivierender sind? Das Üben von neuen Strukturen und Wortschatz ist ein wichtiger Teil des Spracherwerbsprozesses, der Lehrkräfte und Lernende häufig vor die Herausforderung stellt, die Motivation aufrechtzuerhalten. Digitale Medien können helfen, autonomes Lernen durch differenzierte Übungsangebote zu fördern und auch durch digitale kooperative Spiele zu motivieren.

Oder werden digitale Medien eingesetzt, um die Interaktion zwischen den Lernenden zu fördern und um ihnen die Möglichkeit zu geben, kooperativ innerhalb oder außerhalb des Präsenzunterrichts miteinander zu lernen? Damit führen digitale Medien zu einer didaktisch-methodischen Veränderung des Unterrichts. Neue Modelle und Formate müssen erarbeitet werden. Es muss überlegt werden, welche Fertigkeiten sich für eine Online-Phase oder Präsenzphase eignen und wie die beiden Phasen miteinander verzahnt und abgestimmt werden können, damit der Lernprozess verbessert werden kann.

Was sind die Vorteile der Nutzung digitaler Medien im Unterricht?

Bei der IDT wurden die unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten intensiv diskutiert und zahlreiche Beispiele aus der ganzen Welt präsentiert, die die heterogenen Voraussetzungen, mit denen Lehrkräfte in ihren Ländern konfrontiert sind, sehr gut verdeutlichten.
 
Vor dem Unterricht: Lehrkräfte können ihren Unterricht effizienter vorbereiten und auf die Bedürfnisse der Lernenden durch eine Vielfalt an Online-Materialien besser anpassen. Erstellte Materialien verstauben nicht mehr in einem Ordner im Schrank, sie können angepasst, verbessert und immer wieder geteilt werden.
 
Während des Unterrichts: Die Rolle der Lehrkraft ändert sich zwar durch digitale Medien, sie hat aber immer noch zentrale Bedeutung im Lernprozess. Die Lehrkraft definiert das Lernziel und ermöglicht Lernenden dieses Ziel zu erreichen, indem sie die Lernprozesse so gestaltet, dass sie differenziert und lernerorientiert aufbereitet und unterrichtet werden:
 
  • Das Lernen im Klassenraum wird geöffnet, indem durch das Internet Zugang zu aktuellen und authentischen Materialien gegeben wird.
  • Durch interessante Anwendungen kann die Kreativität und Motivation gesteigert werden, Lernende haben die Möglichkeit mehr Eigeninitiative zu ergreifen.
  • Produktive Fertigkeiten und die Phonetik können durch beispielsweise Tonaufnahmen, Videos und gemeinsames Bearbeiten von Unterrichtsmaterialien mehr Raum einnehmen.
  • Durch digitale Medien kann die Interaktivität mit Lernenden – auch aus anderen Kursen, Städten oder Ländern – im Unterricht gefördert werden, indem die Lernenden miteinander an Projekten und handlungsorientierten Aufgaben arbeiten, die ihnen auch außerhalb des physischen Klassenraums noch zur Weiterarbeit zur Verfügung stehen.
  • Durch digitale Medien können die Lernfortschritte transparent gemacht werden, schnelles Feedback ist einfacher möglich und Lernende können ihre Progression besser selbst evaluieren.
Außerhalb des physischen Klassenraums: Durch die Vernetzung im Internet ist das gemeinsame Lernen nicht mehr nur an den Klassenraum gebunden. Es eröffnen sich neue Lernformate, wie das Blended Learning und das gemeinsame Lernen in tutorierten Online-Kursen. Der Austausch zwischen den Lernenden und mit der Lehrkraft kann durch digitale Medien zum Beispiel durch den Einsatz einer Lernplattform effizienter und schneller gestaltet werden.

In welchen Szenarien eignet sich der Einsatz digitaler Medien besonders gut?

