Fiona Sironic
Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft
Ein Wald, zwei Mädchen, viele Explosionen: In Fiona Sironics Debütroman kämpfen Maja und Merle darum, ihre digitale Vergangenheit zurückzuerobern. Als Era den beiden begegnet, verändert sich ihr Leben. Der Roman erzählt von erster Liebe, Digitalisierung und einem Alltag in einer nahen Zukunft, die heißer und unsicherer geworden ist.
Von Florina Evers
Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft. Das ist der Titel von Fiona Sironics Debütroman. Ein auffällig langer Titel, der unglaublich neugierig macht.
Die Mädchen? Das sind Maja und Merle, Töchter der berühmten “Momfluencerinnen” Alice und Emily. Die Sachen, die sie in die Luft jagen? Alte Festplatten und SD-Karten, auf denen die Mütter ihren Content der letzten zwei Jahrzehnte abgespeichert haben, unter anderem auch Majas und Merles ersten Schritte, ihre Geburtstage und viele weitere große und kleine Meilensteine, gestreamt auf diversen Plattformen für ein Millionenpublikum.
Nun erobern sich Maja und Merle, M&M, mit jeder großen und kleinen Explosion, die sie live streamen, die Kontrolle über ihre digitale Vergangenheit zurück. Era, die 15-jährige Ich-Erzählerin, trifft durch Zufall auf die beiden im Wald, in der Nähe ihres Tiny Houses, in dem sie mit ihrer Mutter lebt. Eine Begegnung, die alles für sie verändert.
Von nun an ist Era bei den Explosionen mit dabei. Zwischen ihr und Maja entwickelt sich eine zarte erste Liebe und zunächst versteht Era auch, warum Maja und Merle das Bedürfnis haben, diese Datenmenge, die sich seit der Geburt über sie angesammelt hat, ohne ihre Zustimmung, zu zerstören. Doch insgeheim weiß sie auch, dass die Explosionen nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind. Es gilt, was schon immer galt: Das Internet vergisst nie.
Wir befinden uns im Roman nämlich im Deutschland der nahen Zukunft. Ungefähr 15 bis 20 Jahre sind es, die uns von Sironics Romanwelt trennen. Der Klimawandel hat inzwischen Auswirkungen auf jeden Bereich des Lebens: Statt frischen Lebensmitteln gibt es Essen meistens nur noch in Pulverform, im Sommer werden die Schulen drei Monate geschlossen, weil kein Kind bei 37 Grad Hitze im Schatten lernfähig ist und Parkplätze sind längst als “eine komische Idee von Raumnutzung” enttarnt worden. Es ist eine Welt, die dabei ist, sich selbst zu zerstören
Es liegt nahe, den Roman mit seinen dystopischen Beschreibungen als “Climate Fiction” einzuordnen, doch anders als in vielen Romanen des Genres, liegt der Fokus auf der Lebensrealität der Figuren, statt auf den Beschreibungen des scheiternden Systems. Die oben erwähnten Fakten werden nur am Rande erwähnt, weil sie Teil von Eras Alltag geworden sind.
Außerdem nimmt das Thema der Digitalisierung mindestens genau so viel Raum ein, wie der Klimawandel. Die beiden Themen verschmelzen miteinander, so, wie bereits in aktuellen Debatten der Gegenwart, wie zum Beispiel der zur fatalen Klimabilanz Generativer AI. Beim Lesen ergeben sich deshalb ganz neue Themen und Fragen. Mehr als um das “was” geht es um das “wie”: Wie lebt es sich in einer Welt, die immer heißer und immer unberechenbarer wird? Wie ist es, Teenager in dieser Welt zu sein? Wie sieht die Zukunft des Internets aus? Und wie könnte eine Zukunft ohne Internet aussehen?
Sironic gibt uns mit ihrem Roman eine mögliche Antwort auf diese Fragen, die trotz der düsteren Prognose, von einem Schimmer der Hoffnung begleitet wird: In einer existenziellen Notsituation erfahren Era und ihre Mutter Solidarität von der Community ihrer Tante, die in einem Gewächshausprojekt am Stadtrand wohnt. Ein kommunales Projekt, bei dem sich jede Person mit ihren individuellen Fähigkeiten und Kenntnissen einbringen kann und es sogar frisches Gemüse aus eigenem Anbau gibt. “We’ll manage.”, sagt eine der Mitbewohnerinnen zu Era. Und Era glaubt ihr.
Dieses seit Jahren dahinwuchernde Wohnprojekt hat so viel internes Wissen, so viele Körper, es wird durchkommen.