Ozan Zakariya Keskinkılıç
Hundesohn
© Max Zerrahn/Suhrkamp Verlag
Ich hatte einen Hundesohn-Sommer. Der Roman von Ozan Zakariya Keskinkılıç fand Platz in meiner Strandtasche, wurde auf dem Weg zur Arbeit eilig in meinen Jute-Beutel gesteckt und lag nachts neben mir im Schlafzimmer, in das die schwüle Abendluft durchs offene Fenster wehte. Ich schleppte das Buch überall hin mit, weil ich süchtig war nach den Worten des Autors, nach Zakariyas Geschichte, die so perfekt zu heißen Tagen und Nächten im Sommer passt.
Von Florina Evers
Sommer gefällt mir. Es gefällt mir, wenn junge Männer ihre Beine lüften und Haut und Haare zeigen.
Heute ist Donnerstag, in acht Tagen werde ich Hassan wiedersehen.
Zeko ist besessen von der Idee, ihn wiederzusehen und diese Besessenheit schleicht sich in seinen Berliner Alltag: Die Gedanken an Hassan begleiten ihn zur Therapie und zu Treffen mit seiner besten Freundin Pari, die er aus der Uni kennt. Sie sind auch da, wenn sich Zeko zu Grindr-Dates mit fremden Männern verabredet. Es sind immer Männer, die ihn an Hassan erinnern, aber nicht Hassan sind. Der Versuch, eine Lücke zu füllen, die nur sein „Hundesohn”, füllen kann. Ein kräftezehrendes Vorhaben, das zum Scheitern verurteilt ist, eine Suche, in der sich Zeko zu verlieren droht. Er ist ein Mann, der, wie so viele, auf der Suche nach Zugehörigkeit und Liebe ist.
Was bleibt, wenn Liebe unerwidert bleibt?
Der Schweiß tropft wie warmer Regen auf meine Augenlider, dahinter wütet ein Sturm, Hassan, wenn du wüsstest.
Trotz seiner nur knapp 200 Seiten ist der Roman wahnsinnig dicht, voll von Metaphern, kafkaesken Anspielungen und scheinbar zufällig eingestreuten Passagen, denen ich nicht immer folgen konnte. Doch das trübt meine Begeisterung nicht. Denn dass ich nicht alle dieser literarischen Fragmente einordnen konnte, lag wahrscheinlich auch am herrlich leichten Dämmerzustand sommerlicher Muße.
Ich empfehle sowieso, Hundesohn mehrmals zu lesen oder einfach immer mal wieder zur Hand zu nehmen, wie ein altes Tagebuch oder einen Gedichtband. So kann man sich an kalten Wintertagen an Sätzen freuen wie Und meine Lieblingsfarbe ist das Nachtlicht auf seinem warmen Gesicht. oder Der Regen ist eine liebenswürdige Autorität, er hebt den Finger und du hältst den Mund. Und sofort sieht die Welt um einen herum ein klein wenig anders aus.
Ozan Zakariya Keskinkılıç, geboren 1989, studierte Politikwissenschaften in Wien, Berlin und Cambridge. 2022 erschien sein Lyrikdebüt Prinzenbad im Elif Verlag, 2023 das Sachbuch Muslimaniac. Die Karriere eines Feindbildes im Verbrecher Verlag. Seine Texte wurden in Zeitschriften und Anthologien (u. a. anders bleiben, Rowohlt 2023) veröffentlicht und in mehrere Sprachen übersetzt. 2025 wurde er u.a. mit dem ZDF-„aspekte“-Literaturpreis und dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis ausgezeichnet. Hundesohn ist sein erster Roman.