„Es gibt keine guten oder schlechten Lernmedien, sondern nur passend oder unpassend eingesetzte. Ihre lernspezifischen Qualitäten ergeben sich immer erst bei der Eingliederung in einen didaktischen Kontext“ (Mitschian 2010: 75). Häufig hat man bei der Arbeit mit digitalen Medien immer noch die Einzelarbeit im Kopf, bei der Lernende an einem Computer still vor sich hinarbeiten. Dieses Szenario sollte im Klassenraum nicht vorkommen. Selbstlernen ist wichtig, aber die gemeinsame Lernzeit im Klassenraum muss interaktiv genutzt werden. Hierbei können digitale Medien helfen, handlungsorientierte Szenarien und projektorientiertes Lernen zu fördern (zum Beispiel kollaboratives Schreiben, einen Schulblog führen oder Hörspielszenen erstellen und sie mit einer Partnerklasse austauschen). Bei der IDT wurden Beispiele präsentiert, wie in Blended-Learning-Kursen mehr Zeit für die Fertigkeit Sprechen bleibt, weil Hörverstehen und Leseverstehen auch in der Online-Phase eingeübt werden können, wo sich die Lernenden zeitlich unabhängig und differenziert mit den Materialien auseinandersetzen.

Mensch und Maschine – in der Gemeinsamkeit liegt die Kraft. Mensch und Maschine – in der Gemeinsamkeit liegt die Kraft. | Foto: © Maskot – plainpicture

10 nützliche Tipps aus den Beiträgen der IDT

  1. Legen Sie die Lernziele fest und schaffen Sie situative Kontexte. Die Lerninhalte stehen an erster Stelle. Wählen Sie daher nur Instrumente, die einen pädagogischen Mehrwert haben und überlegen Sie, warum Sie digitale Medien einsetzen.
  2. Wählen Sie hauptsächlich Anwendungen, die sich für das kooperative Lernen eignen. Diese müssen schnell verständlich und einfach zu bedienen sein. Verwenden Sie häufiger die gleichen Anwendungen, damit die Zeit für die technische Einführung ganz entfällt.
  3. Legen Sie klare Regeln fest und bauen Sie Routinen in Ihren Unterricht ein. Ohne Kontinuität gibt es selten nachhaltige Veränderungen.
  4. Setzen Sie digitale Medien nicht nur zur Veranschaulichung ein, sondern vor allem als inhaltstragendes Element.
  5. Wählen Sie Anwendungen, die den Austausch in der Zielsprache erhöhen und nachhaltiger gestalten. Mit dem Einsatz digitaler Medien sollen die kommunikativen und produktiven Fertigkeiten aufgebaut werden.
  6. Stellen Sie sich darauf ein, dass es Abweichungen vom ursprünglich geplanten Ablauf geben kann. Haben Sie keine überhöhten Erwartungen an die Anwendungen. Die Umsetzung und der Aufbau der Lerninhalte sind entscheidend.
  7. Sprechen Sie mit Ihren Lernenden über den Sinn und Zweck des Einsatzes Ihrer gewählten Medien. Evaluieren Sie regelmäßig den Lernfortschritt Ihrer Lernenden und führen Sie Befragungen hinsichtlich der Nutzung der digitalen Medien durch.
  8. Wählen Sie Ihre Materialien kritisch aus, versuchen Sie Copy-and-paste zu vermeiden und passen Sie die Materialien immer auf Ihre Lernergruppe an. Überprüfen und achten Sie die Urheberrechte.
  9. Versuchen Sie den Input zu reduzieren und ermöglichen Sie differenziertes Lernen auch außerhalb des Klassenraums.
  10. Verzahnen Sie die Online-Aktivitäten mit analogen Aufgaben im Klassenraum und geben Sie Ihren Lernenden regelmäßig Rückmeldung zu den Online-Aufgaben.
Der alleinige Einsatz von digitalen Medien macht den Unterricht nicht automatisch besser, ein klar definiertes Lernziel und eine lernerzentrierte gründliche Unterrichtsplanung sind mindestens so wichtig wie die Medienkompetenz der Lehrkräfte. Angst davor, dass digitale Medien die Lehrkraft ersetzen, muss man nach den Beiträgen auf der IDT keinesfalls haben, denn den Unterricht besonders zu gestalten, ist und bleibt die Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer.
 
Unser Fazit: Erfolgreich sind, wie auch im analogen Unterricht, didaktisch gut durchdachte und mit einem roten Faden verbundene Unterrichtsphasen, die von der Lehrkraft klar strukturiert und engagiert tutoriert werden.
 

Literatur

Müller, Sina/Serth, Yasmin (2012): Mit digitalen Medien den Schulalltag optimieren. Mühlheim an der Ruhr: Verlag an der Ruhr.

Mitschian, Haymo (2010): m-Learning – die neue Welle? Kassel: Kassel University Press.